Verkehr
Bei der Sihlpost verschwinden hunderte Veloparkplätze

Ab Juni werden bei der Sihlpost weniger Velos abgestellt werden können als heute. Auch der Ausbau des Velotunnels verzögert sich. Pro Velo Zürich kritisiert, es fehle an der Sicht fürs Ganze.

Florian Niedermann
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Unten Gedränge, oben gähnende Leere: Wenn die Abstellplätze bei der Sihlpost verschwinden, können Pendler ihre Velos nur noch in der Velostation abstellen.

Unten Gedränge, oben gähnende Leere: Wenn die Abstellplätze bei der Sihlpost verschwinden, können Pendler ihre Velos nur noch in der Velostation abstellen.

Florian Niedermann

Noch zeugt es davon, wie velovernarrt Zürich ist: ein wahres Meer von Zweirädern, die Pendler jeden Tag hastig an der Kasernenstrasse bei der Sihlpost abstellen, bevor sie auf ihren Zug eilen. Doch bald wird das Gewirr aus Chrom, Stahl, Alu und Gummi aus dem Stadtbild verschwinden. Derzeit weisen mehrere Infotafeln zwischen den Velos darauf hin, dass diese städtischen Abstellplätze am 30. Mai aufgehoben werden.

Der Grund: Die SBB brechen den Aufgang aus der Fussgängerpassage zum Sihlquai ab, um ihn von 10 auf 34 Meter zu verbreitern. Bis 2017 die neue Velostation für 1800 Fahrräder unter dem Europaplatz in Betrieb genommen werden kann, wird die Situation für Velo-Pendler auf der Südseite des Bahnhofs also unbequem. Denn: Zwar wird laut SBB rund ein Viertel der heutigen Abstellplätze schon «nach wenigen Tagen» wieder verfügbar sein. Doch dürfte dies auch mit den 750 Parkiermöglichkeiten in der provisorischen Station auf der Postbrücke kaum ausreichen, um die gesamte Veloflut aufzufangen, die sich allmorgendlich über diesen Teil des Bahnhofs ergiesst. Das Tiefbaudepartement der Stadt Zürich erklärt auf Anfrage zudem, dass im Strassenraum kein Platz sei, um die wegfallenden Abstellplätze zu ersetzen.

Pro Velo: «Station ist kein Ersatz»

Dass die Stadt bei der Sihlpost nicht frühzeitig für Alternativen gesorgt hat, ist für den Verein Pro Velo Zürich absolut unverständlich: Geschäftsführer Dave Durner sagt: «Diese Abstellplätze waren für Pendler sehr wichtig. Das Provisorium der Velostation ist keine zufriedenstellende Ersatzlösung, weil es sehr mühsam ist, das Velo zu den Parkplätzen im Obergeschoss hinauf zu hieven.»

Pro Velo Zürich kritisiert zudem, dass die Stadt rund um die Europaallee «elementarste Vorschriften missachtet, die sie sich selbst gegeben hat». Konkret nennt Durner die Parkplatzsituation an der Kasernenstrasse vor der Sihlpost. Dort seien gemäss der städtischen Parkplatzverordnung aufgrund der vorhandenen Laden- und Restaurationsflächen über 100 Veloparkplätze nötig, sagt er: «Bis jetzt besteht kein einziger. Stattdessen hat es Parkplätze für Autos.»

Für Durner ist dies nur eines von vielen Beispielen dafür, dass die Stadt das Velo in ihre Hochbau- und Verkehrsprojekte nicht frühzeitig und sinnvoll miteinbezieht. Er sagt, der «Masterplan Velo», den die Stadt 2012 verabschiedet hat, um den Veloverkehr zu fördern, drohe zu scheitern. «Was der Stadtrat bisher macht, ist Stückwerk ohne Strategie», erklärt Durner. Es fehle die Sicht aufs Ganze und die Vision, um dringende Probleme anzugehen.
Eines dieser dringenden Probleme betrifft ebenfalls die SBB-Anlagen – oder vielmehr: deren Überwindung. Heute müssen Velofahrer entweder den Bahnhof umrunden, um von südlichen Quartieren in den Norden der Stadt zu gelangen, oder das Gleisfeld über die Langstrassen-Unterführung beziehungsweise über die Hard- oder Europabrücke queren. Pläne für zusätzliche Gleisquerungen sind zwar schon seit Jahren auf dem Tisch. Doch erst jetzt scheint es bei zweien vorwärtszugehen.

Bau des Velotunnels folgt 2018

2018 soll der Ausbau des Stadttunnels unter dem Bahnhof beginnen. «Das Projekt liegt 2016 öffentlich auf, womöglich schon im ersten Halbjahr», sagt Pio Sulzer, der Leiter der Kommunikation des Tiefbaudepartements. Der Stollen, der parallel zur Fussgängerpassage von der Sihlpost zur Nordseite des Bahnhofs verläuft, besteht schon seit mehr als 20 Jahren. Ursprünglich war er als Autobahntunnel für die Verbindung der A3 mit der A1 gedacht. 2011 prüfte das Tiefbauamt erstmals, diese Betonhülle zu einer Verbindung für Velos auszubauen. Nach einer ersten Verzögerung hätte der Tunnel eigentlich in einem Jahr eröffnet werden sollen. Doch zog sich das Projekt hin; die Stadt verschob den Baubeginn auf 2018. Sulzer begründet dies damit, dass die vielen Bauvorhaben beim Hauptbahnhof «aus Gründen der Abhängigkeit und Baulogistik» nacheinander gebaut werden müssten, was zu Verzögerungen führe.

Noch 2012 plante die Stadt mit dem Negrellisteg, der die Kreise 4 und 5 über das Gleisfeld hinweg verbunden hätte, eine Querung als Prestigeprojekt für 30 Millionen Franken. Aus finanziellen Gründen stellte der Stadtrat das Vorhaben dann aber auf unbestimmte Zeit zurück. Dafür nimmt nun ein anderes Gleisquerungs-Projekt Fahrt auf.
Bereits 2003 präsentierte die Stadt erstmals die Idee, das Lettenviadukt bis zum Güterbahnhof-Areal im Kreis 4 zu verlängern. Eine Prüfung des Vorhabens habe nun ergeben, dass die Verlängerung machbar sei, sagt Sulzer: «Sobald diese Querung vom Kanton im regionalen Richtplan festgesetzt ist, können wir mit der Erarbeitung eines Projekts beginnen.» Wie die Geschichte des Stadttunnels aber zeigt, kann es dann noch Jahre dauern, bis Velofahrer vom Viadukt aus direkt in den Kreis 4 fahren können.