Sie gingen, versehen mit einem weissen Stock und mit einem Blindenhund als Begleiter, von Tür zu Tür und verkauften Seifen und Pflegeprodukte der Blidor AG. Nicht aus Mitleid sollten ihnen die Leute ihre Flaschen und Töpfchen abkaufen, sondern aus Interesse und Freude an den hochwertigen Produkten. «Unsere blinden Kundenberater waren stolz, eine sinnvolle Arbeit verrichten zu können», hält Thomas Geiges, Verwaltungsratspräsident der Blidor AG, fest.

Sehbehinderten ein würdiges Auskommen swichern

Sein Vater hatte 1939 zusammen mit seinem blinden Jugendfreund Gebhard Karst die Seifenfabrik Blidor gegründet und in einer ehemaligen Mühle in Langnau am Albis eingerichtet. Damals hatten sehbehinderten Menschen bloss etwa als Korber mehr schlecht als recht einen kleinen Verdienst erwirtschaften können. Den Firmengründern ging es darum, solchen Menschen ein würdiges Auskommen zu sichern.

Entscheid für die Fortsetzung

Die Invalidenversicherung war damals noch in weiter Ferne; zwar hatte das Schweizervolk schon 1925 über einen Grundsatzartikel in der Bundesverfassung abgestimmt, doch dauerte es bis zum Jahr 1960, bis das dazugehörige Gesetz in Kraft treten konnte.

Die Blidor beschäftigte blinde Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Produktion und im Vertrieb, aber auch im Aussendienst, doch mit dem Ausbau der Invalidenversicherung, welche vielen Blinden das nötige Einkommen sicherte, verlor die Firma mehr und mehr an Bedeutung für die Beschäftigung blinder Menschen.

Nachkommen entschieden sich für die Weiterführung

Thomas Geiges erinnert sich aber etwa an einen blinden Mitarbeiter, der sehr farbig schildern konnte, wie die Etiketten auf den Flaschen aussahen, obschon er sie nicht sah. Als die Fabrikgründer Adolf Geiges und Gebhard Karst hochbetagt starben, stellte sich die Frage einer Fortsetzung der unternehmerischen Tätigkeit. Im Interesse der rund 70 Angestellten und der mittlerweile grossen Kundschaft entschieden sich die Nachkommen für die Weiterführung. «Wir mussten aber einige Änderungen vornehmen, um die Firma, die zuletzt von der Substanz gelebt hatte, wieder in die schwarzen Zahlen zu führen», bemerkt Thomas Geiges.

Dritte Generation eingestiegen

Mittlerweile ist die dritte Generation am Ruder: Seine Tochter Ladina Geiges ist als stellvertretende Geschäftsführerin tätig. Das Sortiment, das während Jahrzehnten kaum verändert worden war, wurde auf neue Bedürfnisse ausgerichtet. Noch immer verkauft man Seife, aber längst nicht allein an Privatkunden, sondern auch an Grossabnehmer, samt den dazu nötigen Dispensern, die man in der Firma selber entwickelt hatte. Ob bei Seifen oder anderen Produkten für die Körperpflege: Man achtet darauf, dass die verwendeten Pflanzenessenzen wenn möglich aus zertifiziertem Bio-Anbau aus der Schweiz stammen.

Die Eigenmarke Blidor vertreibt man über verschiedene Absatzkanäle, so übers Internet, aber auch immer noch ganz konventionell durch Berater, die mit ihrem Musterkoffer vor allem in ländlichen Gegenden von Haus zu Haus gehen. Für Drittfirmen werden ebenfalls Produkte hergestellt, so eine Seife für stark verschmutzte Hände, geeignet etwa für Automechaniker. Eine Neuerfindung ist auch im Werden: Man tüftelt an einem Gel für Ultraschalluntersuchungen, der mit einem Spray applizierbar ist und der nicht so schmieren soll wie die heute gebräuchlichen Mittel.

Eine weitere Innovation, auf die man sehr stolz ist, ist ein Wasserhahn, der berührungsfrei funktioniert und wahlweise neben Wasser auch Seife oder ein Desinfektionsmittel abgibt und etwa für Ärzte und Zahnärzte geeignet ist. Die Firma, für die man produziert, vertreibt diese Hahnen weltweit.

Soziales Engagement

Das soziale Engagement haben die heutigen Betreiber der Firma beibehalten. Unter den rund 60 in der Produktion, dem Vertrieb und im Aussendienst Beschäftigten sind einige Menschen mit einem Handicap. Ausserdem wird zum Beispiel eine von Adolf Geiges und Gebhard Karst gegründete Blindenschule in Baar unterstützt. «Das ist ein wichtiger Teil unserer Unternehmensphilosophie», merkt Thomas Geiges an. Es ist ihm recht, wenn die Kundschaft das weiss, aber er betont: «Wir haben längst aufgehört, einen Blindenbonus in Anspruch zu nehmen.» Und Tocher Ladina ergänzt: «Wir bauen auf der damaligen Idee auf, aber haben sie längst weiterentwickelt und der modernen Zeit angepasst.»