Es geht um Kinder ohne eindeutiges Geschlecht, denen am Zürcher Kinderspital seit den 1950er Jahren durch Medikamente oder Operationen ein Geschlecht zugewiesen wurde. Die Behandlung der "Varianten der Geschlechtsentwicklung" fand früher meist ohne Einwilligung der betroffenen Kinder statt und bedeutete langfristig teils schwere psychische und körperliche Probleme.

Das Zürcher Universitätsspital ist gegenwärtig daran, diesen strittigen Aspekt seiner Geschichte in den Jahren 1945 bis 1970 mittels einer Studie des Schweizerischen Nationalfonds SNF aufzuarbeiten. Wichtige Grundlage sind archivierte Dokumente.

Diese sind aber offenbar lückenhaft, wie aus der Regierungsrats-Antwort auf eine Anfrage von SP, EVP und SVP hervorgeht, die am Donnerstag publiziert wurde. Verschiedene Krankengeschichten seien trotz gegenteiliger Bestrebungen vernichtet worden, schrieb die Kantonsregierung.

Es handle sich insbesondere um Akten, die wegen mangelhafter Angaben der Diagnosen gar nicht identifiziert werden konnten.

Drei Viertel aller Akten vernichtet

Aufgrund einer gesetzliche Vorgabe gingen Unterlagen des Kinderspitals aus den Jahren 1875 bis 2005 im Juli 2015 in den Besitz des Staatsarchivs über, darunter die Patientenakten. Dabei wurde, wie bei Archivierungen üblich, ein Grossteil der Dokumente vernichtet - rund drei Viertel.

Das Staatsarchiv ist laut der Regierung angehalten, von angebotenen Akten so wenig wie möglich und so viel wie nötig zu übernehmen. Ziel ist nicht die Dokumentation jedes einzelnen Falles, sondern der "Organisation und Tätigkeit der öffentlichen Organe".

Im Fall des Kinderspitals wurden Krankengeschichten ausgewählter Jahrgänge aufbewahrt und solche mit bestimmten Diagnosen. Und es wurden "zahlreiche Krankengeschichten zum Thema Intersexualität übernommen". Gesucht wurden letztere aufgrund von Angaben der SNF-Forscherinnen und der von ihnen erstellten Diagnoselisten.

Wegen mangelhafter Angaben in den Krankenakten konnten aber laut Regierung nicht alle Fälle aufgefunden werden, die aus heutiger Sicht in die Kategorie der Intersexualität fallen. Es seien zu der Thematik aber immerhin 900 Dossiers vorhanden.