Zürich

Befallen vom Samichlaus-Virus: über den strengen Job einer nicht mehr so strengen Figur

Umrahmt von Schmutzli und Samichlaus: Dölf Hitz ist seit 1973 Mitglied und seit 2007 Präsident der St. Nikolausgesellschaft Zürich.Mario Heller

Umrahmt von Schmutzli und Samichlaus: Dölf Hitz ist seit 1973 Mitglied und seit 2007 Präsident der St. Nikolausgesellschaft Zürich.Mario Heller

Dölf Hitz, der Präsident der Zürcher St. Nikolausgesellschaft erzählt über die Sonnen- und Schattenseiten des Samichlaus-Daseins.

Hier würde man den Samichlaus nicht vermuten: Die Schaltzentrale der Zürcher St. Nikolausgesellschaft liegt hinter einer Bunkertür der Zivilschutzanlage beim Strassenverkehrsamt. «Samichlaus Anlieferung» steht auf einem Schild davor.

Ein Lieferant bringt gerade das Abendessen für die Zürcher Chläuse, Schmutzli und ihre Eseli, wie die Chlaus-Chauffeure genannt werden. 38 Chlaus-Trios der Nikolausgesellschaft sind dieser Tage in Zürich und den angrenzenden Gemeinden im Einsatz.

Rund 1000-mal besuchen sie während gut zwei Wochen Familien, Altersheime, Spitäler, Firmen- und andere Anlässe, an denen Nikolaus gefragt ist. Dölf Hitz, ein 73-jähriger Rentner mit sorgfältig gestutztem Bart, nimmt die Lieferung an der Bunkertür entgegen.

Bei ihm laufen die Fäden der St. Nikolausgesellschaft zusammen. Hitz ist seit 2007 ihr Präsident – und seit 1973 als Schmutzli und Samichlaus im Einsatz.

Damals traf er in den Sommerferien auf einem Campingplatz am Meer zufällig den seinerzeitigen Präsidenten der St. Nikolausgesellschaft. «Nach dem dritten Grappa hatte er mich überredet, mitzumachen», sagt Hitz und lacht.

Wie in der St. Nikolausgesellschaft üblich, amtete er zuerst zwei Jahre als Schmutzli, ehe er ins rote Gewand steigen durfte. Seither liess Hitz nicht mehr davon ab. «Wenn es einen gepackt hat, bleibt man», sagt er. «Es ist ein Virus.» Die Freude am Freude-Bereiten halte die Chläuse bei der Stange – ehrenamtlich. Leuchtende Kinderaugen sind der Lohn.

Dabei sei der Job eines Nikolauses auch anstrengend. Im Halbstundentakt besucht er mit Schmutzli und Eseli Familien – oder das, was von Familien übrig geblieben ist. Auf einem Zettel erhält er kurz vor dem Besuch die wichtigsten Infos: Sind Mami und Papi da, oder ist es der neue Freund von Mami?

Was haben die Kinder gut gemacht, was nicht so gut? Welche dieser Informationen Schmutzli und Samichlaus dann verwenden, entscheiden sie selbst. Fingerspitzengefühl ist gefragt. «Wenn auf dem Zettel steht, das Kind mache immer noch ins Bett, lassen wir das weg», sagt Hitz. «Wir übernehmen keine Erziehungsaufgaben.»

Im Wechselbad der Gefühle

Auch die verschiedenen Milieus, in die der Samichlaus bei seinen Besuchen komme, trügen mitunter zu einem Wechselbad der Gefühle bei: Von der Luxusvilla am Zürichberg kann es in eine enge Zweizimmerwohnung im Kreis 4 gehen, vom feuchtfröhlichen Weihnachtsessen einer Firma zu Dementen im Altersheim.

Die zweijährige Lehrzeit als Schmutzli sei auch dafür da, dass Samichläuse mit solchen Extremen zurechtkämen. Zur Vorbereitung veranstaltet die St. Nikolausgesellschaft alljährlich für ihre Chläuse und Schmutzli einen Einstimmungstag.

Er dient laut Hitz primär dem Erfahrungsaustausch, doch es habe auch schon Vorträge von Kinderpsychologen oder einer professionellen Märchenerzählerin gegeben.

Glauben die Kinder noch an den Samichlaus? «Bis zum Alter von etwa 13 Jahren spielen sie das Spiel mit», sagt Hitz. Auch für ihn sei es ein Rollenspiel: «Wenn ich in das rote Gewand schlüpfe, bin ich ein anderer.»

Er werde dann zum Chlaus, einer Figur, die ihre eigenen Meinungen beiseiteschiebe und sich ganz aufs Geschichtenerzählen, Zuhören und Geschenkeverteilen konzentriere. Doch das Nikolaus-Dasein ende bei Besuchen nicht vor der Haustür.

Auch unterwegs zwischen den Häusern eines Quartiers sei Geistesgegenwart gefragt, etwa wenn Jugendliche ihn anpöbeln. Meistens liessen sich solche Situationen lösen, indem man den Rädelsführer anspreche und mit Nüssen oder einem Schöggeli vereinnahme: «Dann hat man sie im Sack.»

Das Telefon im Bunker klingelt. Dölf Hitz nimmt ab. «Eine Frau, die am 6. Dezember um 18 Uhr noch einen Samichlaus bestellen wollte», sagt Hitz kopfschüttelnd. Der Termin zur gefragtesten Zeit am Nikolaustag ist längst ausgebucht.

In der Nikolauszeit, die für die St. Nikolausgesellschaft von Ende November bis 12. Dezember dauert, sind nur noch Termine zu Randzeiten frei.

In den letzten Jahren stieg die Nachfrage nach Nikolaus-Besuchen gemäss Hitz spürbar an. «Dieses Jahr mussten wir rund 200 Anfragen abweisen.» Die Kapazitätsgrenzen der St. Nikolausgesellschaft seien längst erreicht, und bei anderen Anbietern sehe es ähnlich aus. «Junge Familien wollen Traditionen wieder aufleben lassen», meint Hitz.

Die christliche Nikolaus-Tradition spiele dabei keine grosse Rolle, zumindest bei der St. Nikolausgesellschaft: «Wir sind Waldchläuse, religiös und politisch neutral», sagt Hitz. Er sei auch schon als Nikolaus bei einer jüdisch-orthodoxen Familie gewesen. «Wir gehen zu allen, die uns bestellen.»

Bedürftige profitieren

Aus den Gebühren, die die St. Nikolausgesellschaft für ihre allesamt ehrenamtlichen Einsätze kassiert, kommen laut Hitz pro Jahr gegen 40 000 Franken zusammen, die für bedürftige Familien verwendet werden, etwa, um ihnen in einer Notsituation die Krankenkassenprämie oder ein neues Kinderbett zu bezahlen.

Insofern ist doch noch etwas da von der christlichen Tradition des heiligen Nikolaus, der seine Besitztümer vor rund 1700 Jahren an Arme verteilt haben soll.

Hinweis: Für Kinder, zu denen kein Nikolaus kommen kann, hat die Zürcher St. Nikolausgesellschaft ein Chlaus-Telefon unter der Nummer 0800 245 287 eingerichtet.
Es wird bis 7. Dezember jeweils zwischen 17 und 20 Uhr von einem Chlaus bedient.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1