Nach seiner ersten Probefahrt ist Alex Oberholzer unsicher, was er vom treppensteigenden Rollstuhl halten soll. «Interessant», sagt der gehbehinderte Filmkritiker mit hochgezogenen Augenbrauen. «Ein Mal bin ich sehr erschrocken, zwei Mal leicht.» Oberholzer hatte sich bereit erklärt, den von ETH-Studenten entwickelten Rollstuhl zu testen. Vergangenen Sonntag und nächsten Sonntag lädt das Landesmuseum Interessierte dazu ein, das Gefährt auszuprobieren. Gesteuert wird es per Joystick. Die Stufen überwindet es auf zwei Gummiraupen, die per Handybefehl ausgefahren werden.

Es ruckelt, als Oberholzer den ersten Treppenabschnitt in Angriff nimmt. Und als er sich in Schräglage manövriert, droht der Rollstuhl zu kippen. Erfinder Beni Winter steht daneben und beruhigt: «Keine Angst, es kann nichts passieren.» Nach etwas mehr als einer Minute hat Oberholzer die elf Stufen geschafft. Für ihn ist klar: «Ohne Instruktion sollte man das nicht probieren.» Die Bedienung des Rollstuhls mit dem Namen Scewo ist ihm noch zu riskant und umständlich.

Eine weitere Kritik: Das Fahrzeug ist mit 95 Kilogramm zwar leichter als andere Elektro-Versionen, aber immer noch zu schwer, um es ins Auto zu laden. Zudem ist es ihm mit einem Maximaltempo von 5 km/h auf der Geraden zu langsam. Oberholzer: «Da wünscht man sich, dass es abzischt.»

Auf Augenhöhe

Winter sagt: «Es gibt noch viel zu verbessern.» Die Bedienung soll einfacher werden, der Motor leistungsfähiger, die Spitzengeschwindigkeit auf 10 km/h erhöht. Bis im Sommer wollen Winter und seine fünf ETH-Kollegen den Prototypen zu einem verkaufsfähigen Modell überarbeiten. Vor einem halben Jahr haben sie dazu die Scewo AG gegründet. Ende 2019 soll die Innovation auf den Markt. Das Start-up rechnet mit einem Stückpreis von 30'000 Franken – dieser liege im Bereich der gängigen elektrobetriebenen Rollstühle.

Das Landesmuseum will den Vorserientyp bereits im Sommer gehbehinderten Besuchern zur Verfügung stellen. Direktor Andreas Spillmann: «Gerade im denkmalgeschützten Altbau ist der Zugang für Menschen mit Beeinträchtigung nicht immer einfach.» Zwar sind die Räume über Rampen und Lifte auch im Rollstuhl erreichbar. Doch erst mit dem Scewo könnten Gehbehinderte den Rundgang gemeinsam mit Gehenden erleben. Nebst der Treppentechnik fällt der höhenverstellbare Sitz auf. Dank ihm lassen sich Vitrinen, Objekte und Infotafeln besser betrachten – und das Gespräch mit Fussgängern ist darüber hinaus angenehmer.

Landesmuseum in der Kritik

Felicitas Huggenberger von der Behindertenorganisation Pro Infirmis drückt auf die Euphoriebremse. Forschung in diese Richtung sei zwar zu unterstützen. Doch wichtiger sei, Neubauten so zu konzipieren, dass sie für Gehbehinderte und ältere Menschen hindernisfrei seien und ohne Speziallösungen wie den Scewo auskommen.

Das Landesmuseum sei ein gutes Beispiel, wie man es nicht machen sollte. Wer eine Ausstellung erleben will, muss selbst im Neubau viele Stufen hoch und runter. Die Lifte sind nicht überall neben den Treppen. Die Eingangsrampe war anfangs zu steil und im Innenhof kam man mit dem Rollstuhl nur schlecht über den Kies. Gleichstellung sehe anders aus.

Kies im Innenhof ist neu

Zumindest, sagt Huggenberger, beweise die Museumsleitung Sensibilität und habe nachgebessert. Die Eingangsrampe wurde abgeflacht und der Kies im Hof durch rollstuhlfreundlicheren ersetzt. Was den treppensteigenden Rollstuhl betrifft, bleibt sie skeptisch. «Die Benutzer müssen das Fahrzeug reservieren und sich instruieren lassen: Ich bezweifle, dass viele diesen Aufwand auf sich nehmen und genügend Mut haben werden.»