Im ehemaligen Haus des Spielwarenhändlers Franz Carl Weber an der Zürcher Bahnhofstrasse sollen schon bald Autos verkauft werden. Die Meldung, dass Hyundai seine neue Nobelmarke Genesis ab Ende 2019 dort lanciert, sorgte erst kürzlich für Schlagzeilen. Für Stefan Nertinger, Dozent an der Fachhochschule St. Gallen, ist sie ein Paradebeispiel für den Wandel der Einkaufslandschaft: Ein alteingesessenes Fachgeschäft weicht einem Laden, der vor allem als Showroom und weniger als Versorgungseinrichtung dient.

Nertinger leitet das Forschungsprojekt «Pop Up City», an dem sich auch die Stadt Zürich beteiligt, wie sie gestern mitteilte. Ebenfalls involviert ist die Zolliker Firma Popupshops.com, Marktführer bei Pop-up-Shops, sowie die Stadt St. Gallen.

Hintergrund der Studie: Der Online-Handel verändert die Einkaufslandschaft. Betroffen ist hierzulande bislang vor allem der Non-Food-Bereich: «Ein Drittel der Heimelektronik wird online gekauft», sagt Nertinger. Bei den Lebensmitteln habe der Online-Handel hingegen erst knapp fünf Prozent Marktanteil. «Wir wollen die Salatköpfe noch anschauen», so der Forscher. Er geht aber davon aus, dass auch der wöchentliche Lebensmittel-Grosseinkauf sich in den nächsten zehn Jahren weitaus stärker als bis jetzt ins Internet verlagern dürfte.

Eine Folge dieser Entwicklung ist der Verlust von Arbeitsplätzen. Im Schweizer Detailhandel gab es Ende 2018 noch knapp 234 000 Angestellte. Das sind rund 16 000 Personen weniger als vor zehn Jahren, wie die Credit Suisse im Bericht «Retail Outlook 2019» schreibt.

Kleinere Läden, häufige Wechsel

Doch was bedeutet dieser Wandel für Läden in der Stadt – und damit auch für das Stadtleben? «Für viele Marken ist der Laden weiterhin ein optimales Marketinginstrument», sagt Nertinger. Der direkte Kundenkontakt bleibe wichtig, das Einkaufserlebnis ebenso. Aber die Läden in der Stadt würden weniger Lagerfläche brauchen, wenn der Handel vermehrt übers Internet laufe. Und: Die Inhalte der Läden würden häufiger wechseln.

Mietverträge mit Laufzeiten von zehn Jahren oder mehr seien daher immer seltener; häufiger dafür Laufzeiten von unter zwei, drei Jahren, wie sie für Pop-up-Stores typisch sind. Dies habe zum einen mit der Verunsicherung im Detailhandel zu tun, zum andern mit dem Bedürfnis der Kundschaft, immer wieder Neues zu erleben.

Wie stark sich Pop-up-Stores hierzulande in den letzten Jahren ausgebreitet haben und wie sie sich entwickeln, ist bisher laut Nertinger noch kaum erforscht. Das von Innosuisse, der Eidgenössischen Agentur für Innovationsförderung, finanzierte Projekt unter Nertingers Leitung soll dies nun ändern. Es ist auf zwei Jahre angelegt. In einer ersten Phase werden Verkaufsflächen gesucht, die sich für einen Pop-up-Store eignen. Diese werden dann im Forschungsprojekt evaluiert, wie Stadtentwicklung Zürich in einer Medienmitteilung schreibt.

Schon jetzt ist klar: «Vor allem in der Innenstadt sind Pop-up-Stores in den letzten Jahren immer häufiger sichtbar geworden», sagt Anna Schindler, Direktorin von Stadtentwicklung Zürich. Auch im Shopville des Zürcher Hauptbahnhofs oder im Einkaufszentrum Sihlcity seien sie mittlerweile fix eingeplant. «Der Detailhandel wird immer schneller und flexibler. Das ist ein Phänomen, das nicht so schnell wieder verschwindet», fügt sie an.

Schindler ist überzeugt: «Die Stadt wird als Einkaufsort attraktiv bleiben, die Innenstadt sowieso, ebenso Mobilitätszentren wie Bahnhöfe und Flughäfen.» Schwieriger werde es in den Quartierzentren. Sie erhofft sich daher von der nun anlaufenden Studie auch Erkenntnisse zur Frage, wie Pop-up-Stores in Quartierzentren Fuss fassen können. Entscheidend sei die Kooperation von Immobilienbesitzern und Detailhandel.

Ein Faktor sind dabei auch die immer noch hohen Leerstände von Büro- und Verkaufsflächen. Sie spielen vor allem an schlechteren Lagen und in mittelgrossen Städten eine Rolle als Treiber für Pop-up-Stores, wie Nertinger festhält.

Der Forscher betont jedoch: «Pop-up-Stores sind kein Notnagel.» Sie entsprächen vielmehr den Bedürfnissen von Kunden, die öfter mal was Neues wünschen.