Zürich
Bedroht vom eigenen Kind – nun reagiert der Elternnotruf

Geschlagen, beschimpft, eingeschüchtert: In jeder zehnten Zürcher Familie wird die Mutter oder der Vater vom eigenen Kind tyrannisiert. Nun reagiert der Elternnotruf Zürich.

Heinz Zürcher
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Gewalt an Eltern wird tabuisiert oder bagatellisiert, sagt Britta Went, Beraterin beim Elternnotruf Zürich.

Gewalt an Eltern wird tabuisiert oder bagatellisiert, sagt Britta Went, Beraterin beim Elternnotruf Zürich.

Thinkstock

Sandro ist 15 Jahre alt, wohnt mit seinen zwei jüngeren Geschwistern bei der alleinerziehenden Mutter. Der Vater ist kaum präsent, ansonsten scheint das Familienleben intakt. Es gibt weder Geldsorgen noch fällt Sandro in der Schule ab. Er ist fleissig und anständig. Doch in den letzten Wochen ging Sandro immer häufiger aus, war morgens oft müde. Als ihn die Mutter an einem Montagmorgen weckt, schickt er sie weg. Er werde die Schule schwänzen, macht er ihr klar. Die Mutter will ihn aus dem Bett zerren, es kommt zum Gerangel, Sandro holt aus und schlägt ihr mit der flachen Hand ins Gesicht.

Über alle Schichten hinweg

Solche und ähnliche Vorfälle sind keine Seltenheit. Allein im Kanton Zürich geht der Elternnotruf von jährlich 100 Fällen massiver Elternmisshandlung aus. Die Beratungsstelle schätzt, dass in jeder zehnten Familie ein Kind oder Jugendlicher die Mutter oder den Vater körperlich angreift, bedroht oder mit regelmässigen Sachbeschädigungen tyrannisiert. Und zwar in allen sozialen Schichten, egal wie gebildet, integriert und vermögend die Familie ist – egal, ob das Kind autoritär erzogen wird oder viele Freiheiten geniesst.

Nur eines lässt sich aus den Erfahrungen des Elternnotrufs sagen: Dass alleinerziehende Mütter stärker gefährdet sind und männliche Jugendliche häufiger zuschlagen, während Mädchen eher emotionale Gewalt anwenden.

Die Öffentlichkeit nimmt davon kaum Notiz. «Das Thema wird tabuisiert ¬oder bagatellisiert», sagt Britta Went, Beraterin beim Elternnotruf Zürich. «Betroffene Eltern wollen sich lange nicht eingestehen, dass sie Angst vor ihrem Kind haben. Sie blenden die Bedrohung aus oder geben sich die alleinige Schuld.»

Verstärkt wird das Problem, wenn das Umfeld mit Unverständnis reagiert. Wenn die Schulleitung gar nicht glaubt, dass der Musterschüler seine Mutter schlägt; wenn der Nachbar lapidar bemerkt, dass sie sich eben wehren müsse.

Falscher Schutz

Häufig beginnen die Übergriffe schleichend. Vor ein paar Wochen hat sich Sandro vor seiner Mutter aufgebaut, als sie ihn abends nicht aus dem Haus lassen wollte. Ein paar Tage später spedierte er sie aus dem Zimmer, als sie ihn aufforderte, endlich einmal aufzuräumen. Erst danach kam es zum besagten Schlag. Sandro blieb auch in den folgenden Tagen von der Schule fern.

Manche Eltern geben dann auf, lassen ihr Kind gewähren und nehmen es in Schutz. Sandros Mutter meldete den Jungen bei der Schule krank. Sie wollte ihren eigenen Sohn nicht verraten.

Das Problem blieb. Mehr noch: Die Mutter fühlte sich ohnmächtig, begann an ihrer Erziehung und sich selbst zu zweifeln. Aus Scham und Schuldgefühlen behielt sie die Vorkommnisse zunächst für sich. Aus der Situation herauszukommen, wurde immer schwieriger – vor allem alleine. Erst nach einer Weile meldete sie sich beim Elternnotruf.

Stimme der Not

Mit dem Pilotprojekt «Dranbleiben» gibt der Elternnotruf seit kurzem Müttern und Vätern ein Werkzeug in die Hand, mit dem sie aus der familiären Gewaltspirale aussteigen können. Das ist manchmal ein längerer, manchmal ein kürzerer Weg. So oder so kostet er die Eltern Kraft und Geduld.

Elternnotruf Zürich: Rund um die Uhr erreichbar

Der Elternnotruf ist eine Anlaufstelle für Eltern oder Bezugspersonen von Kindern und Jugendlichen in jedem Alter sowie für Fachleute. Er wurde 1983 als privater, politisch und konfessionell neutraler Verein gegründet. Er finanziert sich zu einem Drittel über Spenden. Der Elternnotruf in Zürich nimmt pro Jahr rund 3800 Anrufe entgegen und führt um die 500 Beratungsgespräche. Neun Berater und Beraterinnen sorgen dafür, dass der Notruf rund um die Uhr kontaktiert werden kann. Vier Fachpersonen aus dem Team führen insbesondere Gespräche in Gruppen oder im Rahmen des neuen Projekts «Dranbleiben». Der Pilotversuch richtet sich an bedrohte Eltern, die sich fachliche Unterstützung wünschen. Die Tarife variieren je nach Einkommen zwischen 20 und 180 Franken pro Stunde.

www.elternnotruf.ch.
Tel. 0848 35 45 55 oder 24h@elternnotruf.ch

In den Beratungen wird ihnen gezeigt, wie sie in einem ersten Schritt Deeskalieren und die Selbstkontrolle zurückerlangen. «Es geht zunächst darum, sich sicher zu fühlen, ein Netzwerk zu schaffen, das einem hilft, wieder ohne Angst dem Kind gegenüberzutreten», sagt Projektleiterin Britta Went. Zum Beispiel mithilfe einer vertrauensvollen Nachbarin oder Freundin, die Bescheid weiss und im Notfall einschreiten könnte.

Denn letztlich sollten Eltern dem Konflikt begegnen. Nicht indem sie zurückschlagen, eine Predigt halten oder das Kind bestrafen. Dadurch werden die Fronten nur noch härter. «Die Eltern müssen den Ausstieg aus dem Machtkampf schaffen, ein Kind ist nicht dazu fähig», sagt Britta Went. «Nur so können sie ihre Hilflosigkeit überwinden.»

Mit Bedrohungen und Beschimpfungen drücken Kinder und Jugendliche aus, dass sie in Not sind, dass sie Halt brauchen. Der Ursprung bleibt häufig unklar. Und nach den Ursachen zu suchen, führt meist in die Sackgasse, zu Stigmatisierung und Beschuldigung.

Präsenz des Vaters wirkte

Patentrezepte gibt es nicht. Bei Sandro wurden die Lehrer informiert. Der Vater konnte stärker eingebunden werden. Sandro schwänzte zwar weiterhin den Unterricht. Aber die Mutter fühlte sich nicht mehr allein, erlangte ihre Sicherheit zurück und traute sich nach einer Zeit, wieder mit ihrem Sohn zu reden. Mit dem Ex-Mann setzte sie sich jeden Morgen ins Zimmer des Jugendlichen. Sie gaben ihm zu verstehen, dass sie den Raum nicht eher verlassen, bis er aus den Federn steigt.

«Primär ging es nur darum, dass er aufsteht und das Haus verlässt», sagt Britta Went. Wichtig war, sich nicht zu verzetteln, sondern die Priorität auf dieses eine Ziel zu legen. Nach ein paar Tagen erschien Sandro wieder pünktlich in seiner Klasse. Dass sich der Vater Zeit genommen hat und die Eltern eine gemeinsame Haltung vertraten, hat offenbar gewirkt.
Manchmal reicht es schon, dem Kind zu signalisieren, dass man externe Hilfe holt, weil einen die familiäre Schieflage derart belastet. Um Sandro kraftvoll und sicher zu begegnen, liess sich die Mutter über mehrere Sitzungen begleiten. Eine schnelle Lösung war unrealistisch.

«Du bist mir wichtig»

Über den konkreten Konflikt hinaus sollte versucht werden, die Beziehung wieder zu festigen. Dem Kind zu beweisen, dass man für es da ist. Das bedeutet anfangs vielleicht nur, ihm in die Augen zu schauen und liebevoll guten Morgen zu sagen. «Je nach Vorgeschichte kann das schwierig sein», sagt Britta Went. Aber es ist ein Zeichen, eine Botschaft, die sagt: «Ich bleibe präsent in deinem Leben. Und du bist mir wichtig – auch wenn du mir jetzt noch den Rücken zukehrst.»