Zürich
BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti: «Ich bleibe nicht lange liegen»

Vor einem Monat schaffte die Illnauer BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti die Wiederwahl nicht. Jetzt sagt sie, wie es ihr heute geht und wie die Zukunft ihrer Partei aussieht.

Nadja Ehrbar
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Rosmarie Quadranti will sich auf ihre Beratungsfirma für Schulbelange konzentrieren.

Rosmarie Quadranti will sich auf ihre Beratungsfirma für Schulbelange konzentrieren.

Marc Dahinden

Frau Quadranti, am 20. Oktober wurden Sie aus dem Nationalrat abgewählt ...

Rosmarie Quadranti: ...«nicht wiedergewählt» tönt sympathischer. Die Legislatur war ja fertig, und ich bin für die nächsten vier Jahre nicht wiedergewählt worden.

Sie waren am Boden zerstört, wie Sie selbst gegenüber den Medien sagten. Wie geht es Ihnen heute?

Mir ging es beschissen. Und ich bin auch heute noch der Meinung, dass es nichts schönzureden gibt. Ich habe aber auch gesagt, dass ich wieder aufstehen werde. Denn ich bleibe nicht gerne lange liegen. Und bei den ersten Aufstehversuchen bin ich jetzt angelangt.

Trotzdem kommt man wohl nicht umhin, eine Nicht-Wiederwahl persönlich zu nehmen.

Natürlich nimmt man das persönlich. Am liebsten würde man ja sagen: Seht ihr denn nicht, was ich alles geleistet habe? Und: Weshalb kann ein Andreas Glarner, der immer wieder mit fremdenfeindlichen und sexistischen Aussagen provoziert, weiterhin nach Bern und ich nicht? Da kommen Frust und Wut hoch. Und immer wieder Trauer darüber, dieses hoch spannende Amt nicht mehr ausüben zu dürfen.

Stellt man sich nicht auch die Frage nach dem Warum?

In einer solchen Situation darf man das nicht. Denn sonst hätte ich vor drei Jahren auch nach dem Warum fragen müssen, als mein Mann an Krebs starb. Doch darauf gibt es keine gescheite Antwort.

Was hat Ihnen schliesslich geholfen, wieder aufzustehen?

Das sind die vielen Nachrichten von Nationalrats-, Ständerats- und Bundesratskollegen und -kolleginnen und sonstigen Freunden oder meine Familie, die bedauern, dass ich nicht mehr in Bern sein werde, und sagen: Du wirst fehlen. Natürlich gab es auch jene SVP-Exponenten, die froh sind, dass nun eine Verräterin weniger dasitzt. Doch das ist die Minderheit, zum Glück.
Dass Sie nun für die Kommissionsarbeit trotzdem noch nach Bern müssen, bis die Legislatur

Ende November definitiv zu Ende ist, ist das schwierig?

Nein, im Gegenteil. Schlimm wäre es gewesen, wenn ich den Badge fürs Bundeshaus gleich nach der Wahl hätte abgeben müssen. So kann ich mich noch von jemandem in den Arm nehmen lassen, kann mich von den Leuten verabschieden. Denn nur wer freiwillig abtritt, wird auch offiziell verabschiedet.

Was haben Sie in den acht Jahren im Nationalrat gelernt?

Ich habe meinen Horizont in einer Weise erweitern können, wie ich das wohl in keinem anderen Job je hätte tun können. Mir ist bewusst geworden, dass unser Land keine Insel ist, dass wir unglaublich abhängig von anderen sind und dass wir deshalb miteinander und mit unseren Nachbarn reden müssen. Wir müssen solidarisch und offen für das Leid anderer sein.
Ein linkes Anliegen, würden SVP-Politiker jetzt wohl sagen.

Das ist mir egal. Ich habe mich schon immer gegen das Links-rechts-Schema gewehrt und die Sache in den Mittelpunkt gestellt. Bei einer Wirtschaftskrise beispielsweise braucht es eine vernetzte Betrachtung, man muss sich überlegen, welche Möglichkeiten man hat, und zwar jenseits des Links-rechts-Schemas.

Worauf sind Sie bezüglich ihrer Arbeit als Nationalrätin stolz?

Auf meinen Vorstoss zur Anschlussfinanzierung für familienergänzende Kinderbetreuung im Jahr 2013, den wir durchgebracht haben. Und darauf, dass die LGBT-Gemeinschaft («lesbian, gay, bisexual and transgender», Anm. der Redaktion) wieder an die Politik glaubt, weil sie sich um ihre Anliegen kümmert. Ich muss mir auf jeden Fall im Spiegel nicht die Zunge herausstrecken und sagen, ich hätte einen Seich gemacht.

Von einem Tag auf den anderen nicht mehr Nationalrätin. Hat Sie das in finanzielle Not gebracht?

In finanzielle Not nicht, aber das Einkommen bricht dramatisch zusammen. Von meiner Witwenrente und der Pensionskasse meines Mannes könnte wahrscheinlich manch einer ein
Leben lang auskommen. Ich nage nicht am Hungertuch, und das ist gut. Es ist aber nicht
mit Arbeit verbunden, und das ist ein Nachteil. Ich kann nicht von einer 70-Stunden- plötzlich auf eine 20-Stunden-Woche wechseln. Da würde ich versauern.

Sie haben eine Beratungsfirma für Schulentwicklung, für den Aufbau von Tagesschulen und für Organisationsentwicklung gegründet, für die Sie jetzt intensiv Kunden akquirieren möchten. War das schon vor der Wahl Ihr Plan B?

Ja, das kann man so sagen. Ich wäre aber sowieso nur noch vier Jahre im Nationalrat geblieben. Eher weniger lang, um einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger Platz zu machen.

Ist das nun das Ende Ihrer politischen Karriere?

Ja. Ich wüsste nicht, wer mich mit meinen 62 Jahren noch für irgendein Amt anfragen wollte.

Ist das auch das Ende der Zürcher BDP?

Nein. Denn es ist eine gute Partei, ohne sie wäre ich nie auf einer Nationalratsliste erschienen. Und es braucht weiterhin eine starke Mittepartei, die eine leise, saubere Politik betreibt, und keinen Guru, der den Tarif durchgibt und das System schlechtmacht. Denn das ist eine Gefahr für die direkte Demokratie.

Offenbar muss man aber laut sein, damit man gewählt wird.

Wir hatten kein G für Grün im Namen, deshalb haben wir Wähler verloren, obwohl wir uns auch für die Umwelt einsetzen. Nun gilt es, Kandidatinnen und Kandidaten wieder aufzubauen, zuerst auf Gemeinde-, dann auf Kantonsebene. Und irgendwann werden wir wieder in
den Nationalrat kommen. Die Inhalte einer Partei wie der BDP sind wichtig, und sie haben eine Zukunft. Davon bin ich überzeugt.