Jeder Bauarbeiter kann ein Lied davon singen: Plötzlich ist sein Bohrer verschwunden, die Säge weg – von einem der Kollegen unter den Nagel gerissen. Die Bauherren stimmen ein ins Klagelied: Kupferkabel, sanitäre Anlagen oder Küchengeräte. Von einer nicht vollständig gesicherten Baustelle verschwindet alles, was sich ummünzen lässt oder für den Eigengebrauch eignet.

Welche Folgen das hat, gerade bei speziellen Grossbaustellen, erfährt man auf dem Areal der ehemaligen Toni-Molkerei in Zürich-West. Die zuständige Daru-Wache ist wegen Diebstahl und Vandalismus zur vollständigen Überwachung rund um die Uhr übergegangen. In das neue Riesengebäude wird bald die Zürcher Hochschule einziehen sowie Bewohner von 100 Wohnungen.

Vor der Baustelle wimmelt es von uniformiertem Sicherheitspersonal. Auf das von Gittern vollständig umrundete Toni-Areal kommt keiner, der nicht autorisiert, kontrolliert und registriert ist. Die Bauarbeiter müssen den Arbeitsplatz durch elektronische Sicherheitsschleusen betreten. Material-Anlieferer werden von ihrer Einfahrt in die Baustelle, zum Abladen der Fracht an der vorgesehenen Stelle bis zur Wegfahrt begleitet. So wird verhindert, dass jeder einfach irgendwo seine Ladung hinstellt, aber auch, dass Sachen rausgeschmuggelt werden.

Isabella Thoma, Objektleiterin der Daru-Wache AG Zürich, und ihr Mann Roger Thoma, Geschäftsführer der Filiale Zürich, sind schon lange im Sicherheitsgeschäft tätig. Isabella Thoma sagt: «Die komplette Überwachung von Baustellen wird immer mehr ein Thema. Denn die entstandenen Schäden kosten mehr als die Rundumüberwachung durch unsere Leute.»

Vandalismus macht den Sicherheitsleuten ebenso viel Kopfzerbrechen wie Diebstahl. Und zwar nicht nur von Aussenstehenden. «Auf dieser Grossbaustelle arbeiten so viele Firmen nebeneinander. Die sind sich teilweise nicht wohlgesinnt. Da kommt es schon mal vor, dass ein neuer Boden von der Konkurrenz mutwillig beschädigt wird und alles nochmals gemacht werden muss.»

Auch die Bauarbeiter untereinander machen sich das Leben schwer und zerstören das eben vollendete Werk ungeliebter Kollegen. «Deshalb kommt es oft vor, dass ein Sicherheitsmitarbeiter von uns neun Stunden neben ein paar Handwerkern stehen muss, um sicherzustellen, dass bereits gemachte Arbeiten nicht beschädigt werden.»

Nicht hinter jeder Zerstörung steckt böser Wille. Oft sind es auch schlicht Gleichgültigkeit oder Faulheit. Die Lifte im Areal sind bereits in Betrieb. In jedem steht – kein Witz – ein Liftboy. «Unbewachte Lifte werden von den Arbeitern mit Gabelstaplern befahren und so beschädigt oder völlig überladen, sodass sie absacken. Ständig den Lift flicken kommt teurer als ein ‹Liftboy› von uns», so Thoma.

Auf der ganzen Baustelle herrscht Rauchverbot. «Das muss sein, sonst würden die Arbeiter ihre Zigaretten auf neuen Parkettböden austreten, überall Brandlöcher machen. Hauptursache für das Verbot ist natürlich die Brandgefahr.»

Die Überbauung vom Toni-Areal stellte die Daru-Wache AG vor ganz neue Herausforderungen. Die Hochschule benötigt spezielle Räume, ausgerüstet mit teurem Equipment. Die Luxuswohnungen sind mit wertvollen Küchengeräten, Böden, Sanitäranlagen ausgestattet. Das alles braucht Schutz. «Während der ganzen Bauzeit, die nun rund zwei Jahre dauerte und voraussichtlich im Frühling fertig ist, tauchten immer wieder Sicherheitslücken auf, die wir schliessen mussten. Wir lernten mit dem Voranschreiten der Bauarbeiten», erklärt Thoma.

Es existiert ein Badge-System für die rund 1000 Arbeiter, die den Bau täglich bevölkern. Die Badges auszustellen, ist nicht immer einfach mit dem komplexen Arbeitsbewilligungs-System für Ausländer, das Schwarzarbeit verhindern soll. Sicherheitsschleusen sind zwar keine Neuheit auf Grossbaustellen, jedoch die konstante Überwachung, die Thoma aufgezogen hat: «Wir kontrollieren, wie oft jemand mit seinem Badge durch die Schleuse geht. Kommt uns ein zu oftes Rein und Raus verdächtig vor, muss derjenige antraben.

Denn das kann bedeuten, dass er seinen Badge einem Unberechtigten gegeben hat, der so auf die Baustelle zu gelangen versucht.» Die Vorkehrungen werden rigoros eingehalten. Wer gegen die Regeln verstösst, wird verwarnt oder kann gleich seine Sachen packen. Thoma fackelt nicht lange.«Wer meint, er müsse uns frech kommen oder drinnen raucht, fliegt raus. Das Rauchverbot haben wir oft genug kommuniziert.»

Da der Bau in der Endphase ist, sind mehrere Räume bereits fertiggestellt. Die Heizung läuft bereits. Um die Wärme im Gebäude zu behalten, gibt es eigens dafür abgestellte Sicherheitsleute, die ständig durch das Gebäude patrouillieren, um all die immer wieder irgendwo unbedacht offen gelassenen Türen oder Fenster zu schliessen.

In die fertiggestellten Räume hat niemand mehr Zutritt. Sie sind verschlossen. Auch hier musste man sich ein System überlegen, falls noch kleine Schlussarbeiten erledigt werden müssen. Ein Schlüsselverantwortlicher hat nun die Aufgabe, diese Räume nur noch für solche Arbeiten aufzuschliessen und die Arbeiter darin nie allein zu lassen. «Wenn ein solcher Raum nur schon eine Stunde unbewacht offen bleibt, hat nachher garantiert jemand die Toiletten benutzt, Schmutz reingetragen – oder unser Lieblingsspiel: Irgendetwas beschädigt», so Thoma.

«Ihr seid schlimmer als die Polizei» oder «In ein Flugzeug kommt man einfacher als auf diese Baustelle». Solche und ähnliche Sprüche müssen sich die Sicherheitsleute – erstaunlich viele Frauen – oft anhören. Aber sie kennen kein Pardon. Es gibt keine Ausnahme. Auch nicht für Bekannte.

Während des Interviews kommt ein Lieferant und will Zugang zur Baustelle. Er kennt die Chefin persönlich, wird herzlich begrüsst. Sie verweist ihn freundlich, aber bestimmt an die Empfangsloge, wo er sich anmelden muss, um sich zu registrieren und an den richtigen Eingang gelotst zu werden – die dortigen Torwächter müssen ebenfalls wissen, dass er zutrittsberechtigt ist.

Eben dieses Prozedere habe der Lieferant zu umgehen versucht, erzählt die Wachhabende vom Haupteingang der Chefin, kaum ist der Lieferant weg: «Er meinte, er könne einfach mal hier rein und stand lieber eine Stunde vor dem Tor, anstatt sich endlich richtig anzumelden, wie ich es ihm gesagt habe.»

Solch umfassende Sicherheitsmassnahmen, die unter allen Umständen durchgesetzt werden, sind sich noch nicht alle gewohnt. Aber je länger, je mehr werden sie sich damit abfinden müssen. Mit den Erfahrungen, die die Daru-Wache AG auf dem Toni-Areal gesammelt hat, kann sie sich als Spezialistin für solche Grossprojekte anbieten. Und sie wird Abnehmer finden: Wenn eine Rundumüberwachung günstiger ist als Diebstahl und Vandalismus, wird dem Bauherrn der Entscheid einfach gemacht.