Wahlkampf

Bauhelm, Schlankheitskur, Stoppelbart und Fussballschuhe

Wahlkampf Was Parteien und Kandidaten für Botschaften verbreiten – und wie sie finanziert werden

Wahlkampf ist eine plakative und papierene Angelegenheit – auch im Zeitalter der Online-Kommunikation. Denn am meisten Geld stecken die Parteien in Flyer und Plakate, wie eine Umfrage unter den Zürcher Kantonalparteien ergab. Über die genauen Beträge herrscht vor allem bei der SVP und der FDP Stillschweigen. Doch dazu später. Schliesslich soll es in der Politik um Inhalte gehen. Welche Botschaften verbreiten die Wahlkämpfer also auf den Plakatwänden? Warnung: Die folgende Plakatkritik ist subjektiv, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und – dies als Trost für die übergangenen Plakate – grundsätzlich kritisch.

Präsenz am Ort mit der schweizweit höchsten Publikumsfrequenz, dem Hauptbahnhof Zürich, markieren jene Parteien, die über Geld lieber schweigen. Die Zürcher FDP präsentiert sich als Fussballteam, symbolisiert durch blaue Fussballschuhe mit den Namen Fiala, Noser, Walti und Portmann. «Eingespielt und treffsicher» seien ihre Nationalratsmitglieder, versichert der grosse Schriftzug unter den Schuhen.

Nur: Die Schuhe sehen völlig ungebraucht aus. Naturrasen oder gar schlechtes Wetter dürften sie noch nie erlebt haben. Auch mit Fussballschuhen, die an sich Volksnähe versprechen, erscheint die FDP so als Partei der Teppichetagen. Altes Personal in neuen Schuhen also? Saisonstart? Neuanfang mit bewährten Kräften? Darauf läuft die werberische Idee wohl hinaus. Schliesslich hat der Zürcher Freisinn nach jahrzehntelangem Niedergang zuletzt mit beachtlichen Wahlerfolgen wieder Tritt gefasst. Bleibt die Frage, wie Doris Fiala mit hohen Stilettabsätzen Fussball spielen kann. Egal. Ein Hingucker ist ihr plakatives Schuhwerk allemal.

SVP peilt Generationenwechsel an

Im Untergrund des Hauptbahnhofs lächelt SVP-Ständeratskandidat Hans-Ueli Vogt siegessicher von einer Plakatwand. Der Text dazu suggeriert etwas gewagt, dass seine Wahl eigentlich selbstverständlich ist: «Ständerat Hans-Ueli Vogt – der brillante Kopf für Zürich». Was der «brillante Kopf» will, erschliesst sich aus dem Plakat kaum. Höchstens aus dem Kleingedruckten: «Schweizer Qualität», heisst es da im SVP-Sonnenlogo. Dazu muss man wissen, dass Vogt der geistige Vater der Volksinitiative «Landesrecht vor Völkerrecht» ist. Doch davon erfährt der Passant nichts. Dafür sieht er einen jugendlich lächelnden Mann mit Stoppelbart, der einem auch in einer Zürcher Szenebar begegnen könnte. Die Botschaft: Die Zürcher SVP, deren jetzige Delegation im Bundeshaus das Durchschnittsalter zum Teil kräftig nach oben drückt, peilt den Generationenwechsel an. Den Dreitagebart liess sich Vogt übrigens erst zu Beginn des Wahlkampfs wachsen.

Ohne Dreitagebart, dafür innert fünf Monaten um 30 Kilo abgespeckt, wie er auf seiner Internetseite stolz meldet, präsentiert sich SP-Ständeratskandidat Daniel Jositsch. Sein Auftritt ist weniger siegessicher als jener von Vogt: Das Lächeln etwas schiefer – und die Wahl noch nicht vorausgesetzt: «in den Ständerat» steht unter seinem Namen. Es ist denn auch schon länger her, seit die Zürcher SP im Ständerat vertreten war: Man schrieb das Jahr 1983. Emilie Lieberherr war der Name. Zum Vergleich: Der letzte Zürcher SVP-Ständerat trat 2007 aus dem Stöckli ab. Sein Name: Hans Hofmann. Doch zurück zu Jositschs Plakatauftritt: «Für alles, was Recht und gerecht ist», lautet seine Parole. Klar: Der Mann ist Strafrechtsprofessor. Das Politparkett in Bern betrat er mit Vorschlägen zur Verschärfung des Jugendstrafrechts. Er zählt eher zum rechten Flügel der SP, was seine Wahlchancen erhöhen dürfte. Jositsch und Recht, das leuchtet ein. Aber Jositsch und Gerechtigkeit? Werbung arbeitet mit Assoziationen. Die Assoziation dazu: Jositsch ist seit 2011 Präsident des Kaufmännischen Verbands Schweiz und somit auch im Einsatz für Arbeitnehmerinteressen. Die Parole bringt den Spagat zum Ausdruck, den Jositsch für seine Wahl machen muss: von rechts bis links.

Einfacher macht es sich CVP-Nationalratskandidat Josef Wiederkehr: «Ich bin CVP», lautet sein Wahlspruch. Dazu präsentiert sich der Dietiker Bauunternehmer mit Helm auf einem Baugerüst, unterschrieben mit: «Ich bin dabei, weil hier konstruktiv politisiert wird.» Das ist weniger prätentiös als bei den grösseren Parteien. Allerdings sind Wiederkehrs Chancen auf eine Wahl in den Nationalrat auch deutlich kleiner.

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