Fairer Wohnen
Baugenossenschaften kontern FDP-Angriff gegen Tieflohnbezüger

Wer in einer Wohnung eines staatlich geförderten Wohnbauträgers wohnt, soll maximal das Vierfache seiner Miete verdienen dürfen, fordert die FDP. Tieflohn-bezüger müssten demnach auf die Strasse gestellt werden,rechnet der Genossenschaftsverband vor.

Matthias Scharrer (Text und Foto)
Merken
Drucken
Teilen
Siedlung der Familienheimgenossenschaft Zürich: Grossverdiener sind selten und bezahlen Zuschlag.

Siedlung der Familienheimgenossenschaft Zürich: Grossverdiener sind selten und bezahlen Zuschlag.

«Fairer Wohnen bei Vater Staat»: Mit dieser Parole sind fünf Gemeinderatskandidaten der Stadtzürcher FDP Kreis 7 und 8 in den Wahlkampf gezogen. Dem gleichnamigen Komitee gehört auch ihr Parteikollege Filippo Leutenegger an. Er kandidiert am 9. Februar fürs Zürcher Stadtpräsidium, um die rot-grüne Dominanz in Zürich zu brechen. Die Freisinnigen haben sich ein zentrales Thema der Zürcher Linken vorgeknöpft: den gemeinnützigen Wohnungsbau. Genauer: jenen, bei dem Wohnbauträger von der öffentlichen Hand Darlehen, Bauland, Baurechte, Abschreibungsbeiträge oder andere Vergünstigungen erhalten. Ein Marktsegment, das wachsen dürfte, haben doch die Stimmberechtigten entschieden, dass der Anteil gemeinnütziger Wohnungen in Zürich von einem Viertel auf ein Drittel steigen soll.

Mit einer Einzelinitiative, die vom Stadtparlament kürzlich überwiesen wurde, und mit einer Petition fordern die Freisinnigen nun, dass für die Mieter staatlich unterstützter Wohnbauträger künftig strengere Vorschriften gelten. Demnach darf der Bruttolohn der Bewohner solcher Wohnungen das Vierfache der Miete nicht überschreiten.

Peter Schmid, Präsident der Zürcher Sektion des Verbandes Wohnbaugenossenschaften Schweiz, rechnete gestern bei einem Mediengespräch vor, was dies für Folgen hätte. Er stützte sich dabei auf Beispiele der von ihm präsidierten Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich (ABZ), der grössten Genossenschaft in Zürich.

Maximallöhne von 2813 Franken

So dürfte das Haushaltseinkommen von Bewohnern der ABZ-Altbausiedlung Kanzlei, wo die Durschnittsmiete bei 703 Franken liegt, 2813 Franken nicht übersteigen. Auch in der Neubausiedlung Ruggächer hätte die FDP-Initiative drastische Einkommenslimiten zur Folge: Die Durchschnittsmiete liegt hier bei 1441 Franken. Das Höchsteinkommen betrüge demnach 5768 Franken. Im Schnitt kosten ABZ-Wohnungen laut Schmid 1100 Franken pro Monat.

Auch über die Einkommensstruktur der ABZ-Bewohner orientierte Schmid. Demnach haben drei Viertel der ABZ-Haushalte steuerbare Jahreseinkommen unter 60 000 Franken, 95 Prozent unter 100 000 Franken und 99 Prozent unter 150 000 Franken.

Bei der zweitgrössten Genossenschaft in Zürich, der Familienheimgenossenschaft (FGZ), sind Grossverdiener laut Schmid ebenfalls selten: 57 Prozent ihrer Haushalte haben steuerbare Einkommen unter 69 000 Franken, 20,5 Prozent versteuern 69 000 bis 93 400 und 22,5 Prozent über 93 400 Franken. Letztere bezahlen einen Solidaritätszuschlag von 125 Franken pro Monat, der ärmeren FGZ-Mietern zugute kommt.

Bleibt die Frage, wie stark die Stadt Baugenossenschaften unterstützt. Schmid wertete dafür alle Landgeschäfte der Stadt Zürich seit 1960 und weitere Wohnbaugeschäfte, die Genossenschaften betreffen, aus. Resultat: 30 Prozent aller Genossenschaftswohnungen in Zürich stehen auf Land, das die Stadt verkauft oder im Baurecht abgegeben hat.

Inwieweit die Genossenschaften dabei Vergünstigungen genossen, konnte Schmid nicht genau eruieren. Bei einem grossen Teil habe es sich um günstige Darlehen gehandelt, die zurückbezahlt wurden. Zudem verdiene die Stadt auch mit Baurechtsverträgen aufgrund der Zinsen und der Wertsteigerung des Landes oft mehr, als wenn sie das Land verkaufte.

Einen weiteren Aspekt brachte Barbara Thalmann (SP), Sozialvorsteherin von Uster, im Hinblick auf die FDP-Initiative zur Sprache: das Thema soziale Durchmischung. «Es ist wertvoll, wenn in einer Siedlung nicht nur Leute mit sozialen Problemen wohnen.»