Protest
Bauern verteidigen ihr Ackerland gegen den Humusabbau

Der Bauernverband stellt sich gegen Naturschutzprojekte auf landwirtschaftlichem Kulturland. Um ein Zeichen zu setzen fuhren deshalb gestern in Henggart nebst den Baumaschinen auch Traktoren auf.

Oliver Graf
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Der Zürcher Bauernverband demonstriert in Henggart gegen Humusabbau. Donato Caspari

Der Zürcher Bauernverband demonstriert in Henggart gegen Humusabbau. Donato Caspari

In Henggart sind Baumaschinen aufgefahren: In der Witteri-Waldlichtung wird die Erdschicht abgetragen. Das kantonale Tiefbauamt, genauer dessen Fachstelle Naturschutz, lässt in diesen Tagen rund 10 000 Kubikmeter Humus nach Ellikon an der Thur transportieren. Dort soll die Erde in einen Acker eingebracht werden. Die Witteri, die vor weniger als 100 Jahren noch ein Flachmoor war, soll nun wieder in ein Feuchtgebiet umgestaltet werden.

Die Fachstelle Naturschutz spricht von «Renaturierung». Der Zürcher Bauernverband nennt es einen «Handstreich» und nimmt auch den Begriff «Sündenfall» in den Mund.

Denn dem Bauernverband geht es um etwas Grundsätzliches, wie er gestern an einer Pressekonferenz im offenen Feld erklärte. «Wir müssen uns für unsere Produktionsgrundlagen einsetzen», sagte Hans Frei, Präsident des Zürcher Bauernverbandes und SVP-Kantonsrat. Es gehe nicht an, dass wertvollster Ackerboden verschwinde. Auch wenn dies im Namen des Naturschutzes geschehe.

«Es ist genug»

«Der Zürcher Bauernverband ist nicht mehr bereit, solche perversen Auswüchse hinzunehmen.» Der Biodiversität und dem ökologischen Ausgleich sei in der Vergangenheit flächenmässig Rechnung getragen worden. «Qualitativen Verbesserungen stehen wir nicht im Weg.» Aber weitere Flächenansprüche auf landwirtschaftlichem Kulturland würden nicht mehr hingenommen, sagte Hans Frei.

Nicht nur in der Witteri verschwinde wertvolles Ackerland. Der Präsident des Bauernverbandes nannte auch weitere Beispiele: unter anderem die Ersatzmassnahmen beim Ausbau der N4 oder bei der Realisierung von Strassenabwasseranlagen sowie die ökologischen Ausgleichsflächen von 100 Hektaren für den Flughafenausbau. «Es ist genug», sagte Frei. «Der Bauernverband fordert einen Baustopp für Abhumusierungen und ökologische Aufwertungsprojekte auf landwirtschaftlichem Kulturland.» Die Pressekonferenz zu Beginn des Sommerlochs hatte der Bauernverband medial geschickt als «Demonstration» angekündigt. Es waren deshalb (neben den Journalisten) auch rund 50 Landwirte aus der Region anwesend.

«Einem Bauern blutet da das Herz», meinte einer auf die teilweise bis zu 30 Zentimeter tiefe Grube zeigend. Es könne doch nicht sein, dass hier, statt Getreide oder Kartoffeln anzupflanzen, nun Raum für die Sumpfdotterblume geschaffen werde, sagte ein anderer. Und man soll sich einmal den umgekehrten Fall vorstellen, sagte Hans Frei. «Was wäre los, wenn wir aus einem Moor einen Acker machen wollten?», fragte er rhetorisch.

Bei der Fachstelle Naturschutz ist man ob der Pressekonferenz erstaunt. Jacqueline Stalder, die zuständige Gebietsbetreuerin, hatte bereits Mitte Juni erklärt, dass die Witteri-Erde im nahen Ellikon Kulturland aufwerten werde, das bisher nicht oder nur bedingt die Qualität einer Fruchtfolgefläche hatte. Zudem stellte sie eine spätere Kompensation der noch fehlenden aufgehobenen Ackerfläche in Aussicht. Diese Absicht bekräftige gestern auch Rolf Gerber, Chef des Amtes für Landschaft und Natur. «Es geht keine Ackerfläche verloren.» Der Bauernverband nimmt dies dem Kanton nicht ab.

Eine seltene Chance

Das Ackerland in Henggart im Weinland, das nun wieder zu einem Flachmoor werden soll, gehört einem Landwirt, der für seinen Betrieb keinen Nachfolger gefunden hat. Das kantonale Amt bewirtschaftet nun das Land, da die Chance einer solchen Renaturierung selten vorhanden sei. Her seien alle nötigen Bedingungen gegeben: eine abgeschlossene Geländekammer, Torf im Untergrund und genügend Wasser.