Schiesssport
Bäretswil schiesst gegen Brüssel: «Finger weg vom Schweizer Waffenrecht»

Patrick Jauch aus Bäretswil scharte mit einer Online-Aktion Tausende von Schützen um sich. Ihr Ziel: Verhindern, dass die Schweiz das verschärfte Waffenrecht der EU übernimmt. Sein Freizeit-Projekt droht ihm nun aber zu entgleiten.

Andres Eberhard
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Viel unbezahlte Arbeit: Patrick Jauch – hier auf der Schiessanlage Betzholz – ist Initiant der Online-Kampagne «Finger weg vom Schweizer Waffenrecht.»

Viel unbezahlte Arbeit: Patrick Jauch – hier auf der Schiessanlage Betzholz – ist Initiant der Online-Kampagne «Finger weg vom Schweizer Waffenrecht.»

Seraina Boner

Was derzeit die Schützen aus der ganzen Schweiz vereint, wirkt wie eine gross angelegte Online-Kampagne der Schweizer Waffenlobby. Das Logo zeigt einen Mann oder eine Frau mit Schweizerkreuz auf der Brust, in der einen Hand ein Sturmgewehr, die andere flach zum «Stopp»-Zeichen vorgehalten. Über dem Logo steht: «Ob EU oder Bern – Finger weg vom Schweizer Waffenrecht!»

Über 10 000 haben einen offenen Brief auf der zugehörigen Website unterschrieben, die Facebook-Seite hat mehr als 6000 Likes. Über 20 Verbände, 50 Unternehmen, zwei Dutzend Schiessvereine sowie 400 Private haben sich zudem als Supporter eintragen lassen – darunter auch (bürgerliche) Politiker. Doch: Die ganze Kampagne ist das Engagement eines einzigen Sport- und Freizeitschützen: Patrick Jauch aus Bäretswil.

«Niemand redet mit uns»

Bis vor kurzem war Patrick Jauch nicht einmal ein besonders politischer Mensch. Nur einmal, erzählt er, habe er davor zu einem politischen Thema klar Stellung bezogen. Das war 2011, als die Schweiz über die Offroader-Initiative abstimmte. Jauch, Besitzer von zwei Landrovern, sagt: «Da merkte ich: Politik kann mich persönlich betreffen, kann mich einschränken.»
Und nun wiederholt sich dieses Szenario. «Schiessen ist die einzige Leidenschaft, die ich neben dem Beruf habe», sagt er, «und so wie mir ergeht es vielen.» Jauch, 43, Inhaber einer Werbeagentur in Wernetshausen, ist ehrenamtlicher Schützenmeister und Funktionär bei den Pistolenschützen Bubikon und im Nebenjob Schiessinstruktor.

Nun sitzt er auf einer Festbank vor der Schiessanlage Betzholz in Hinwil und sagt: «Das grosse Problem ist, dass niemand von offizieller Seite mit uns redet.» Bis im letzten Sommer habe er nicht gewusst, dass das, was in der EU verhandelt würde, auch die Schweiz, auch die Pistolenschützen Bubikon betreffen würde. Kürzlich nun beschloss die EU, ihr Waffenrecht zu verschärfen. Die Schweiz ist durch das Schengen-Abkommen verpflichtet, dieses zu übernehmen.

Kantonsrat: Kampagne hat die Politik erreicht

Patrick Jauchs Kampagne «Finger Weg vom Schweizer Waffenrecht» hat in der Politik Reaktionen ausgelöst. Die Dübendorfer SVP-Kantonsrätin Jacqueline Hofer reichte beim Regierungsrat eine Anfrage mit demselben Titel ein. Sie finde den EU-Entscheid «diskriminierend», begründet sie auf Anfrage des «Zürcher Oberländer». «Er zielt auf die Falschen, nämlich auf ehrliche und verantwortungsbewusste Bürger, Soldaten, Sportschützen, Sammler und Jäger.

Genau diese und alle Besitzer von legalen Waffen werden unter Generalverdacht gestellt und kriminalisiert.» Terroristen hingegen würde ein Waffenverbot keinen Eindruck machen. Der Regierungsrat schreibt in seiner Antwort, dass er den Bund bereits schriftlich gebeten hat, bei der Ausarbeitung der Vorlage «den entsprechenden Spielraum zugunsten des Schiessports zu nutzen.» Auf Bundesebene sind ähnliche parlamentarische Anfragen hängig.

Markige Sprüche

Jauch kritisiert nicht nur die Akteure in Brüssel und Bern, sondern auch den eigenen Verband. So habe es der Schweizer Schiesssportverband verpasst, seine Mitglieder rechtzeitig zu informieren. «Das läuft ja nun schon seit fast zwei Jahren.» Auch weil die Lobby-Arbeit des Verbandes bei den Schützen nicht sichtbar ist, entschied sich Jauch dazu, das Heft selber in die Hand zu nehmen. «Hunderte von Stunden» habe er seither investiert, die Schützen zu informieren – unbezahlt.

Die Botschaften, die Jauch auf die selber gestalteten Plakate, Aufkleber und Flyer drucken liess, sind ziemlich radikal. Auf dem Flyer steht: «Es gibt keinen Kompromiss, den wir eingehen wollen. Keinen Fingerbreit, den wir Land geben. Keine Verhandlung, die wir nicht mit einem NEIN abschliessen.»

Im Gespräch gibt sich Jauch dann weit offener und gesprächsbereiter, als es die markigen Sprüche vermuten lassen. Er sagt: «Wir wehren uns gegen das Diktat, nicht aber gegen den Diskurs.» Die pointierten, patriotischen Botschaften seien deswegen vonnöten, um die extrem vielfältige, eher hemdsärmelige Schützengemeinschaft zu vereinen und zu mobilisieren.
«Wir sind durchaus bereit, über Anpassungen des Waffenrechts zu reden», sagt Jauch. Dazu ist die Schweiz durch das Ja zum Schengen-Abkommen seinerzeit auch verpflichtet. «Was aber jetzt passiert, ist keine Anpassung, sondern ein Angriff.» Zwar ist noch völlig offen, wie die Schweiz die Vorgaben der EU umsetzen wird. Für Jauch jedoch ist klar: «Die Formulierungen der EU-Regelungen lassen keinen Spielraum vermuten.»

In seiner Kampagne stellt Jauch das Waffenrecht indirekt als Angriff auf die Schweizer Souveränität, zumindest aber auf Schweizer Traditionen dar. Während Sportschützen und Militärangehörige vom Gesetz womöglich weniger hart getroffen werden – wenn die Sturmgewehre weiterhin zugelassen bleiben –, wird Freizeitschützen wie Jauch das Schiessen erschwert bis verunmöglicht. In welcher Form Schützenfeste oder Feldschiessen noch möglich sind, ist ebenso noch unklar.

Instrumentalisierung droht

Jauch bediente sich für seine Kampagne mit dem patriotischen Schweizer, der die eigenen Werte und Traditionen gegen fremde Regierungen verteidigt, einem aus SVP-Kampagnen bekannten Motiv. Nicht allzu abwegig war darum, dass die Wochenzeitung «Die Zeit» kürzlich mutmasste, dass Jauch sein Hobby-Projekt entgleiten könnte. Das nämlich könnte passieren, wenn Politiker die Waffenfrage zur Europafrage machen.

Denn am Waffenrecht hängt das Schengen-Abkommen, und an Schengen hängt auch Dublin. Jauch sagt, dass er verhindern möchte, dass seine Kampagne instrumentalisiert werde. Dass er nicht aus Prinzip gegen Schengen sei und auch nicht gegen Dublin. «Es geht mir ganz alleine um die Sache.» Er verspricht: «Ich werde aufpassen, zu welcher Hochzeit ich mein Baby mitbringe.» Mehr als das kann man von ihm, der bis vor kurzem noch einer von vielen Hobby-Schützen war, wahrlich nicht erwarten.

Neues EU-Waffenrecht

Schärfere Überwachung einführen

Im März hat das EU-Parlament eine Verschärfung des Waffengesetzes beschlossen, welche der EU-Ministerrat Ende April bestätigte. Übernimmt die Schweiz die EU-Richtlinie, hat sie zwei Jahre Zeit, ihr eigenes Waffenrecht zu überarbeiten. So sieht es das Schengen-Abkommen vor, an das sich die Schweiz halten muss. Der Schweizer Schiesssportverband hat bereits angekündigt, das Referendum zu ergreifen, falls die Schweiz das EU-Waffenrecht übernimmt. Patrick Jauch, Initiant der Aktion «Finger weg vom Schweizer Waffenrecht!», fordert aber ein proaktives Vorgehen.

Seine Kritiker befürchten damit eine Gefährdung des ganzen Schengen-Abkommens. Störend an der neuen «Firearms Directive» der EU ist für die Schützen, dass neu ein nationales «Überwachungssystem» eingeführt werden muss und es für jede Waffe im Privatbesitz einen Bedürfnisnachweis braucht. Beides lehnten die Schweizer Stimmbürger 2011 mit 56,3 Prozent ab. Ausserdem werden medizinisch-psychologische Tests und regelmässige Überprüfungen erforderlich, weswegen die Schützen auch den Breitensport gefährdet sehen. Zudem würden auch die gängigsten Schweizer Armeewaffen verboten. Es wird davon ausgegangen, dass die Schweiz in diesem Punkt eine Ausnahmeregelung erwirken kann. Was aber mit Freizeitschützenwaffen geschieht, ist offen.