«Barbara», ruft ein Mann am Meilemer Herbstmarkt über die Köpfe hinweg. Er ergreift Barbara Schmid-Federers Hand, beglückwünscht sie zum Wahlkampf und sagt: «Aber dein zweites Plakat ist besser als das erste.» Auf dem Plakat, womit die CVP-Nationalrätin im Juni ihren Wahlkampf lancierte, stand «Einfach Barbara». Der Spruch wurde begleitet von einer Comiczeichnung von Schmid-Federers Gesicht und einem Pfeil, der vom Grossmünster zum Bundeshaus zeigt.

Es ist kein Zufall, dass der PC-Bildschirm in Schmid-Federers Büro ähnlich aussieht: Der Hintergrund ist eine Nachtansicht von Zürich mit dem beleuchteten Grossmünster. Der Bildschirmschoner zeigt das Bundeshaus. Im Büro ist Schmid-Federer nur selten, da sie oft zuhause arbeitet. Daher steht wenig im Raum mit Seesicht in Stäfa: zwei Bürotische, zwei Korpusse, zwei Orchideen und zwei Landschaftsbilder an den Wänden – und das zweite Wahlplakat. Dieses ist traditioneller: Ein Foto, der ganze Name, die Partei. «Das erste Plakat war ein Erfolg», sagt Schmid-Federer. «Jeder konnte sich den Slogan merken.» Angelehnt war dieser an ihre viel gelobte Kampagne von 2007, als sie mit «Barbara is Bundeshus» als Quereinsteigerin den Sprung in den Nationalrat schaffte. «Einfach Barbara» soll sie in den Ständerat bringen.

Diesem Ziel widmet Schmid-Federer einen grossen Teil ihrer Zeit. Kaum sind ihre vier bis fünf Tageszeitungen um 6.15 Uhr im Briefkasten, studiert sie diese. Für ihre 17- und 20-jährigen Söhne bereitet sie das Frühstück zu. Bis 8.30 Uhr ist Haushalt angesagt: Wäsche waschen, falten und fürs Nachtessen einkaufen.

Fragen zur Flüchtlingskrise

Dann stehen Termine an: Das kann eine Sitzung sein mit ihrem Mann, CVP-Kantonsrat und Apotheker Lorenz Schmid, über die Strategie der Zürcher Apotheke, in deren Verwaltungsrat sie sitzt. Oder eine Fraktionssitzung in Bern. Heute ist es ein Radiointerview zum Wahlkampf. Sobald sie im Büro angekommen ist und die Post durchgesehen hat – der Altpapierbehälter füllt sich an einem Tag – klingelt das Telefon: Eine Journalistin hat eine Frage zur Flüchtlingskrise an sie als Präsidentin des Roten Kreuzes Kanton Zürich. Das Mittagessen lässt sie ausfallen. Am frühen Nachmittag ist sie noch nicht zum Arbeiten gekommen. Eigentlich wollte sie ihr Votum vorbereiten zur Nationalratsdebatte über das bedingungslose Grundeinkommen – das sie ablehnt.

Im Alltag der 49-jährigen Männedörflerin gibt es kaum Regelmässigkeiten, ausser sie ist in Bern an der Session. Dass die Herbstsession mitten in die heisse Phase des Wahlkampfs fällt, missfällt ihr: «So landen wir Kandidaten zuoberst auf der Schwänzerliste.» Diesen September muss sie ihr Engagement im Rat wegen des Wahlkampfs auf zwei Ratsreden reduzieren. «Ich renne zwei Marathons gleichzeitig.»

Am Nachmittag findet ein Podium statt, das Kantonsschüler in Wetzikon organisieren. Im Bus dorthin sagt Schmid-Federer, sie trete gerne an Podien auf. Aber Jugendliche würden oft mit anderen Ellen messen: «Da ich für einen strengeren Jugendschutz im Internet einstehe, sehen mich Jugendliche in der Mutterrolle, die ihnen sagen will, was sie zu tun und zu lassen haben.» Vom Bahnhof Wetzikon fragt sie sich durch zur Aula der Kantonsschule. Dort nimmt sie in der Mitte des Podiums neben den jugendlichen Moderatoren Platz. Anfangs zittert ihre Stimme leicht, danach sind ihre Voten souverän und auf den Punkt.

Applaus ernten andere

Als einzige der sechs anwesenden Kandidaten liegt Schmid-Federer richtig, mit ihrer Einschätzung, was das jugendliche Publikum beschäftigt: «Ich habe meine Söhne gefragt», sagt sie. «Der Jüngere sorgt sich, ob ihm trotz der Masseneinwanderungsinitiative an der Universität noch ein Erasmussemester möglich sein wird.» Die Familienpolitikerin kennt die Dossiers gut. Sympathiepunkte gewinnt sie bei den Jugendlichen aber kaum. Lacher und Applaus ernten die rechten und linken Vertreter auf dem Podium.

Spürt Schmid-Federer das Dilemma der Mitte? «Das ist kein Dilemma.» Die CVP sei oft in der Schlüsselposition, etwa bei der Revision der Altersvorsorge. Im Rat konzentriere sich sie darauf, Mehrheitsfähiges zu finden: «Brückenbauen ist eine wunderschöne Aufgabe. Dafür wird man aber nicht als Held gefeiert.»

Ein wenig gefeiert wird sie dann doch noch: Als sie nach dem Podium beim CVP-Stand am Herbstmarkt in Meilen ankommt, gibt es ein grosses Hallo. Sie möge den Kontakt zu den Wählern, sagt sie. Auch wenn manchmal Kritik komme, etwa zu den Plakaten. Beide sind auch am Stand präsent: Das Traditionelle ist aufgehängt und von ihrem Wahlgeschenk, einem Züri-Tirggel, lacht die Comic-Barbara.

 Neun entscheidende Fragen zu Barbara Schmid-Federer

1 Wo steht Barbara Schmid-Federer innerhalb der eigenen Partei?
Barbara Schmid-Federer steht für eine liberal-soziale, urbane Politik ein. Am linken Rand der CVP eckt sie auch mal in der Partei an. So beantragte sie, die CVP-Initiative zur Abschaffung der Heiratsstrafe zurückzuziehen wegen des umstrittenen Passus, der die Ehe als Gemeinschaft von Mann und Frau definiert. Entgegen der Parteilinie spricht sie sich auch gegen eine zweite Gotthard-Röhre und für die Legalisierung von Hanf aus. Als Spross einer katholischen Politikerfamilie – ihr Ururgrossvater war der Bundesrat Josef Zemp, ihr Bruder ist Abt von Einsiedeln – fühlt sie sich in der CVP aber am richtigen Ort, da es die einzige Partei sei, die sich explizit für Familienanliegen einsetze.

2 Welche Politerfahrung bringt sie mit und wie ist sie politisch vernetzt?
2007 zog Schmid-Federer als CVP-Bezirkspräsidentin unerwartet in den Nationalrat ein, ohne vorher in Gemeinde- oder Kantonsrat Erfahrungen gesammelt zu haben. Seither hat sie sich gut vernetzt und als Co-Präsidentin der Parlamentarische Gruppe Familienpolitik, der Gruppe Sucht, Prävention, Jugendpolitik und als Präsidentin des kantonalen Roten Kreuzes Schlüsselpositionen übernommen..

3 Wie kommt die Kandidatin bei den anderen Parteien an?
Die Familienpolitikerin, die sich für Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Bildung, Flüchtlinge und öffentliche Stillzonen einsetzt, kann auf Stimmen der Linken und Grünen zählen. Unterstützt wird sie auch von der BDP. Ihre Nähe zum linken Lager kostet sie aber den Rückhalt in traditionell bürgerlichen Gruppierungen wie dem Hauseigentümerverband und dem Gewerbeverband. Beide nennen die Männedörfler Unternehmerin nicht auf der Liste ihrer Wahlempfehlungen für den Nationalrat, geschweige denn für den Ständerat.

4 Ist die Politikerin volksnah?
Zwar zeigt sie Emotionen, wenn es um Bereiche geht, die sie persönlich bewegen, wie Frauen-, Familien- und Flüchtlingsthemen. Oft wirkt sie allerdings etwas distanziert. Zudem mag die Sachpolitikerin die politische Selbstinszenierung nicht. Sie hat beispielsweise darauf verzichten, am FDP-Wahlkampf-Sportturnier teilzunehmen.

5 Welches Kernanliegen vertritt die 49-Jährige?
Nach acht Jahren im Nationalrat schreibt sich Schmid-Federer nicht mehr hauptsächlich den Kampf gegen die Gefahren für Kinder und Jugendliche im Internet auf die Fahne, sondern auch die Alterspolitik. Dabei setzt sie sich für pflegende Angehörige, die Palliativmedizin und die Rentenreform ein.

6 Was hat den Nationalrat bisher politisch bewegt?
Dass Cybermobbing politisch zum Thema wurde, ist zu einem grossen Teil ihr zu verdanken. Heute laufen mehrere Bundesprogramme, die auf ihre Initiative zurückzuführen sind. Ebenso gab sie vor Jahren den Anstoss zur aktuellen Debatte um den Vaterschaftsurlaub.

Polit-Spider Barbara Schmid-Federer

Polit-Spider Barbara Schmid-Federer

7 Welche Interessenbindungen weist die Ständeratskandidatin auf?
Barbara Schmid-Federer führt zusammen mit ihrem Mann die Toppharm Apotheke am Paradeplatz, wo sie auch im Verwaltungsrat sitzt. Zudem ist sie Verwaltungsrätin bei Radio Zürisee. Die Präsidentin des kantonalen Roten Kreuzes ist Stiftungsrätin der Schweizerische Greina-Stiftung zur Erhaltung der alpinen Fliessgewässer und Mitglied in Frauenorganisationen wie der Alliance F (dort ist sie im Vorstand des Bund Schweizerischer Frauenorganisationen), der KMU-Frauen Zürich und der Zürcher Frauenzentrale.

8 Wie steht es um die Wahlchancen der Kandidatin?
Als Vertreterin einer kleinen Partei hat Schmid-Federer lediglich Aussenseiterchancen. Allerdings könnte sie vom Frauenbonus profitieren, da sämtliche Vertreter grösserer Parteien männlich sind. Zudem steht sie für eine lösungsorientierte Politik über die Parteigrenzen hinweg und hat keine Probleme, für einen Kompromiss auch mal von der Parteilinie abzuweichen. Dennoch gehört Barbara Schmid-Federer nicht zu den bekanntesten Politikerinnen im Kanton und wird mit ihrem Ständeratswahlkampf wohl eher ihren Nationalratssitz sichern, als die Kammer wechseln. Zu bedenken ist allerdings, dass sie es sich gewohnt ist, diejenigen Lügen zu strafen, die ihre Wahlchancen kleinreden: 2007 hatte niemand mit ihr gerechnet und auch 2011 gingen viele davon aus, dass es sie treffen wird, wenn die CVP in Zürich einen Sitz verliert. Beide Male kam es anders.

9 Wie viel eigenes Geld steckt die Kandidatin in den Wahlkampf?
Barbara Schmid-Federer will sich nicht auf eine Zahl festlegen. Die Sammlung von Unterstützungsgeldern laufe noch. Deswegen wisse sie noch nicht, welche Summe sie am Ende des Wahlkampfs investiert haben wird.