Während Jahren war der Untergrund des Zürcher Hauptbahnhofs eine Grossbaustelle. Nun ist das Werk vollbracht: Der Bahnhof Löwenstrasse ist fertig gebaut. Er umfasst vier Gleise unter der alten Bahnhofshalle. Auf ihnen verkehren ab 15. Juni die S-Bahnlinien S 2, S 8 und S 14.

Die langen Umsteigewege zu den Gleisen 51 bis 54, wohin die drei S-Bahnen verbannt worden waren, da der Hauptbahnhof aus allen Nähten platzte, fallen damit weg. Ende der 1990er-Jahre hatte der Verkehrsclub der Schweiz (VCS) dies mit einer Initiative gefordert.

«Als der Zürcher Regierungsrat unser Anliegen in seinem Gegenvorschlag aufnahm, zogen wir die Initiative zurück», erinnerte sich VCS-Vorstandsmitglied Paul Stopper gestern nach der Besichtigung des neuen Bahnhofs.

Mindestens 37 neue Läden

Das Verkehrssystem Hauptbahnhof wird damit kompakter: Oben die alte Bahnhofshalle, darunter der Bahnhof Löwenstrasse, der auch die Sihl unterquert. Flankiert wird er vom ebenfalls unterirdischen Bahnhof Museumsstrasse und jenem der Üetliberg- und Sihltalbahn. Die Zugänge zum Bahnhof Löwenstrasse erfolgen über Treppen und Lifte von den unterirdischen Bahnhofpassagen Löwenstrasse, Sihlquai und der neuen Passage Gessnerallee aus.

In den Passagen sind die 37 neuen Ladenlokale bereits vermietet. Der Branchenmix ist ähnlich wie im bisherigen kommerziellen Untergrund des Hauptbahnhofs: Kleiderläden, Gastrobetriebe, Kiosks. Stark vertreten ist die Sparte Convenience Food, wie SBB-Sprecher Reto Schärli am Rande des gestrigen Rundgangs mit Medienvertretern und anderen Interessengruppen sagte.

Als Ankermieter setzten die SBB denn auch auf Coop, der einen speziell auf Convenience Food ausgerichteten Laden eröffnet. Ferner erhält der Hauptbahnhof-Untergrund sein erstes Herrenmodegeschäft. Bei Bedarf liessen sich laut Schärli noch weitere Läden in einer unterirdischen Durchgangshalle des neuen Bahnhofs einrichten.

Nur eine zusätzliche WC-Anlage

Das Bauwerk stösst bei Fachleuten auf viel Lob, aber auch Kritik, wie an einem Podiumsgespräch vor Ort deutlich wurde. Kurt Schreiber, Präsident von Pro Bahn Schweiz, wies auf den Mangel an WCs hin. «Das ist tatsächlich ein blinder Fleck», räumte SBB-Projektleiter Roland Kobel ein. Lediglich eine WC-Anlage richteten die SBB für den neuen Bahnhof zusätzlich ein. Sie befindet sich in der Sihlquai-Passage.

Konsumentenforums-Präsidentin Babette Sigg monierte das Fehlen von Sitzbänken. Doch die SBB-Vertreter konnten beschwichtigen: Die Perrons des neuen Bahnhofs werden bis zur Eröffnung noch mit insgesamt 20 Bänken ausgestattet.

Aus Behindertensicht erhält der neue, vollständig rollstuhlgängige Bahnhof gute Noten: «Ich bin schon happy, dass jetzt alles unter einem Dach ist. Ich kann nämlich beim Rollstuhlfahren keinen Regenschirm halten», sagte Joe Manser von der schweizerischen Fachstelle Barrierefreier öffentlicher Verkehr.

Lange Wege gebe es aber auch jetzt noch im Hauptbahnhofs-Komplex, «vor allem, wenn wie heute ein Lift ausfällt», so der Zürcher SP-Gemeinderat weiter. Die 500 Meter langen Perrons des Bahnhofs Löwenstrasse sind jeweils mit zwei Liften ausgestattet.

100 Tage verbleiben noch bis zur Eröfffnung. «Wir nutzen die Zeit, um die technischen Anlagen zu testen», sagte Projektleiter Kobel. Brandtests seien vor zwei Wochen erfolgreich durchgeführt worden: «Der Bahnhof wird rasch entraucht», so Kobel.

Sensoren würden metergenau angeben, wo sich Brandstellen befänden – und dann Rauchabzug und Wassersprinkler anwerfen.

Der Bahnhof Löwenstrasse ist Teil  des 2-Milliardenprojekts Durchmesserlinie (DML). Dieses umfasst auch Brückenbauten vor dem Hauptbahnhof und den Weinbergtunnel nach Zürich Oerlikon. Die Brückenbauten für den Fernverkehr werden Ende 2015 eröffnet.

Zürichs Bahnkapazität steigt mit der DML um 30 Prozent. Die Fahrtzeiten verkürzen sich laut SBB im Schnitt um sechs Minuten.