Zürich
Baggerführer landet wegen instabilem Mauerwerk vor Gericht

Ein Baggerfahrer hat das Spannseil einer Bus-Fahrleitung touchiert. Weil dieses aus der Wand gerissen wurde und einen Velofahrer zu Fall brachte, hat sich der Baggerfahrer am Donnerstag vor dem Zürcher Bezirksgericht verantworten müssen. Das Gericht sprach ihn frei.

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Der Baggerführer touchierte das Spannseil einer Bus-Fahrleitung und riss dieses aus der Wand. (Symbolbild)

Der Baggerführer touchierte das Spannseil einer Bus-Fahrleitung und riss dieses aus der Wand. (Symbolbild)

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Dem heute 55-jährigen gelernten Maschinisten war vorgeworfen worden, er beherrsche sein Fahrzeug nicht. Deshalb sollte er eine Busse von 200 Franken bezahlen. Dies wollte er nicht. Er hätte nämlich auch seinen Führerschein verloren, den er für seine Arbeit braucht. So kam es zur Verhandlung vor dem Einzelrichter.

Der Mann fährt seit 30 Jahren Bagger. Er gilt in seiner Firma als einer der Besten an den Schalthebeln. So etwas wie an jenem Tag im März 2015 war ihm noch nie passiert.

Eine Kettenreaktion

Er war mit seinen Arbeitskollegen auf einer Baustelle in Zürich beschäftigt, als es hinter ihm hupte. Der Baggerfahrer reagierte sofort und drehte sein Fahrzeug ein wenig, um nach hinten zu sehen. Dabei berührte der Baggerarm das Stahlseil, mit dem eine Fahrleitung an einer Hauswand angespannt war.

Das Stahlseil riss aus der Verankerung und fiel zu Boden. Wo es landete, kam ein Velofahrer zu Fall und verletzte sich. Hatte der Baggerfahrer aus Unaufmerksamkeit das Stahlseil aus der Wand gerissen?, lautete eine zentrale Frage vor Gericht

Der Baggerfahrer antwortete knapp und ruhig auf die Fragen des Richters. Ob er nicht den Kopf aus dem Fenster strecken und nach hinten hätte schauen können, wollte der Richter wissen. So sehe man nicht, was hinter dem Bagger sei, antwortete der Beschuldigte.

Ob er nicht den Motor hätte abstellen und aussteigen können, fragte der Richter weiter. Wenn einer hupe oder pfeife auf der Baustelle, sei das eine Warnung, sagte der Baggerfahrer, dann müsse man sofort schauen.

VBZ: "Grosse Kraft nötig"

Ein hochrangiger Mitarbeiter der Zürcher Verkehrsbetriebe (VBZ) erschien als sachverständiger Zeuge vor Gericht. Er erklärte, die Stahlseile, an denen die Fahrleitungen aufgespannt würden, seien mit Mauerhaken in der Hauswand einbetoniert. Es müsse eine grosse Kraft gewirkt haben.

Der Zeuge sagte, die Haken hielten einem Zug von 4500 Tonnen stand. Aber jährlich würden zwei bis drei solcher Haken aus der Wand gerissen. Manchmal handle es sich um einen bereits gelockerten Haken, der nachgebe. Manchmal werde ein Stück der Wand mitgerissen. Darum handle es sich wohl in diesem Fall.

Der Zeuge sagte, die VBZ kontrolliere alle Mauerhaken zweimal im Jahr. Der fragliche Haken sei drei Monate zuvor überprüft worden. Er konnte nicht ausschliessen, dass das Mauerwerk instabil war. "Das können wir von aussen nicht beurteilen", sagte er.

Keinen Kontakt gespürt

Aber es sei ohnehin untersagt, sich auf weniger als einen Meter an die Stahlseile zu nähern, erklärte der Zeuge. Der Beschuldigte sagte, das sei in der Praxis kaum einzuhalten. Ausserdem kenne er die Kraft seines Baggers. In der seitlichen Bewegung könne man knapp ein Auto verschieben. Er habe keinen Kontakt mit dem Seil gespürt.

Der Verteidiger erklärte, sein Mandant sei nicht unaufmerksam gewesen. Er habe das Seil unabsichtlich und nur leicht berührt. Keiner der Zeugen habe ausgesagt, dass der Baggerarm am Seil eingehängt und es herausgerissen habe.

Der Richter ging in seinem Urteil zu Gunsten des Baggerführers davon aus, dass das Mauerwerk instabil gewesen sei. Der Beschuldigte habe glaubhaft gemacht, dass die Bewegung nur mit leichter Kraft erfolgt sei.

Ein Nichtbeherrschen des Fahrzeugs erkannte der Richter nicht. Er sagte: "Wenn sie gespürt hätten, dass der Baggerarm das Seil berührt, hätten Sie ihn wegbewegt und es wäre nichts geschehen."