Schon der Name klingt nach Science-Fiction: SAY29E Runabout Carbon. So heisst das Boot, dessen Prototyp gestern in Meilen den Medien vorgestellt wurde. Es gilt mit 50 Knoten (rund 93 km/h) als schnellstes serienmässiges Elektromotorboot der Welt. Futuristisch sieht das 9 Meter lange schnittige Boot auch aus. Vor allem die Stille der geballten Kraft verblüfft. Kann Tempo so leise sein? Bei Vollbeschleunigung presst es den Körper in den Sitz, man wähnt sich auf einer Abschussrampe. Dann sind nur noch die surrende Schraubenwelle und der Fahrtwind zu hören. 3000 Newtonmeter Kraft bei rund 500 PS treiben das Boot aus Kohlefaser an, drinnen kann man sich normal unterhalten.

Importiert von der Say-Werft im Allgäu/Deutschland und mit «Swiss Finish» nach Kundenwunsch ausgestattet wird die Elektrorakete von der Yachtwerft Portier in Obermeilen. Die Preise starten bei rund 380'000 Franken. Für Geschäftsführerin Arianne Vonwiller sei es gerade für ein über 200 Jahre altes Unternehmen wie die Yachtwerft Portier AG notwendig, innovativ zu sein. Verwaltungsratspräsident Jürg Weber sagt: «Wir glauben an die Elektrotechnik, die Entwicklung der E-Mobilität schreitet mit grossen Schritten voran.»

Nur 2 von 60 Booten

Doch der Wechsel in die elektrische Zukunft auf dem See ist hart. Das weiss die Traditionsfirma Boesch Motorboote in Kilchberg. Sie baut schon seit 20 Jahren die leisen Antriebe in ihre edlen Holzschiffe ein. Diese fahren sich genauso komfortabel und rassig wie die normalen Boesch-Boote und sehen auch fast identisch aus. Nur am fehlenden Auspuff zeigt sich, dass statt bulliger V8-Motoren aus den USA kompakte Stromaggregate im Heckteil des Rumpfs stecken. Von den modernen, seit 2005 mit Hochleistungsakkus ausgerüsteten E-Booten haben rund 60 Exemplare die Werft in Kilchberg verlassen.

Das ist rund ein Fünftel der Gesamtproduktion. Aber auf dem Zürichsee pflügt kein einziges dieser Boesch-Electric-Power-Schiffe das Wasser. «Alle wurden exportiert», sagt Markus Boesch, Mitglied der Geschäftsleitung in vierter Familiengeneration. Nur zwei Boote blieben in der Schweiz – eines auf dem Vierwaldstättersee und eines auf dem Zugersee.

Markus Boesch zählt die Gründe auf, weshalb die E-Boote auf heimischen Gewässern so selten sind. Das liegt zum einen an der Infrastruktur. Es braucht starke Stromanschlüsse, um die Hochleistungsakkus innerhalb nützlicher Frist wieder vollständig aufzuladen. «Wir reden hier von einem Tag fahren und über Nacht wieder aufladen», sagt Boesch.

Am besten geht das mit 380-Volt-Anschlüssen. Solche gibt es aber nicht in Häfen, sondern nur in den Werften. Ausserdem sind diese nicht für gleichzeitig zehn Boote mit Hochleistungsakkus eingerichtet. Auch eine Auto-Stromtankstelle sei kaum darauf vorbereitet, wenn plötzlich zehn Tesla gleichzeitig ihre Batterien aufladen wollten, zieht Boesch den Vergleich mit der Strasse.

Zu kostspielig für Vernunft

Zum andern bremsen die teuren Anschaffungspreise Umsteigewillige. «Unser kleinstes Boot in Topausrüstung kostet mit Elektroantrieb doppelt so viel wie eines mit Verbrennungsmotor», sagt der Geschäftsleiter. Das liegt vor allem an den in geringen Stückzahlen hergestellten, für den Elektroantrieb notwendigen Komponenten. Beim Motorbootfahren spiele ökologische Vernunft eine untergeordnete Rolle. «Seien wir ehrlich, wir bauen zwar etwas Wunderschönes, aber wir machen etwas vom Unnötigsten: Luxus für Freizeitvergnügen», erklärt der Junior-Firmenchef. Darum falle es den meisten Bootsfahrern schwer, aus Vernunft von Verbrennungsmotoren für viel Geld zur Elektrotechnik zu wechseln.

Ökologische Vernunft käme bei den Motorbootwassersportlern sicher bei einer spürbaren Preisreduktion und vorhandener Infrastruktur zum Tragen, glaubt er. Von einem Verbot für Diesel- und Benzinmotoren auf Schweizer Seen hält Markus Boesch nichts. Das würde der Elektrotechnik kaum Auftrieb geben. «Eher vermute ich, dass viele Leute dann ganz mit dem Motorbootfahren aufhören würden. Zudem würden mehrere langjährige Werftbetriebe, die meisten in Familienbesitz, in ihrer Existenzgrundlage gefährdet.»