Aus den Augen, aus dem Sinn. So lässt sich unser Umgang mit unseren Exkrementen am besten beschreiben. Die spezielle Beziehung, die wir zu unserem «Geschäft» pflegen, thematisiert der amerikanische Konzeptkünstler Mike Bouchet in seiner Arbeit für die Manifesta 11. In der Kläranlage Werdhölzli sammelt er im Verlauf des heutigen Tages 80 Tonnen Klärschlamm. Damit baut er ab Ende Mai im Zürcher Migros-Museum eine Installation mit dem Namen «The Zurich Load», die an der europäischen Biennale für zeitgenössische Kunst im Juni gezeigt wird.

Auch wenn das skandalträchtige Projekt Gefahr läuft, als Effekthascherei abgetan zu werden – Bouchet geht es nicht um Provokation. Ihn interessiere an den Exkrementen, die er als «Base-Material» bezeichnet, dass jede Gesellschaft einen anderen Zugang dazu habe. In der ersten Welt würden sie fast wie von Zauberhand in klinisch sauberen Toiletten verschwinden. Gleichzeitig verweise der Gang zur Toilette aber auch hier darauf, dass der Mensch eben doch nur ein Tier ist. Er wolle auf das Thema ein neues Licht werfen, indem er etwas Ästhetisches herstelle und das Publikum damit konfrontiere. «Mich faszinierte aber auch die Vorstellung, dass alle Zürcherinnen und Zürcher an einem Tag zusammen etwas herstellen, das zu einem Kunstwerk wird», so Bouchet.

Farbe und Struktur zogen ihn an

Als er das erste Mal bei der Kläranlage vorbeiging und den Schlamm gesehen hat, faszinierten ihn vor allem dessen materiellen Eigenschaften. «Die homogene Struktur des Schlamms und seine dunkelbraune, erdige Farbe zogen mich an», sagt Bouchet. Weil auch die Verantwortlichen von Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) an einer Zusammenarbeit mit ihm Interesse zeigten, kam die Sache schliesslich ins Rollen. Philipp Sigg, der das Projekt aufseiten des Klärwerks begleitet, sagt, er sei zunächst skeptisch gewesen. Zu viele Hürden technischer, bürokratischer und logistischer Natur witterte er, als Bouchet ihm von seiner Vision berichtete. «Doch sie wurden alle gemeistert», sagt Sigg.

Alleine die technischen Schwierigkeiten forderten vom Künstler viel Recherchearbeit und zahlreiche Versuche. Kunst aus Abfällen zu schaffen hat in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zwar eine lange Tradition. Doch für die Arbeit mit menschlichen Fäkalien fand Bouchet keinerlei Vorbilder. Er arbeitete daher nicht nur mit den Angestellten der Kläranlage, sondern auch mit Chemikern eng zusammen, um aus dem Klärschlamm einen brauchbaren Baustoff herzustellen.

Das Material, das im Verlauf des heutigen Tages gesammelt wird, vermengt der Künstler nun mit Kalk und Zement, um es stabiler zu machen. Zu Blöcken geformt lagert es anschliessend bis im Mai auf Holzpaletten im Werdhölzli, bevor schliesslich der Transport per Lastwagen ins Migros-Museum erfolgt. Ein weiteres Problem, das sich Bouchet stellt, liegt in der Natur der Exkremente: Um die Installation über mehrere Wochen ausstellen zu können, muss der Gestank täglich mit Neutralisationsspray bekämpft werden. «Dass es in der Ausstellungshalle gar nicht mehr riecht, wird aber sicher nicht möglich sein», sagt Sigg.

Form soll zur Schweiz passen

Bouchet muss seine Arbeit auch den physikalischen und räumlichen Gegebenheiten im Museum anpassen. «Da ich mit 80 Tonnen Material arbeite, werden die Statik und die Dimensionen sicher zu einem Thema», sagt er. Eine detaillierte Vorstellung davon, welche Form sein Werk am Ende annehmen wird, hat er daher noch nicht. «Es soll eine Verbindung zur Schweiz aufweisen. Daher werde ich sicher mit sehr reduzierten Formen arbeiten», so Bouchet. Denn Schweizer Künstler und Architekten hätten schon immer eine Tendenz zu einer sehr schlichten Formensprache gehabt.

Dass er die Möglichkeit erhält, diese Arbeit zu realisieren, erachtet der in Frankfurt lebende Amerikaner als Glücksfall: «In vielen anderen Ländern würden dies die Behörden schon alleine aus sanitären Gründen nicht erlauben.» Das Migros-Museum bezeichnet er als den perfekten Ort für seine Installation. Zum einen stehe hinter dem Kulturprozent eine ähnliche Idee wie hinter «The Zurich Load»: Dem Publikum etwas zurückzugeben, das es selbst beigesteuert hat. Zum anderen handle es sich bei der Migros aber auch um einen der grössten Lebensmittel-Anbieter des Landes. «Damit schliesst sich in Form des Klärschlamms in ihren Hallen auch ein Kreis», sagt Bouchet.