Schule in Coronazeiten

«Aus pädagogischer Sicht bedeuten Masken eine Qualitätseinbusse»

Christian Hugi ist seit 2017 Präsident des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands.

Christian Hugi ist seit 2017 Präsident des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands.

Die Schulen bleiben vorerst offen, sind jedoch trotzdem von Corona betroffen. Der Zürcher Lehrerverbandspräsident Christian Hugi über Maskenpflicht an Schulen, Digitalisierung im Unterricht und Lockdown-Lehren.

Kinder werden in der Schule bereits wieder auf Fernunterricht vorbereitet. Was für Gefühle löst der Gedanke daran bei Ihnen aus?

Christian Hugi: Ich sehe natürlich, dass die Umstände im Moment drastisch sind und bin trotzdem froh, dass der Bundesrat die Schulen offen lässt. Wir hoffen, dass die Schulen mit entsprechenden Schutzmassnahmen auch längerfristig offen bleiben  können.

Welche zusätzlichen Massnahmen wären angebracht?

Wenn weitere Massnahmen nötig sind, sähen wir als erstes eine Rückkehr zum Halbklassenunterricht. Der hat sich nach dem Lockdown im Frühling sehr bewährt. Sowohl die Lehrpersonen als auch die Kinder haben positive Rückmeldungen dazu gegeben. Für die Eltern war diese Situation allerdings schwierig. Da müsste man dafür sorgen, dass die Primarschulkinder wirklich in der Schule betreut werden könnten –  allerdings so, dass es nicht zu einer Durchmischung kommt. Auf der Sekundarstufe wäre es eher vertretbar, die Kinder zu Hause arbeiten zu lassen, wenn sie nicht in die Schule können.

Was halten Sie von der neuen Vorgabe der Zürcher Bildungsdirektion, dass auch Sekundarschüler im Unterricht Maske tragen müssen?

Unser oberstes Ziel ist, dass die Schulen offen bleiben können. Wenn es dafür Masken braucht, ist das halt die Kröte, die wir schlucken müssen. Aus pädagogischer Sicht bedeuten Masken eine Qualitätseinbusse, weil sie die Kommunikation behindern. Und Kommunikation ist beim Lernen etwas vom Wichtigsten. Vieles läuft dabei auch über die Mimik. Je jünger die Kinder sind, umso schwieriger wäre das Maskentragen umsetzbar. Im Kindergarten sehe ich das überhaupt nicht. Auf der Sekundarstufe ist es eher denkbar.

Quarantänefälle häufen sich derzeit. Wie ist es im Unterricht zu handhaben, wenn Schüler oder Lehrer in Quarantäne zu Hause bleiben müssen?

Wenn die Lehrerin oder der Lehrer zu Hause bleibt, muss die Schule eine Stellvertretung organisieren, entweder schulintern oder von extern. Es ist sehr schwierig, Stellvertretungen zu finden, denn der Lehrpersonenmarkt ist ausgetrocknet. Corona verschärft den Lehrermangel zusätzlich. Doch der Unterricht geht weiter. Wenn eine ganze Klasse in Quarantäne muss, wird für sie Fernunterricht eingerichtet, in der Regel durch die Klassenlehrpersonen. Wenn einzelne Kinder in Quarantäne müssen, erhalten sie Aufgaben. Denn es ist unmöglich für eine Lehrperson, gleichzeitig Präsenz- und Fernunterricht zu erteilen. Allerdings wurden Online-Plattformen für den Fernunterricht wie Schabi seit dem Lockdown weiter betrieben, mit Aufgaben und Lernmaterial. Das können wir jetzt auch in Quarantäne-Situationen nutzen.

Was ist zu tun, damit Schüler in der Quarantäne nicht den Anschluss verlieren?

Die Quarantäne dauert zehn Tage, wenn die Kinder nicht erkranken. Das lässt sich aufholen, zumal sie ja auch in der Quarantäne Aufträge erhalten.

Und wenn über längere Zeit Fernunterricht nötig würde?

Das wäre nach wie vor ein Problem. Der Kanton hat es versäumt, zu klären, ob genug Geräte in den Schulen vorhanden sind. Der Vorteil ist: Wir wissen aus dem ersten Lockdown, welche Familien welche Ausrüstung haben. So können wir jetzt schneller reagieren. Die Stadt Zürich hat zudem teils die Ausrüstung der Schulen mit Tablets vorgezogen. Insofern sind wir jetzt besser vorbereitet. Es wird vor allem darum gehen, auf die Familien zu fokussieren, die auch sonst schwer erreichbar sind. Da sind wir auf Mithilfe der Eltern angewiesen: Wenn man anruft, muss jemand das Telefon abnehmen. Und wenn man eine Nachricht schreibt, muss jemand darauf reagieren.

Wie beurteilen Sie die Massnahmen, die in den Schulen aufgrund der zweiten Coronawelle bereits ergriffen wurden?

Es sieht ja danach aus, dass die Kinder keine Treiber der Pandemie sind. Die Massnahmen kamen zögerlich, aber sie halfen, dass die Infektionszahlen an den Schulen sich in einem engen Rahmen halten.

Lässt sich der nötige Abstand im Unterricht einhalten?

Nein. Je jünger die Schüler sind, umso schwieriger ist es. Wenn ich weiss, dass ich den Abstand nicht einhalten kann, ziehe ich eine Maske an. Und wir haben Plexiglasscheiben.

Corona hat die Schule verändert. Macht es noch Freude, Lehrer zu sein?

Ja. Das Wichtigste am Lehrerberuf sind die Kinder. Und die haben sich nicht verändert.

Der Lockdown brachte einen Digitalisierungsschub. Welche Lehren ziehen Sie aus den bisherigen Erfahrungen damit?

Eine wichtige Lehre ist, dass es genug Geräte braucht. In der Stadt Zürich beispielsweise, wo ich unterrichte, haben wir in der fünften und sechsten Klasse für alle Schülerinnen und Schüler ein Tablet. Damit kann man gut arbeiten. Drei Geräte pro Klasse wie an anderen Orten reichen nicht.

Wo fehlt es an Geräten?

Das ist von Gemeinde zu Gemeinde sehr unterschiedlich. Wir kritisieren das. Der Kanton müsste auf eine Harmonisierung hinarbeiten.

Wenn Online-Unterricht wieder vermehrt zum Thema wird: Worauf ist zu achten?

Seit Pestalozzi wissen wir: Es braucht Herz, Hand und Kopf. Es wäre ein grosser Verlust, wenn sich der ganze Unterricht in die digitale Welt verschöbe und nur noch über den Kopf ginge. Das Handeln wird weiterhin wichtig sein. Der grössere Teil des Unterrichts muss analog bleiben. Aber: Die Kinder finden schnell den Zugang zu digitalen Inhalten. Das ist auch eine Stärke. Die gilt es für den Unterricht zu nutzen – damit die Kinder lernen, dass so ein Gerät nicht nur für den Spass und die Freizeit sinnvoll ist, sondern auch zum Arbeiten.

Christian Hugi ist seit 2017 Präsident des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands und arbeitet als Primarlehrer in Zürich.

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