Dass sich Filme und TV-Sendungen gerne an wahren Begebenheiten orientieren, ist bekannt. US-Regisseur Vince Gilligan würde sich aber wundern, wenn er wüsste, wie präzis seine Fernsehserie «Breaking Bad» tatsächlich die Realität beschreibt. Denn die weltbekannte Geschichte eines Chemielehrers, der unter finanziellem Druck in die Drogenproduktion einsteigt, wurde gestern am Bezirksgericht Zürich fast eins zu eins nacherzählt.

Im Zentrum der Zürcher Version stehen zwei Männer. Beide wurden gestern zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Der eine ist ein 45-jähriger Chemiker aus Deutschland, der andere ein 32-jähriger IT-Spezialist aus Holland, der sich in Eigenregie ein beträchtliches Chemie-Wissen angeeignet hatte. Beide wohnen heute nicht mehr in der Schweiz.

Ihre Geschichte beginnt im Herbst 2006. Damals gründeten sie gemeinsam eine Firma, die sich offiziell der legalen chemischen und medizinischen Forschung widmete. Erfolgreich waren die beiden Männer damit aber nie. Denn ihre Kräfte investierten sie in ganz andere Absichten. So nutzten sie laut Anklageschrift die Infrastruktur und die im Namen der Firma beschafften Substanzen vor allem dazu, «in grossem Umfang» illegal Betäubungsmittel und Designerdrogen herzustellen. Diese wollten sie im In- und Ausland verkaufen.

Fachsimpeln über LSD

Für ihr Vorhaben fehlte ihnen jedoch das nötige Kleingeld. Um die Firma trotzdem zu finanzieren, betätigten sie sich als Marihuana-Dealer, womit sie monatlich rund 8000 Franken verdienten. Dieses Geschäftsmodell behielten sie bis mindestens Anfang 2009 bei. So erwirtschafteten sie insgesamt über 200 000 Franken.

Daneben experimentierten sie mit bewusstseinserweiternden Chemikalien. Wie sie dabei vorgingen, lässt sich in Chatprotokollen nachlesen. Denn wiederholt tauschten sich die beiden Männer im Internet miteinander und mit anderen Nutzern aus. Unter den Pseudonymen «transform» und «V» fachsimpelten sie online über Methoden zur Herstellung von Drogen, teilten Erfahrungen und Fortschritte und schmiedeten Verkaufspläne.

Dabei ging es um verschiedene Amphetamine, um den Ecstasy-ähnlichen Stoff MDMA, das Schmerz- und Rauschmittel Ketamin und die Halluzinogene Meskalin und LSD.

«Auslöser war eine kindliche, naive Neugier», erklärte gestern vor Gericht der ältere der beiden Angeklagten, der in der Firma als Geschäftsführer amtete. Er habe solche Substanzen nicht wie andere als 20-Jähriger ausprobiert, sondern «spät nachgeholt und teuer dafür bezahlt». Sein jüngerer Angestellter bezeichnete die Chemie als eine Art «Hobby», mit dem alles angefangen habe. «Dann kamen die finanziellen Sorgen und wir versuchten, Geld zu verdienen.»

Beim Versuch blieb es allerdings nicht. So gelang es ihnen, zumindest einen Teil der Drogen wirklich herzustellen. Entstanden sind unter anderem 580 Gramm Meskalin, 177 Gramm Ketamin sowie rund 160 000 Amphetaminpillen. Einen Teil der Pillen übergaben sie Anfang 2009 an Dritte, welche die Drogen in der Partyszene in Zürich und andernorts weiterverschachern sollten. Verkauft wurden das Meskalin und 10 000 Pillen. Letztere brachten 15 000 Euro ein.

Razzia am frühen Morgen

Der Erfolg währte aber nicht lange. Ein Teil der Drogen geriet bald in die Hände der Polizei, womit die Sache aufflog. Eine Razzia setzte den Zukunftsfantasien der Chemiefreaks schliesslich ein Ende. Vor Gericht beteuerten sie, die Sache tue ihnen leid. «Ich muss froh sein, dass es uns nicht gelungen ist, die Produkte wirklich auf den Markt zu bringen», sagte der Holländer.

Tatsächlich werden die Männer mit je einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren relativ milde bestraft, auch wenn die Probezeit mit vier Jahren lange ausfällt. Der ehemalige Geschäftsführer sass zudem 86 Tage in Untersuchungshaft, was er als «grauenvoll und traumatisch» beschrieb. Beide Verurteilten müssen als Gegenleistung für das mit Drogen verdiente Geld 20 000 Franken an den Staat zahlen sowie ihre Verfahrenskosten übernehmen.

Die Richterin sprach bei der Urteilseröffnung von «deutlicher krimineller Energie». Sie betonte, es wäre schlimmer gekommen, hätten die Männer nicht ein umfassendes Geständnis abgelegt. Dank des Geständnisses war auch ein abgekürztes Verfahren möglich: Staatsanwalt und Verteidigung einigten sich vor der Verhandlung auf einen Urteilsvorschlag, den das Gericht nur noch bestätigen musste.