Asylsuchende
Aus diesem Rotlichtlokal wird eine Asylunterkunft

Es fehlt Wohnraum für Asylsuchende. Jetzt will der Stadtrat die «Traube» in Ettenhausen kaufen und umnutzen.

Walter Sturzenegger
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Die «Traube» in Ettenhausen.

Die «Traube» in Ettenhausen.

Nicolas Zonvi

Die Stadt Wetzikon müsste 119 Asylsuchende beherbergen. So will es der Kanton, der für die Gemeinden ein Aufnahmekontingent von 0,5 Prozent der Bevölkerungszahl festgelegt hat. Doch der Stadt fehlt der Wohnraum. Gegenwärtig sind nur 105 Asylsuchende untergebracht – über die ganze Stadt verteilt. Das kantonale Sozialamt habe die Sozialbehörde wiederholt aufgefordert, zusätzliche Wohnkapazitäten zu schaffen, sagt Stadtrat Remo Vogel (CVP), der für das Ressort Soziales und Alter zuständig ist.

Die Suche nach geeigneten Liegenschaften ist schwierig. Anfang Jahr wurde der Stadt das Restaurant Anker in Robenhausen zur Miete angeboten. Es war Ende 2014 geschlossen worden. Allerdings hätten hohe Investitionen in eine Aussennottreppe, Brandschutz, Nasszellen, Waschmaschine und Tumbler getätigt werden müssen, was den Mietpreis auf 5000 Franken pro Monat hochtrieb. Mitte Jahr zog sich die Stadt zum Ärger der Besitzer zurück. «Das Preis-Leistungs-Verhältnis hat nicht gestimmt», erklärt Vogel. «Wir fühlten uns hingehalten und verschaukelt», sagt die Tochter des Besitzers, Claudia Larsen. Jetzt ist der «Anker» für 2600 Franken privat vermietet – ohne Zusatzinvestitionen.

In Ettenhausen ist Sozialvorstand Vogel nun noch fündig geworden. Der Stadtrat will das seit zwei Jahren leer stehende Wohnhaus und Restaurant Traube kaufen. Die Liegenschaft gehört dem Kanton. Der hatte sie im Zusammenhang mit dem Bau eines Rad- und Gehwegs entlang der Hinwilerstrasse erwerben müssen. Er benötigte einen Landstreifen, worauf der vorherige Eigentümer den sogenannten Heimschlag geltend machte. Durch den Rad- und Gehweg verliere er fünf Parkplätze, hatte er argumentiert. Ohne Parkplätze könne er seinen Betrieb, eine Kontaktbar mit entsprechend automobiler Kundschaft, nicht weiterführen.

Der Stadtrat hat sich mit dem Kanton auf einen Kaufpreis von 450 000 Franken geeinigt. Ein Kredit von 544 000 Franken für Kauf und bauliche Massnahmen muss aber noch vom Stadtparlament bewilligt werden. «Durch den Kauf schaffen wir genügend Aufnahmekapazitäten, um das zurzeit geforderte Aufnahmekontingent für Asylsuchende abzudecken», sagt Vogel. Und nicht nur das. Neben 10 bis 15 Asylsuchenden könnten in der «Traube» 5 bis 10 Sozialhilfeempfänger untergebracht werden. Vogel: «Auch wenn es um Notunterkünfte für Obdachlose geht, haben wir Mühe. Zum Teil müssen wir teure Hotelzimmer mieten.»

Vogel spricht im Fall «Traube» von einer «günstigen Lösung». Tatsächlich forderte der Kanton einst mehr. Im Dezember 2013 bot er die «Traube» dem Meistbietenden «für mindestens 700 000 Franken» zum Kauf an. Zwar meldeten sich Interessenten, zum Verkauf kam es aber nicht. Die Stadt würde die Liegenschaft der Asyl-Organisation Zürich (AOZ) vermieten, die im Rahmen eines Leistungsauftrages die Wetziker Asylsuchenden und allfällige Obdachlose betreut. Laut Vogel teilt der Kanton den Gemeinden fast ausschliesslich vorläufig aufgenommene Asylsuchende zu. Sie erhalten eine Unterstützung nach dem regulären Sozialhilfeansatz. Finanziert wird das Asylwesen während 10 Jahren ab Wohnsitznahme in der Gemeinde durch Bund und Kanton. Danach sind die Gemeinden zuständig.

«Fast damit gerechnet»

In Ettenhausen reagiert die Bevölkerung zurückhaltend auf die geplante Asyl- und Sozialhilfeunterkunft in der seit mehr als zwei Jahren leer stehenden Liegenschaft. «Es ist das Schicksal solcher Häuser, dass sie entweder als Erotik-Betrieb oder als Asylunterkunft genutzt werden», sagt ein Anwohner. «Wir haben fast ein bisschen damit gerechnet.» Dazu trug auch die Raumaufteilung bei. Im Saal hatte der frühere Besitzer für seine Kontaktdamen Zimmer eingerichtet, und die sanitären und elektrischen Anlagen sind gemäss Verkaufsunterlagen des Kantons «in sehr gut erhaltenem Zustand».

«Wir sind nicht gegen Flüchtlinge», betont Helen Held von der Dorfgemeinschaft. Die Frage sei, wer künftig in der «Traube» untergebracht werde. Gleich nebenan liegt der Kindergarten. «Lieber als junge Männer wären uns Familien mit kleinen Kindern.» Ettenhausen mit seinen wenigen hundert Einwohnern sei klein, die Infrastruktur wenig geeignet für Asylsuchende. «Wir sind ein Kaff – mit einer einzigen Einkaufsmöglichkeit im Milchlokal.» Dieses ist nur am frühen Morgen eine Stunde und an drei Abenden die Woche zwischen 17 und 19 Uhr offen. Vor allem fehlt eine Busverbindung. Der Fussmarsch bis zur nächsten Haltestelle beim «Ochsen» in Kempten oder beim Friedhof dauert 15 bis 20 Minuten.

Sozialvorstand Vogel verspricht einen geordneten Betrieb. «Wir haben die Situation im Asylwesen im Griff und werden sie im Auge behalten.» Er möchte dem Wunsch nach Familien mit Kindern nachkommen, kann aber nichts versprechen. «Unser Ziel ist es, Leute in Ettenhausen unterzubringen, die sich im Dorf integrieren. Doch die Zuteilung bestimmen nicht wir, sondern Bund und Kanton.» Detaillierter will er sich an einer Orientierung und Begehung vor Ort am 28. Oktober äussern, zu der er die Dorfbevölkerung um 19 Uhr in die «Traube» einlädt.

Diesen Termin wollten die meisten Ettenhauser abwarten, sagt Helen Held: «Wir haben Fragen und sind gespannt auf die Antworten.»