Finstere, schwärzeste Nacht. Es ist fünf Uhr am Montagmorgen. Riesige Teile einer Eisenkonstruktion werden aus einem archäologischen Depot ausserhalb der Stadt zum Rathaus am Limmatquai gekarrt. Zurück an den Ort, wo Forscher den spektakulären Fund gemacht hatten: Ein ganzer Hafenkran wurde freigelegt, Millionen von Jahren hatte er in den Sedimenten geschlummert.

Angesichts ihres methusalemischen Alters sehen die Kranelemente allerdings vergleichsweise frisch aus. Hier und da hat der grüne Lack dem Rost Platz gemacht. Der Kran ist Zeuge einer Zeit, als Zürich noch Hafenstadt am Meer war. Nun wird aus dem Skelett wieder ein Koloss.

So der Mythos, der hinter dem Kunstprojekt steht. Klar, real ist diese Geschichte so wenig wie Nationalheld Wilhelm Tell, aber schliesslich hat auch der sein eigenes Denkmal. «Zürich Transit Maritim» heisst das Kunstprojekt: ein brillanter Gedanke für die einen, ein teurer Hirnfurz für die anderen.

Realisten erkennen darin bloss einen alten DDR-Kran, der unter beträchtlichem logistischen Aufwand aus der Hansestadt Rostock nach Zürich verfrachtet wurde. Romantiker sind in Gedanken längst auf hoher See. Der Kran ist ein Kran, aber er ist auch das, was wir in ihm sehen wollen. Er ist eine Projektionsfläche der Gefühle.

«Doch, doch, das geht»

«8,5 Tonnen» steht in Kreide auf einem der Füsse. Dreibeinig wird der Kran in etwa zwei Wochen auf Schienen stehen, rund 30 Meter hoch. Vier Spezialisten von der Ostsee sind dabei, ihn zusammenzubauen - dieselben, die ihn auch auseinandergenommen haben. Erst zum Schluss wird er die rund drei Meter limmatabwärts geschoben. Dann muss ein Tramleitungsmast weichen, die Fahrleitungen werden an temporären Stützen befestigt. Bis dahin verkehren der 4er und der 15er wie gewohnt.

Zwei deutsche Kranbaufirmen hatten sich die Situation im Vorfeld angesehen: Bei laufenden Trambetrieb ginge der Aufbau nicht, meinten sie. «Doch, doch das geht», sagte Rolf Kaspar, Bauleiter des Tiefbauamtes. Und zumindest bis jetzt hat er recht behalten. Nun steht Kaspar auf der Baustelle, beantwortet Fragen von Journalisten und Passanten, allesamt Frühaufsteher.

Die Stadt erwacht, das Sonnenlicht schiebt sich langsam über ihre Dächer. Ein Kran steht bereits: ein Pneukran, ohne den der Aufbau des Hafenkrans unmöglich wäre. Im Gegensatz zum Hafenkran ist er brandneu, hat keinen Kratzer. «Das ist sein erster Einsatz», sagt Kaspar. Die Mitglieder des Künstlerkollektivs, die sich die Sache ausgedacht haben, beäugen die Szenerie kaffeetrinkend aus dem Lokal gegenüber.

Hier entsteht das umstrittene Kunstobjekt. Die Aufbauarbeiten des Zürcher Hafenkrans sind in vollem Gange, aber nicht zur Freude aller.

Hier entsteht das umstrittene Kunstobjekt.

Dass der Hafenkran in weniger als zwei Wochen über der Limmat thronen wird, ist angesichts seiner wechselvollen Geschichte nicht selbstverständlich. Der Gemeinderat hatte einen Teil des Kredits dafür abgelehnt. Zum Schluss - als das Projekt teurer als geplant wurde - sprang der abtretende Sozial- und ehemalige Hochbauvorsteher Martin Waser (SP) mit Geld aus seiner privaten Kasse ein. SVP- und FDP-Exponenten sammelten zum Schluss Unterschriften, um den Kran mittels Volksinitiative zu verhindern.

Aus Gegnern wurde ein Gegner

Doch am gestrigen Morgen ist von den einst so zahlreichen Widersachern des Projekts nicht viel zu sehen. Ein Mann steht auf dem Trottoir, ein Schild in der Hand, aus dem hervorgeht, dass er mit dem Kran nichts anfangen kann. Aus den Gegnern im Plural wurde schlicht der Gegner. Im Interview mit einer Radiojournalistin schimpft er über Rot-Grün, zeigt dabei auf den grünen Lack und die rostroten Flecken.

Einer nach dem anderen machen sie der Baustelle ihre Aufwartung: Stadträtin Ruth Genner (Grüne), ihr Kollege Waser. Eine grinsende Stadtpräsidentin Corine Mauch fährt auf dem Velo vorbei. Sogar die beiden SVP-Regierungsräte auf dem Weg in den Kantonsrat scheinen Gefallen an den riesigen Kranteilen zu haben.

In neun Monaten soll sie wieder verschwinden, Zürichs neue Erinnerung an längst vergangene Zeiten am Meer. Vielleicht tritt dann ein, was Martin Waser bereits prophezeit: dass es zu Protesten gegen den Abbruch kommen wird. Nun, der Kran wäre nicht das erste Zürcher Provisorium, das länger als geplant Bestand hätte.Niederlage für die Zürcher Kantonalbank (ZKB): Der Kantonsrat hat ihr am Montag die Möglichkeit genommen, mit Partizipationsscheinen an neues Kapital zu kommen.