Zürich
Augenzeuge zu Krawallen: «Es war wie Krieg auf der Strasse»

In der Nacht auf Samstag artete ein «Reclaim the Streets»-Umzug innerhalb kürzester Zeit zu einer Strassenschlacht aus. 200 Vermummte aus der linksautonomen Szene randalierten nach 22 Uhr in den Kreisen 3 und 4. Zwei Augenzeugen erzählen.

Rafaela Roth, watson.ch
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Ein Demonstrant der «Reclaim the Streets»-Bewegung wirft eine Leuchtfackel gegen ein Haus.

Ein Demonstrant der «Reclaim the Streets»-Bewegung wirft eine Leuchtfackel gegen ein Haus.

Keystone

Nadine H.* fand sich am Freitagabend am verabredeten Treffpunkt im Sihlhölzlipark in Zürich ein, weil sie sich mit der Idee von «Reclaim the Streets» (RTS) identifiziert: «Wir nehmen uns heute die Strasse – mit Musik und Feierlaune – um ein Zeichen zu setzen gegen die fortschreitende Stadtaufwertung!», schreiben die Organisatoren in einschlägigen Foren. «Die Aufwertung bewirkt, dass Lebendigkeit, Spontaneität, Freiräume und alternative Kulturprojekte in ganzen Quartieren verloren gehen.»

Mit diesen Worten identifizieren sich viele junge Menschen. Mehrere 100 folgten dem Ruf aus der linksautonomen Szene: «Zuerst standen wir im Sihlpark um das Feuer und hörten Musik. Es gab gratis Essen und Kaffee. Um etwa 22.10 Uhr sind wir dann friedlich losgelaufen», erzählt Nadine H. watson.

Dann sei alles ziemlich schnell ausser Kontrolle geraten: «Zunächst sprayten lediglich ein paar Demonstranten. Dann roch man plötzlich Tränengas und auf der Höhe Langstrasse artete es dann komplett aus. Chaoten begannen Scheiben einzuschlagen und schmissen Feuerwerkskörper in die Läden», sagt sie. In der Europaallee in der Nähe des Bahnhofs seien dann ein Tannenbaum, mehrere Autos und Container angezündet worden. «Ich habe mich dann schnell von der Gruppe entfernt», sagt Nadine.

Für Cédric R.* war das Ausmass der Zerstörung unfassbar: «Ich stehe eigentlich 100 Prozent hinter der Message von RTS. Das gestern war aber total übertrieben», sagt er gegenüber watson: «Es war wie Krieg auf der Strasse.» Es habe besonders aggressive Krawalltrupps unter den Demonstranten gehabt. «Mir wurde bewusst, dass wir als Masse diese Chaoten im Prinzip schützen», sagt er. «Darauf hatte ich keine Lust.»

Saubannerzug mitte Dezember in Zürich.
24 Bilder
Saubannerzug durch Zürich
Ein Demonstrant der «Reclaim the Streets»-Bewegung wirft eine Leuchtfackel gegen ein Haus.
Brennendes Auto
Polizisten im Einsatz
Ein Demonstrant wird festgenommen
Die beschädigten Gebäude werden abgesperrt
Schäden an den Schaufenstern
Das grosse Aufräumen

Saubannerzug mitte Dezember in Zürich.

Newspictures

Auch Adrian T.* lief bei den Demonstranten mit und erzählt von wütenden Krawall-Trupps: «Ich habe noch nie so viele Vermummte auf einem Haufen gesehen», sagt er, «es müssen um die 200 gewesen sein. Beim Rest handelte es sich aber um friedliche Demonstranten.»

Die Polizei bestätigt die «Besammlung von 200 grösstenteils vermummten und gewalttätigen Personen». Mario Cortesi von der Stadtpolizei Zürich gegenüber watson: «Das gestern hatte wirklich gar nichts mit einer friedlichen Tanzdemonstration zu tun. Eine solche Aggressivität hatte ich noch nie erlebt.» Polizisten seien gezielt und massiv mit Laser, Fackeln und Böllern angegriffen worden.

«Eigentlich schade», meint Cédric R: «Bei RTS sollte es nicht darum gehen, alles kurz und klein zu schlagen.»

Namen von der Redaktion geändert