Slackline
Aufstrebender Trendsport in der Schweiz: Sie haben die Balance gefunden

Zwei ehemalige ETH-Studenten wollten vor sechs Jahren das Slacklinen in den Unisport bringen. Heute revolutionieren sie mit ihrer Firma Slacktivity den Slackline-Sport.

Andrea Weibel
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«Wir wollen nicht nur Material verkaufen, sondern den Slackline-Sport weiterbringen»: Samuel Volery und Tobias Rodenkirch.

«Wir wollen nicht nur Material verkaufen, sondern den Slackline-Sport weiterbringen»: Samuel Volery und Tobias Rodenkirch.

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Ich sitze über dem Abgrund. Alles, was mich vor dem freien Fall bewahrt, ist ein 3,7 Zentimeter breites Kunststoffband. Mein Herz rast, mein Mund ist trocken und mein Instinkt schreit: Lauf weg! Aber ich kämpfe gegen diese Urangst. Den Fixpunkt gute 30 Meter vor mir lasse ich nicht aus den Augen. Ich setze einen Fuss aufs Band, halte mich mit einer Hand fest, balanciere. Langsam nähert sich mein zweiter Fuss dem Band.

Was ist Slackline?

Das Balancieren auf einem 2,5 bis 5 Zentimeter breiten Kunstfaserband zwischen zwei Fixpunkten (meist Bäumen) nennt sich Slacklinen. Es wird als eigenständige Sportart, aber auch zum Gleichgewichtstraining und in der Physiotherapie verwendet und entwickelte sich Anfang 1980er-Jahre unter Kletterern in den USA.

Es gibt verschiedene Spannarten der Slacklines: Eine Jump- oder Trickline wird sehr straff gespannt, damit man darauf wie auf einem Trampolin springen kann. Die Rodeo- oder Akro-Line hängt fast bis zum Boden durch und ist schwierig zu begehen, dafür gut zum Schaukeln. Ab einer Länge von 30 Metern spricht man von einer Longline. Highlines dagegen sind in grosser Höhe angebracht. Der Slackliner trägt dabei einen Klettergurt und ist mittels Sicherheitsleine gesichert. Eine Slackline über Wasser bezeichnet man als Water- oder Splashline. (aw)

Im Gegensatz zu mir laufen sie diese Highline, ohne mit der Wimper zu zucken. Dennoch ist ihre Freude echt, die Erleichterung spürbar. Meine Arme und mein angespannter Körper halten die Balance auf dem wackeligen Band. Ich schaffe einen Schritt, dann noch einen. Weiter komme ich nicht. Ich taumle und falle ins Sicherheitsseil. Ich kämpfe mich so oft zurück aufs Band, bis mir die Kraft ausgeht. Dann fange ich die Hilfsleine und lasse mich zurückziehen. Ich bin psychisch und physisch am Ende – aber unglaublich stolz.

Ritterschlag vom Schweizermeister

Samuel Volery ist der Erste, der mir seine Hand zum Abklatschen entgegenstreckt. In anderen Sportarten wäre das wohl der Ritterschlag, denn der 29-Jährige aus Uster ist nicht nur der erste Slackline-Schweizermeister überhaupt, sondern auch einer der Slackline-Pioniere des Landes. Doch unter Slacklinern ist eine solche Situation normal, die Vereine zählen noch so wenig Mitglieder, dass die Champions ganz selbstverständlich mit den Anfängern trainieren und Tricks weitergeben.

Slackliner sind eine besondere Gruppe von Menschen. Volery wendet ein: «Es ist ein Sport für jeden. Die Slackliner kommen aus allen möglichen Schichten und haben alle möglichen Berufe, man kann sie gar nicht in eine Schublade stecken.» Aber auch er spürt den besonderen Zusammenhalt unter den Sportlern. Dieser zeigt sich speziell, wenn die Mitglieder der Vereine von Lausanne über Bern und Luzern bis Zürich gemeinsam die Lines spannen – im Winter über Schnee, im Sommer über Flüssen und Seen oder ganz einfach in Parks.

Akrobatik pur: Auf der Trickline kann man fast wie auf einem Trampolin springen.
6 Bilder
Fast wie über dem Wasser schweben: Eine Waterline.
Das schmale Seil verlangt volle Konzentration.
Samuel Volery demonstriert, dass sich die Slackline auch durchaus mit musikalischen Aktivitäten verbinden lässt.
Eindrückliche Momentaufnahme: Als würde er sich mitten in der Luft gemütlich aufwärmen.
Slackline-Veteranen beherrschen auch komplexe Sprünge auf der Trickline.

Akrobatik pur: Auf der Trickline kann man fast wie auf einem Trampolin springen.

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Ständig neue Prototypen

Volery kennt sich in der Szene aus, denn seit 2007 betreibt er mit dem Zürcher Tobias Rodenkirch (32) die Firma Slacktivity. Neben Slacklines bieten sie Shows, Workshops und Lernvideos auf Youtube an. Zudem produzieren sie ständig neue Prototypen wie die Akro-Line, die sie aus Industrieschlingen auf ihrer online ersteigerten Industrienähmaschine herstellen. «Wir besprechen oft neue Ideen, testen sie und messen die Belastbarkeit. Wir wollen nicht nur Material verkaufen, sondern die Slacklines und somit den Sport weiter bringen.

Ihr Material lassen sie in China und Taiwan herstellen. «Wir waren schon öfter dort und haben den Produzenten unsere Ideen aufgezeigt.» Als Allererstes liessen sie sich aber bescheinigen, dass die Fabriken unter anderem ohne Kinderarbeit und mit fairen Löhnen wirtschaften.

1500 Slackline-Sets pro Jahr

Dabei begann alles im Unisport: Die beiden ETH-Bewegungswissenschaftler, die das Slacklinen in der Kletterhalle entdeckt hatten, wollten es 2007 im Unisport anbieten. «Unser Hauptproblem war die Befestigung der Lines in der Halle. Wir hatten schon gehört, dass man Volleyballpfosten damit verbiegen kann. Also konstruierten wir eigene Stahlpfosten.» Diese kamen so gut an, dass Sportlehrer sie baten, noch mehr Pfosten herzustellen.

Bald folgte eine Website für Slackline-Indoor-Material. «Dann kam das Angebot aus China.» Heute ist Slacktivity die erfolgreichste Slackline-Firma des Landes mit Lieferungen bis Deutschland und Holland. An Schulen verkaufen sie zwei bis drei Indoor-Sets pro Monat – Bodenausmessen und Einführungslektion inklusive –, Outdoor-Sets sind es etwa 1500 pro Jahr. Volery und Rodenkirch arbeiten heute zu 100 Prozent für Slacktivity und tragen dazu bei, dass sich Slacklinen in der Schweiz allmählich zum Breitensport entwickelt.

«So, jetzt aber zurück auf die Line», motiviert mich Samuel Volery. Vor der Highline brauche ich eine Pause. Also ab auf die Akro-Line, je nach Laune in den Schulterstand, surfend oder schaukelnd wie auf einer Hängematte – das ist sogar mit Gitarre möglich. «Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt», lacht Volery.

Weiterführende Links:

Mehr Infos unter www.slacktivity.ch oder auf der Website des Verbands.