SBB
Aufruhr im Shop Ville: Langjährige Mieter gehen, neue geisseln die SBB

Eine massive Mietzinserhöhung der SBB zwingt langjährige Mieter im Zürcher Shop Ville, ihre Läden für immer zu schliessen. Die Mietzinse seien teilweise über 20 Jahre nicht mehr angepasst worden, wehren sich die SBB.

Thomas Münzel
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Im neuen Durchgangsbahnhof Löwenstrasse: Über den Geschäftsgang und die Kundenfrequenz sind mehrere Geschäftsinhaber noch nicht glücklich. Keystone

Im neuen Durchgangsbahnhof Löwenstrasse: Über den Geschäftsgang und die Kundenfrequenz sind mehrere Geschäftsinhaber noch nicht glücklich. Keystone

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Es ist für manche Fotofreunde und Pendler so etwas wie eine Institution: Das Fotofachgeschäft «FotoPro Ganz» in der Halle Museumstrasse im Zürcher Shop Ville. Seit über zwanzig Jahren empfängt es im Hauptbahnhof Kunden und Pendler aus nah und fern – und erfreut sich auch heute noch einer stets wachsenden Stammkundschaft.

Doch damit ist nun bald Schluss. Denn im nächsten Jahr schliesst das Traditionsgeschäft im Shop Ville seine Tore. Verkaufsleiterin Sonja Seitz bestätigt: «Per 1. März 2015 müssen wir unseren Laden schweren Herzens dichtmachen.» Grund: «Die SBB haben eine Mietzinserhöhung von 40 Prozent in Aussicht gestellt.» Trotz hoher Kundenfrequenz und hervorragendem Geschäftsgang könne man eine solch massive Mietzinserhöhung nicht hinnehmen, sagt Seitz.

Auch vis-à-vis dem Fotofachgeschäft sagt ein Unternehmen seinen Kundinnen und Kunden nach über 17 Jahren im kommenden Jahr Adieu: Die Café-Bar und Confiserie «Espressino Al Porto» schliesst ihre Pforten per 1. Juni 2015. Die SBB hätten den auslaufenden Mietvertrag nicht mehr verlängern wollen, erklärt deren Besitzer Hans Peter Kohler auf Anfrage. Aufgrund des zunehmenden Konkurrenzdrucks innerhalb des Shop Ville habe der Umsatz des Lokals in letzter Zeit etwas gelitten, räumt er unumwunden ein. Das Vorgehen der SBB erklärt sich Kohler insbesondere damit, «dass das Management offenbar vor allem an grösseren und damit einträglicheren Ketten interessiert ist».

SBB: «Attraktivität ist gestiegen»

Die SBB stellen dies jedoch in Abrede. «Wichtig ist uns ein guter Nutzungsmix, damit die Kunden am Bahnhof ein breites Angebot haben», sagt SBB-Sprecherin Lea Meyer. «So sollen beispielsweise auch ein ‹Schirm-Fredy› oder ‹Big› als lokales Zürcher Unternehmen Platz im Hauptbahnhof finden – nicht nur Grosskonzerne, die logischerweise höhere Mieten zahlen können.»

Apropos «höhere Mieten»: Die SBB-Sprecherin bestätigt nicht nur, dass die Mietverträge von «FotoPro Ganz» und «Espressino Al Porto» im kommenden Jahr auslaufen, sondern auch, dass man die «vor langer Zeit vereinbarten Mieten der heutigen Marktsituation» angleichen wolle.

Die Mietzinse seien teilweise seit über 20 Jahren nicht mehr angepasst worden, sagt Meyer. «Auf der anderen Seite haben sich die Frequenzen im Bahnhof Zürich jedoch um rund 50 Prozent erhöht.»

Alleine die S-Bahn Zürich transportiere heute – verglichen mit der Inbetriebnahme im Jahr 1990 – etwa 240 Prozent mehr Personen.

«Diese Steigerung der Benutzungsfrequenzen beeinflussen natürlich auch die Attraktivität des Geschäftsstandortes und damit die Höhe der Mieten.» Details zu den aktuellen und künftigen Mietzinsen nannte die SBB-Sprecherin allerdings nicht.

Immobilienfachmann Robert Hauri, CEO der SPG Intercity Zurich AG, erachtet eine Mindestmiete im Shop Ville zwischen 3000 und 5000 Franken pro Quadratmeter und Jahr als durchaus realistisch. Solche Mietpreise orientierten sich bereits stark an den Rekordmieten an der nahen Bahnhofstrasse von bis zu 9000 Franken pro Quadratmeter.

SBB-Mediensprecherin Lea Meyer betont, dass die aktuellen Mieter «selbstverständlich die Möglichkeit haben, bei Interesse mit zu offerieren». Welche Mietverträge neben «FotoPro Ganz» und «Espressino Al Porto» 2015 ebenfalls auslaufen und welche Geschäfte aufgrund der neuen Konditionen gleichfalls schliessen müssen, sagen die SBB hingegen nicht.

Bahnhof Löwenstrasse: Zwiespältige Bilanz der Geschäfte: «Man hat uns das Blaue vom Himmel versprochen»

Die relativ strengen Auflagen der SBB und ihr Verhalten gegenüber den neuen Ladenbesitzern beim Bahnhof Löwenstrasse hat so manche nachhaltig verärgert. Die SBB seien unternehmerfeindlich, sagen anonyme Quellen.

Vor einem halben Jahr fand die Teileröffnung der Durchmesserlinie statt. Und seit dieser Zeit haben auch sie offen, die über 40 neuen Geschäfte in der modernen, lichtdurchfluteten, aber auch etwas steril wirkenden Einkaufspassage im neuen Tiefbahnhof Löwenstrasse.

Eine erste Bilanz fällt ziemlich durchzogen aus. Denn eine Umfrage vor Ort zeigt, dass die Ladenbesitzer und Geschäftsführer nur sehr bedingt mit der Umsatzentwicklung zufrieden sind. «Zu den Stosszeiten läuft es zwar recht gut», heisst es unisono. Doch dazwischen sei man oft nur dazu da, um verirrten Passanten den Weg zu weisen.

Eine Person, die anonym bleiben will, war ganz besonders aufgebracht: «Ich will auspacken.» Sie sieht die Hauptschuld für den harzigen Beginn vor allem bei der Vermieterin, also den SBB. Dass die Fernverkehrszüge auf der West-Ost-Achse erst Ende 2015 über den neuen Bahnhof Löwenstrasse fahren, habe man nur im Kleingedruckten lesen können.

«Überrissene Mietpreise»

Diese wichtige Information sei nie Bestandteil der Verhandlungen gewesen. Sie fühlt sich deshalb von den SBB über den Tisch gezogen. «Man hat uns in Sachen Umsatz das Blaue vom Himmel versprochen.» In der Realität sei man aber meilenweit davon entfernt. Die Mietpreise seien allein vor dem Hintergrund dessen, dass die Durchmesserlinie erst heute in einem Jahr auf Vollbetrieb laufe «völlig überrissen». Das sehen auch andere Mieter so, die aber ebenfalls anonym bleiben wollen. Die SBB wehren sich vehement: «Diese Vorwürfe weisen wir klar zurück», sagt SBB-Sprecherin Lea Meyer. «Das Projekt und alle Termine haben wir von Anfang an kommuniziert und regelmässig wiederholt.»

Viele Ladenbesitzer bemängeln zudem die restriktiven Vorgaben bei der Beschriftung der Geschäfte und bei der Gestaltung der Schaufenster. «Das ist schlicht unternehmerfeindlich», sagt jemand. «Wir dürfen keinerlei Aktionen und Preise auf dem Schaufenster anbringen.» Und weil die Namensbeschriftung der Läden ungewöhnlich teuer war – «ein Buchstabe kostet 1500 Franken» – hatten einzelne Geschäfte gar darauf verzichtet, ihren vollen Geschäftsnamen aufleuchten zu lassen, wie sie auf Anfrage bestätigen.

Apotheke heisst nicht Apotheke

Andere wiederum wollten ihr Geschäft unbedingt mit vollem Namen beschriften lassen, durften aber nicht. Beispielsweise die «Naturewell Apotheke». Oberhalb des Geschäftseinganges steht heute deshalb lediglich «Naturewell», aber nicht Apotheke.
Die SBB erklären dazu: «Wir haben die Beschriftungen bei den neuen Geschäften im Hauptbahnhof vereinheitlicht.» Und: «Hinter der Scheibe haben selbstverständlich alle Partner die Möglichkeit, ihre eigenen Brandings und Beschriftungen anzubringen», sagt SBB-Sprecherin Meyer. «Bei der Apotheke ist zudem ein grünes Kreuz hinter dem Glas, welches das Geschäft gut signalisiert.»
Im «alten» Shop-Ville-Bereich, kaum 100 Meter von der «Naturewelle Apotheke» entfernt, prangt jedoch in grosser Leuchtschrift der Firmenname «Amavita Apotheke». Wie ist das möglich? Dazu die SBB: «Zur Amavita Apotheke im Shop Ville können wir keine Stellung nehmen, da diese im städtischen Teil des Bahnhofs steht.» Mit anderen Worten: Die Stadt scheint als Vermieterin offenbar deutlich weniger restriktive Vorschriften zu machen als die SBB.

Entgegenkommen signalisieren die SBB aber zumindest beim Punkt «Orientierungshilfen». Denn gleich mehrere Ladenbesitzer im Bahnhof Löwenstrasse bemängelten, dass es kaum Wegweiser für die Passanten gebe. «Momentan sind wir zusammen mit der Mietervereinigung daran, die Beschriftungen zu optimieren», sagt SBB-Sprecherin Meyer. «Wir wollen keinen Schilderwald, können aber bei der Beschriftung der Ladengeschäfte im Bahnhof Zürich sicher noch besser werden.» (TM)