Audio-Führer
Auf Entdeckungsreise: Das 4er Tram verpasst Touristen Kinderaugen

Zwei Regisseurinnen und zwei Schulklassen schicken Manifesta-Besucher auf Entdeckungsreise.

Florian Niedermann
Merken
Drucken
Teilen
Zeit für Reflexion: Zwischen dem Hauptbahnhof Zürich und dem Bellevue sinnieren die jungen Stadtführer über Lohnarbeit.

Zeit für Reflexion: Zwischen dem Hauptbahnhof Zürich und dem Bellevue sinnieren die jungen Stadtführer über Lohnarbeit.

Florian Niedermann

Das erste Mal schmunzeln muss ich an der Haltestelle Quellenstrasse. Ich sitze im 4er-Tram, vor dem Fenster auf der rechten Seite erblicke ich den Quartierkiosk und durch die Kopfhörer in meinen Ohren erzählt mir ein Junge die Geschichte von Joe, der diesen Laden seit 15 Jahren führt. «Als Kind wollte Joe Sänger werden. Aber er konnte nicht singen», sagt die Stimme. So wurde Joe Kiosk-Inhaber. In wenigen Sekunden erfahre ich dann auch, dass das günstigste Produkt in seinem Geschäft ein Gummipilz ist (5 Rappen) und weshalb das Gebäude, in dem es sich befindet, lauter verschiedene Balkone hat.

Der Junge, der mir das alles berichtet, ist eines von 48 Schulkindern aus dem Kreis 5 und dem Seefeld. Auf der rund 30-minütigen Fahrt von Zürich Altstetten bis zum Bahnhof Tiefenbrunnen bringen sie mir die Quartiere entlang der Tramlinie 4 und die Menschen näher, die dort arbeiten. Hinter dem charmanten Audio-Stadtführer «Ganz Ohr im 4i Tram» stehen die beiden Regisseurinnen Annette Carle und Karin Heberlein. Er ist ihr Beitrag zu den «Parallel Events» der europäischen Kunstbiennale Manifesta 11 (siehe Kontext).

Bindeglied und Kontrastlinie

Dass die beiden Künstlerinnen, die auch in ihren Filmprojekten meist mit Kindern arbeiten, für ihr Projekt das 4er-Tram gewählt haben, ist kein Zufall: Es hält beim Löwenbräu-Areal, beim Helmhaus sowie beim «Pavillon of Reflections» am Bellevue – und bildet so die direkte Verbindung zwischen drei wichtigen Manifesta-Schauplätzen. «Spannend ist diese Linie aber auch, weil sie den pulsierenden Kreis 5 mit dem schicken Seefeld verbindet. Das sind interessante Kontraste», sagt Heberlein. Ihre Idee: Zwei Klassen aus je einem Schulhaus dieser Stadtteile sollten Besuchern der Biennale ihre Lebenswelt aus ihrer eigenen Perspektive vorstellen – sie während der Stadtrundfahrt durch Kinderaugen sehen lassen sozusagen. Den wichtigsten Teil der Arbeit leisteten die Schülerinnen und Schüler, wie Heberlein betont: «Von den Interviews bis zu den Aufnahmen haben sie das meiste selbst gemacht. Nur den Schnitt haben wir übernommen.»

Das kostenlose Angebot kann bequem von zu Hause aus bezogen werden. Von der Website von Carles und Heberleins Firma Pixibarfilm sind die Ton-Dateien im Nu heruntergeladen. Sie müssen auf ein mobiles Abspielgerät gespeichert werden. Für jede Haltestelle ist eine entsprechend beschriftete Datei vorgesehen. Jetzt muss man sich nur noch an einer der 25 Haltestellen ins «4i» setzen, beim Losfahren den entsprechenden Teil des Audio-Führers anwählen und «Play» drücken. Und schon ist man immer exakt bis zum nächsten Halt bestens unterhalten.

Auf hohen Sohlen zu Jerry Lewis

An der Haltestelle Feldeggstrasse ranken sich etwa gleich mehrere Geschichten der Schüler um das ehemalige Kino Razzia, in dem heute ein Vier-Sterne-Restaurant betrieben wird. Ein Mädchen berichtet mir über meine Kopfhörer davon, wie ihr Vater seinen ersten Job an der Kasse dieses Kinos erhalten hat. Er hat dort auch seinen ersten Kino-Film – «Der verrückte Professor» mit Jerry Lewis – gesehen, wie ich erfahre: «Weil er noch etwas zu jung war, hat er extra höhere Schuhe angezogen, um reinzukommen», sagt die Tochter.

Eine spezielle Rolle kommt auf der Fahrt nach Tiefenbrunnen dem Abschnitt zwischen dem Hauptbahnhof Zürich und dem Bellevue zu. Das Thema der Manifesta «What people do for money» schwingt zwar auch im Subtext der Kurzporträts mit, welche die Schüler von diversen Angestellten entlang der Tramlinie 4 skizzieren. Doch als mein Tram über die Bahnhofbrücke fährt, sinnieren die Stimmen in meinem Ohr doch sehr konkret über den Wert von Geld und Arbeit.

Ein Mädchen findet etwa, dass es ihm lieber wäre, wie früher zu tauschen, als mit Geld zu bezahlen – «einen selbst gepflückten Blumenstrauss gegen einen Schleckstängel». Und eine Bubenstimme philosophiert: «Gäbe es kein Geld, wäre alles gratis und Geld auch nicht nötig. Es gäbe dann wohl auch Probleme, aber andere.» Diese Gedanken holen mich wieder ein, als ich in Tiefenbrunnen aussteige. Fast verliere ich mich darin. Doch dann schiesst mir durch den Kopf, dass ich für meinen Lohn eigentlich auch etwas zu leisten habe. Und schon eile ich zur Arbeit.

Den Audio-Guide "Ganz Ohr im 4i Tram" herunterladen können sie hier.

Diese «Parallel Events» sollten Sie nicht verpassen

Zeitgleich zu jeder Manifesta-Ausgabe finden die sogenannten Parallel Events statt. Ihr Anspruch ist es, verschiedene Facetten der lokalen und regionalen Kulturszene aufzuzeigen und diese in einen Dialog mit der Hauptausstellung zu bringen. Neben dem Audio-Stadtführer «Ganz Ohr im 4i Tram» von Annette Carle und Karin Heberlein finden sich darunter weitere Projekte, die man nicht verpassen sollte. Eine Auswahl:

- «Foto-Ernst» - Haus der analogen Kunst: Das Herzstück bildet das seit fast zwanzig Jahren stillgelegte Haus «Foto-Ernst» an der Zürcher Badenerstrasse 211, in dem verschiedene Projekte den Besuchern die Geschichte und die Praxis der analogen Fotografie näher bringen sollen.

- «Transactions» – Universität Zürich: Die Uni verwandelt ihr Hauptgebäude in einen Experimentalraum für künstlerische und wissenschaftliche Erkundungen. Rund 30 Installationen zeigen zeitgenössische künstlerische Positionen und aktuelle Forschungsprojekte der UZH rund um die Themen Beziehungen, Verschiebungen und Abhängigkeiten von Geld, Glück, Gesundheit und Gerechtigkeit im Kontext der Arbeit.

- Stützlibar – Sihlquai 252: Eine Szenebar, die das System «Gast zahlt – Gast trinkt» aus den Angeln hebt: Menschen setzen hier ihre Ehre aufs Spiel, um den Geldpot zu leeren, andere sind der Willkür des Marktes ausgeliefert, immer auf das Schnäppli hoffend, andere sind bloss Zuschauer, die sich an einen Drink klammern und der Pianomusik frönen. (fni)