Ferien daheim
Auf der Strahlegg hektisch, am Bachtel ruhig: So ergeht es Zürcher Ausflugsbeizen im Coronasommer

Heimferien sollten Ausflugsbeizen das Geschäft des Lebens bescheren. Nicht auf jedem Zürcher Berg ist das aber der Fall.

David Kilchör
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Überschaubarer Aufmarsch im Restaurant Bachtel Kulm: Die Wirtin Bettina Fleps ist darüber nicht unglücklich.

Überschaubarer Aufmarsch im Restaurant Bachtel Kulm: Die Wirtin Bettina Fleps ist darüber nicht unglücklich.

Seraina Boner

Die These ist klar: Diesen Sommer bleiben die Schweizer zu Hause, bewandern die hiesigen Hügel und Berge – und kehren in den Ausflugsbeizen ein. Un­verhoffte Hochsaison also für Sennhütte, Scheidegg, Bachtel-Restaurants und Co. Nicht alle Pächter würden solcherlei unterschreiben.

Da ist etwa Bettina Fleps vom Restaurant Bachtel Kulm. Sie stellt eher etwas weniger Kundschaft fest als üblich. Nicht dass sie das stören würde. «Der Sommer war in vergangenen Jahren teils enorm hektisch und stressig», sagt sie. Das sei heuer nicht der Fall. Es laufe gut, sehr gut sogar. Aber einfach etwas entspannter zu Stosszeiten. «Ich denke, die Leute sind respektvoll und vorsichtig wegen Corona. Sie gehen schon raus, aber mit Zurückhaltung.»

Entspannung statt Hektik

So, wie sich die Situation jetzt präsentiere, sei sie höchst zufrieden. Denn eine etwas entspanntere Sommersaison sei sowohl für ihr Personal als auch für die anwesenden Gäste besser als die sonst übliche Hektik. «Und unsere Absicht ist ja, den Gästen ein möglichst gutes Erlebnis zu ermöglichen.»

Andy Kramar, Wirt der Bachtel Ranch, äussert sich ganz ähnlich. «Im Sommer haben wir generell mehr Besucher», sagt er. Dass es momentan mehr als in anderen Jahren wären, könne er nicht behaupten. Und ganz ähnlich klingt es auch bei Aco Rastoder, dem Wirt auf der Alp Scheidegg. «Vermutlich haben wir etwas mehr Gäste als im Sommer sonst üblich», sagt er. Aber massiv sei der Unterschied nicht. Einzig Sarah Tiefenbacher, die seit diesem Jahr mit ihrem Mann die «Sennhütte» auf der Strahlegg führt, spricht von einem Grossaufmarsch. Selber habe sie zwar noch keine Erfahrungswerte, doch eine Anwohnerin, die früher im Restaurant gearbeitet habe, spreche von deutlich mehr Kundschaft als üblich. «Für uns ist eigentlich der Herbst die Hauptsaison, weil die Leute dann über den Nebel wollen», so Tiefenbacher.

Nun aber sei das Restaurant oftmals voll – teils müsse man gar Gäste abweisen oder länger auf einen freien Tisch warten lassen. «Das ist natürlich frustrierend für sie, weil man schon recht lange unterwegs sein muss, um überhaupt zu uns zu kommen.» Das führe teils auch zu Misstönen, zumal ein Tisch mit einem einzigen Gast halt auch als besetzt gelte. «Wir dürfen nach wie vor Tische nicht mischen – und daran halten wir uns auch», erklärt Tiefenbacher. Nicht jeder Gast könne das nachvollziehen; und es sei nicht immer einfach, das geschickt zu kommunizieren.

Für Tiefenbacher ist die Situation «ambivalent». Denn einerseits lasse die Coronasituation die Gäste in die «Sennhütte» strömen. «Die Leute wollen raus, fahren aber nicht ans Meer. Also sind wir eine gute Alternative.» Andererseits binde der Regulierungskatalog wegen des Virus die Gastronomie auch zurück. «Wir können nicht die volle Zahl von Tischen nutzen und jene, die wir haben, können wir oftmals nicht voll belegen. Das ist eine Einschränkung.» Insgesamt ist sie aber der Meinung, die Ausflugsgaststätten seien eher Profiteure in der aktuellen Situation innerhalb der Branche. «Uns geht’s sicher besser als Restaurants in den Städten, die auf Mittagskundschaft angewiesen wären, die wegen Homeoffice aber nicht mehr kommt.» So helfen der Sommer und der Naherholungstourismus gewissermassen auch, das Loch aus dem Lockdown zu stopfen. «Wobei wir da ohnehin mit einem blauen Auge davonkamen», sagt Tiefenbacher. Denn eigentlich wollten sie die «Sennhütte» während des Lockdowns öffnen, verzichteten dann aber darauf. «Das hatte allerdings zur Folge, dass wir noch kein Personal eingestellt und auch die Lagereinkäufe noch nicht getätigt hatten – Kosten also, die uns erspart blieben.» Zudem habe der Eigentümer, der Kanton Zürich, während der Schliessungszeit auf die Miete verzichtet. «Viele andere Restaurants hatten da deutlich grössere Probleme.»

Der Frühling fehlt den Gastronomen

Rastoder von der «Scheidegg» bestätigt das. «Das Loch aus dem Lockdown lässt sich auch mit dem aktuellen Aufmarsch nicht mehr kompensieren», sagt er. Um die Situation etwas zu entschärfen, habe er momentan einen Tag mehr geöffnet pro Woche. «Das bedeutet aber natürlich auch mehr Aufwand.» Andy Kramar von der Bachtel Ranch sieht im Sommer gar kein Potenzial, das Lockdown-Loch wettzumachen. Der Frühling fehle schlicht. «In diese Zeit fielen Pfingsten, Auffahrt, der Muttertag. Diese Tage hätten sehr viel ausgemacht.»

Auch Bettina Fleps vom «Bachtel Kulm» spricht von einem abgehakten Ausfall, der nicht mehr aufzuholen sei. «Der April wäre für uns wichtig ge­wesen.» Doch jammern will sie nicht. «Wir müssen lernen, dankbar zu sein für die Dinge, die wir haben. Uns ging es in den sieben Wochen Lockdown nicht schlecht; nichts fehlte uns. Andere hat diese Zeit viel härter getroffen.» Nun laufe der Betrieb wieder angenehm und gut.