Zürich

Auf den Strassen Berlins: «Die Polizei hat mich schon mehrmals weggetragen»

Die Polizei führt "Rebels" von Extinction Rebellion vom Potsdamer Platz in Berlin ab.

Die Polizei führt "Rebels" von Extinction Rebellion vom Potsdamer Platz in Berlin ab.

Eine Kantonsschülerin aus Wetzikon, die anonym bleiben möchte, hat sich den Klimaaktivisten der Extinction Rebellion in Berlin angeschlossen. Im Interview spricht sie über ihre Erlebnisse.

Was hat Sie bewogen, in Berlin fürs Klima demonstrieren zu gehen?
L.*: Klimaschutz ist kein nationales Thema, die CO2-Partikel machen keinen Halt an der Grenze. Eine internationale Solidarität ist äusserst wichtig.

Sie haben auch schon an diversen Demos in der Schweiz teilgenommen. Jene in Berlin ist jetzt aber eine Nummer grösser.
Die Strassenblockaden sind einfach eine andere Form des Aktivismus. Ich muss aber sagen, dass wir viel Solidarität in der Bevölkerung spüren. Zu den Blockadegruppen gehören immer auch Personen, die am Rand mit den Passantinnen und Passanten Gespräche führen. Das habe ich selber auch schon getan. Das Interesse der Leute ist gross. Einige wollen sich gleich mitengagieren, andere kommen abends wieder und bringen Tee oder Wolldecken.

Gibt es auch Anfeindungen oder gar Drohungen?
Ja, die gibt es. So lange die Kritiker einfach diskutieren wollen, macht mir das nichts aus. Ich diskutiere gerne mit. Aber es gibt auch Leute, die einen direkt anfeinden. Ich habe von Kolleginnen und Kollegen gehört, dass sie teils schon damit bedroht wurden, dass ihnen etwas zustossen werde, wenn sie abends alleine unterwegs seien. Das ist auch ein Grund, weshalb ich anonym bleiben will. Das geht zu weit. Wir sind eine friedliche Bewegung und fügen niemandem Schaden zu.

Wie erklären Sie sich den Hass?
Schwer zu sagen. Vielleicht ist es eine Art von Selbstschutz. Wenn man den Klimawandel leugnet, ist man nicht Teil des Problems, muss also auch nicht zur Lösung beitragen. Dass einigen der Hass ein gutes Gefühl gibt, ist für mich unverständlich.

Teils fühlen sie sich in ihrer Lebensweise angegriffen.
Mit unserer Kritik greifen wir niemals einzelne Menschen an. Niemand lebt perfekt, wir auch nicht. Das ist unter den aktuellen Bedingungen schlicht unmöglich. Wir üben Kritik an den grundsätzlichen Dingen. Am Autofahren, an der günstigen Fliegerei. Solcherlei.

Wie sind Sie selber nach Berlin gereist?
Mit einem Nachtzug.

Sind viele Schweizer mit Ihnen in Berlin?
Ich habe sie mittlerweile grösstenteils getroffen, denke ich. Es hat ein paar, aber der ganz grosse Teil kommt aus Deutschland. Je näher an Berlin, desto besser fürs Klima.

Die Aktionen mit den Blockaden sind illegal. Macht Ihnen das nichts aus?
Ich wuchs im Glauben auf, das Gesetz sei immer richtig. Wer sich daran hält, ist ein guter Mensch. Mittlerweile sehe ich, dass das Leben nicht so funktioniert. Menschen mit viel Geld können sich nahezu alles leisten, können andere Menschen in Mitleidenschaft ziehen, ohne Konsequenzen zu tragen. Einfache, friedliche Menschen, die auf der Strasse sitzen, müssen indes mit Sanktionen rechnen. Ich finde das falsch. Deshalb halte ich es auch für angemessen, das Gesetz bis zu einem gewissen Grad zu brechen, so lange das friedlich geschieht.

Halten Ihre Blockaden nicht auch Notfallfahrzeuge auf?
Die Einsatzgruppen haben die Anweisung erhalten, immer eine Rettungsgasse offen zu halten. Dort kann man sich zwar aufhalten, doch sobald ein Notfallfahrzeug kommt, machen wir Platz. Das geht jeweils sehr schnell und wir applaudieren den Fahrern solcher Autos auch. Es ist sehr wichtig, dass es Menschen gibt, die diesen Job machen. Aufgehalten werden sie eher noch von der Polizei, weil die halt ihre Autos um die Szenerie herumstellt. Die wegzufahren, dauert für sie meist länger als für uns, rasch aus dem Weg zu gehen.

Wie nehmen Sie die Berliner Polizei wahr?
Bislang lief es recht gut. Extinction Rebellion stellt jeweils ein Deeskalationsteam, das den Kontakt zur Polizei sucht. Das sorgt dafür, dass die Polizei nicht übereifrig eingreift. Räumungen werden auch verhandelt. Das dauert unterschiedlich lange. Beim Ku’damm ging es recht rasch, weil er halt eine der wichtigsten Verkehrsachsen ist. Bei der Marschallbrücke oder dem grossen Stern dauerte die Blockade jeweils gut 57 Stunden.

Es gibt Leute, die sich irgendwo anketten oder ankleben. Andere scheinen beim ersten Wort der Polizei schon aufzustehen und zu verschwinden. Weshalb diese Unterschiede?
Wir haben vier Aktivismuslevels, von null bis drei. Null heisst: Sobald die Polizei einen wegschickt, geht man. Drei ist das mit dem Anketten. Uns ist wichtig, dass jede und jeder auf dem Level demonstrieren kann, das für ihn oder sie stimmt. Die Aktionen sollen nicht zur psychischen Belastung werden, sie sollen nicht unter Druck geschehen.

Was ist Ihr Level?
Ich und meine Bezugsgruppe haben uns für Level zwei entschieden. Das heisst: Wir verschwinden nicht, wenn die Polizei uns dazu auffordert. Wir bleiben sitzen, bis sie uns wegträgt.

Wurden Sie schon weggetragen?
Ja, schon mehrmals.

Wie hat sich das angefühlt?
In meinem Fall war das immer eine sehr professionelle Intervention. Aber die Polizisten sind auch nur Menschen. Einige gehen aggressiver oder gröber vor, andere sanfter. Viele von ihnen stossen relativ harte Drohungen aus, weil sie hoffen, uns so ohne physische Intervention loszuwerden.

Haben Sie auch schon Nächte auf Blockaden verbracht?
Ja, alle bis auf eine, als wir in einem Appartement übernachten und wieder Mal duschen konnten. Wir haben Schlafsäcke und Mätteli dabei; aber es ist kalt und nass. Die Zelte nehmen wir nicht mit, weil sie für die Polizei zu provokant sind. Ein Zelt signalisiert, dass man länger bleiben will. Wenn es regnet, ziehen wir deshalb eine Plane auf, unter der wir uns mehr oder weniger trocken halten können.

Am Wochenende ist Schluss, oder?
Das ist noch nicht ganz klar. Vermutlich gibt’s bis Sonntag noch einige Einsätze, vielleicht geht’s danach aber auch weiter. In London haben die Aktivisten angekündigt, dass sie auf unbefristete Zeit Blockaden errichten – bis es nicht mehr möglich ist. Ich selber werde vermutlich am Samstag den Nachtzug nach Hause nehmen. Ich habe zu Hause auch noch einige Verpflichtungen.

Was halten Ihre Eltern von Ihren Aktivitäten?
Sie sind klar für den Klimaschutz, aber sie stehen nicht hinter illegalem Aktivismus. Das ist auch ein Grund für meine Anonymität. Ich will nicht, dass sie gesellschaftliche Probleme bekommen, weil ich das tue. Da ich über 18 bin und alles selber bezahle, müssen sie mich machen lassen.

Teuer dürfte die Sache nicht sein, oder?
Primär kostet die Reise. Wir müssen allerdings immer mit gewissen Rechtskosten rechnen. Vermutlich komme ich aber ohne davon. Bislang hat die Polizei keine Personalien aufgenommen. Wenn die Polizeibeamten uns wegtragen, dann laden sie uns jeweils hinter einem Zaun ab, mit dem sie die blockierte Stelle absperren. Mehr Kontakt gibt es nicht. Leute, die sich anketten, können schon mal auf eine Gefangenensammelstelle kommen und dann auch gebüsst werden. Bei unserer Aktivismusstufe dürfte das nicht geschehen.

*Name der Redaktion bekannt

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