Energiewende
«Auf den Dächern der Stadt haben wir noch Potenzial»: EWZ nimmt Zürichs Dächer ins Visier

Ein weiterer 200-Millionen-Kredit soll neue Investitionen in erneuerbare Energien ermöglichen.

Matthias Scharrer
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Keystone

Fast 200 Millionen Franken hat das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) seit 2009 in den Wind gesetzt. Damals bewilligte das Stadtzürcher Stimmvolk einen Rahmenkredit in besagter Höhe, um Investitionen in die Nutzung von Windenergie zu tätigen. Die 200 Millionen von 2009 sind nun fast aufgebraucht. Gekauft hat das EWZ damit Windparks in Deutschland, Schweden und Frankreich; zudem Beteiligungen an Windparks in der Nordsee und in Norwegen. Mit dem so gewonnenen Strom lassen sich heute rund 80 000 Haushalte versorgen. Auch an zwei Schweizer Windparkprojekten in der Waadt beteiligte sich das EWZ, doch diese kommen seit Jahren nicht voran. Zudem drohen nach den noch ausstehenden Genehmigungsentscheiden weitere Einsprachen.

Nun entscheiden die Stadtzürcher Stimmberechtigten am 24. September über einen weiteren 200-Millionen-Kredit für das EWZ. Doch diesmal ist der Verwendungszweck weiter gefasst: Der Rahmenkredit soll dem Erwerb von Energieerzeugungsanlagen dienen, die erneuerbare Energie nutzen. Es geht also nicht nur um Windräder, wenn Zürich wieder Geld für die Energiewende in die Hand nimmt. Im Vordergrund stehen nun neben der Windkraft auch Wasserkraft und Sonnenenergie, wie der Stadtrat festhält.

«Euphorie hat nachgelassen»

Die Energiewende, die die Stadt Zürich sich schon 2008 in ihre Gemeindeordnung geschrieben hat, kommt damit eine neue Phase. Zwar gibt es in Küstenländern wie Deutschland und Frankreich durchaus noch interessante Windparkprojekte, wie EWZ-Sprecher Harry Graf sagt. «Aber auch dort hat die Euphorie in der Bevölkerung nachgelassen.» Und in der Schweiz seien Windparks nicht nur wegen des Widerstands von Landschaftsschützern kaum zu realisieren. «Es windet auch zu wenig», so Graf.

Deshalb zielen der Stadtrat und das EWZ mit dem nun zur Abstimmung kommenden Kredit auf das ganze Spektrum erneuerbarer Energien ab. Allerdings gelten grössere neue Wasserkraftwerke in der Schweiz als kaum noch realisierbar. Laut EWZ-Sprecher Graf kämen wohl eher neue Kleinwasserkraftwerke infrage, und zwar in Regionen, wo das EWZ heute schon Wasserkraft nutzt: in Graubünden, im Aargau – und in der Region Zürich.

Bei der Sonnenenergie rückt das Lokale noch mehr in den Fokus: «Auf den Dächern der Stadt Zürich haben wir noch Potenzial», sagt Graf. Dies, obwohl Zürich gerade in der kühleren Jahreszeit nicht gerade sonnenverwöhnt ist. «Die Fotovoltaik-Anlagen werden immer ergiebiger», so Graf. An Nebeltagen lasse sich damit auch das sogenannte Streulicht nutzen.
Daneben werde auch die Nutzung von Biomasse, insbesondere Holzschnitzeln, für Zürichs Energiezukunft eine Rolle spielen. Rein finanziell dürften aber laut Graf wohl auch beim neuen 200-Millionen-Kredit Investitionen in ausländische Windanlagen den grössten Brocken ausmachen.

«Sargnagel für Wasserkraft»

Das passt der SVP gar nicht. Als einzige Partei bekämpft sie die Abstimmungsvorlage. «Der Rahmenkredit ist ein neuer Sargnagel für unsere einheimische Wasserkraft und muss deshalb abgelehnt werden», hält die SVP fest. Die Stadt Zürich würde damit die ausländische Stromproduzenten-Konkurrenz stärken. Investitionen in Windkraftanlagen im Ausland dienen laut SVP auch nicht der Versorgungssicherheit, da der Strom bei einer europäischen Strom-Mangellage gar nicht erst in die Schweiz gelangen würde.

Für EWZ-Sprecher Graf sind die Investitionen jedoch ein notwendiger Beitrag an die Versorgungssicherheit. Es spiele keine Rolle, ob das EWZ Strom in Graubünden oder in Schweden produziere: «Alle speisen den Strom ins europäische Hochspannungsnetz ein und können ihn dann wieder beziehen.» Und was die Nutzung erneuerbarer Energien aus Wasserkraft, Wind und Sonne betrifft, sei der Einsatz von Ressourcen im In- und Ausland sinnvoll, denn: «Irgendwo regnet oder windet es immer. Und irgendwo scheint immer die Sonne.»

Gemäss Geschäftsbericht 2016 stammten zuletzt 49 Prozent der EWZ-Stromproduktion aus Wasserkraft, 42 Prozent aus Kernenergie, 7 Prozent aus Wind- und Solarenergie und 2 Prozent aus anderen Quellen.

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