Zürich extrem
Auch Zürich kann mit Bergen, Alpen und Sennen auftrumpfen

Im Grenzgebiet zwischen Zürich und St. Gallen liegt das Schnebelhorn. Es ist mit 1292 Metern über Meer zwar nicht das Dach der Welt, aber immerhin der höchste Punkt auf Zürcher Boden. Ein Gipfelsturm.

Michael Rüegg (Text und Fotos)
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Nach rund zwei Stunden wird man mit dieser Aussicht aufs Tössbergland belohnt. Weit hinten, irgendwo im heissen Sommerdunst, liegt die Stadt Zürich.

Nach rund zwei Stunden wird man mit dieser Aussicht aufs Tössbergland belohnt. Weit hinten, irgendwo im heissen Sommerdunst, liegt die Stadt Zürich.

Schaut man auf Satellitenbildern die Landschaft zwischen dem dicht besiedelten Oberen Glatttal um Wetzikon und dem Toggenburg an, so lächelt einem ein grosses grünes Etwas an. Mehr als Wiesen und jede Menge Wälder scheint es im Grenzgebiet zwischen Zürich und St. Gallen nicht zu geben. Dort liegt zwar nicht das Dach der Welt, aber immerhin der höchste Punkt auf Zürcher Boden: das Schnebelhorn.

Vor 90 Jahren trat der damals 22-jährige Otto Schaufelberger im Schulhaus Strahlegg am Schnebelhorn eine Stelle als Aushilfslehrer an. Die «Hochschule», wie das auf 1000 Metern über Meer gelegene Schulhaus genannt wurde, war dem jungen Pädagogen anfangs genauso fremd wie die Menschen, die in den Gehöften rund um den höchsten Zürcher Berg hausten.

Seine Eindrücke hielt der spätere Heimatdichter Schaufelberger zwanzig Jahre später im Buch «Menschen am Schnebelhorn» fest.

Hinter dem üppigen Brennesselfeld liegt der Kanton St. Gallen.
17 Bilder
Wo wasser die Nagelfluhwand hinuntertropft, macht sich Moos breit
Wäre die weisse Kuh ein Stier, könnte es sich hierbei um den verwandelten griechischen Göttervater Zeus handeln
Unweit des Schnebelhorns liegt das Hörnli mit seinem Sendemast auf dem Gipfel
Nagelfluh auch hier, immer wieder trifft man auf schroffe Felswände
Markiert den Grenzverlauf auf dem Gipfel, der Grenzstein
Manche Abschnitte sind doch etwas steiler als andere
Kühe besitzen ein grosses Talent, immer im Weg zu stehen
Mal breiter Weg, mal schmaler Pfad
In der Alpiwirtschaft Tierhag lässt sich währschaft speisen
Es handelt sich bei den Wäldern in der Regel um Mischwald
Eben erst der Quelle entsprungen und schon ein richtiger kleiner Bach, die junge Töss
Ein einsamer Riese auf dem Grat
Der ganze Stolz der Gemeinde Fischenthal, die Schoch-Brüder, zwei Snowboard-Pioniere
Das Ziel liegt noch in weiter Ferne, erinnert aber in dieser Ansicht unweigerlich an den Kilimandscharo
Das Kreuz steht auf St. Galler Seite.
Auf verschlungenen Pfaden

Hinter dem üppigen Brennesselfeld liegt der Kanton St. Gallen.

Limmattaler Zeitung

Das zerklüftete Tössbergland, aus dem das Schnebelhorn mässig imposant herausragt, lugte während der letzten Eiszeit vor 20 000 Jahren zwischen den Gletschern hervor wie ein dampfender Kuhfladen auf der kühlen Wiese, von denen es dort einige gibt, Wiesen wie Kuhfladen.

Während der Grossteil des Kantons stetig von den Eismassen zermalmt wurde, bildeten hier die Bäche eine vielfältige Landschaft mit unzähligen Tobeln, Wasserfällen und steilen Felswänden.

Flieht, flieht vor den Brämen

Wer die Gegend erleben will, fährt entweder mit der Tösstalbahn nach Steg und trottet von dort zum Ortsteil «Boden» oder nimmt das Auto, das er am besten neben der Badi parkiert.

Wenn man – wie der Schreibende während einer langen Wanderung vor drei Jahren – mit etlichen Blasen an den Füssen vor dem Berg steht, sollte man sich einige Stunden in besagtes Freibad zurückziehen. Aber Achtung, das Wasser ist hier kälter als überall sonst, jedenfalls normalerweise. Gestern zeigte die Tafel immerhin 25 Grad an. Die jugendliche Klientel besteht aus «Puure» und «Usländer», wie sie sich permanent gegenseitig beschimpfen. Wir zeigen dem Bad jedoch die kalte Schulter und nehmen die nordwestliche Aufstiegsroute in Angriff, wo wir erst einmal vor einem Schwarm Brämen flüchten müssen.

Fabriken entleerten die Höfe

Von den Menschen, über die Schaufelberger einst schrieb, sind nicht viele geblieben. War das Bergland einst üppig bewaldet, drängten in der zweiten Hälfte des letzten Jahrtausends immer mehr Familien aus dem Tal hinauf, rodeten die Wälder und machten es sich als Bauern mit Teilzeitjob in der Heimindustrie bequem; sie spannten Seide, einzelne drechselten oder flochten Körbe.

Rund 1500 Heimarbeiter zählte Ende des 18. Jahrhunderts die Gemeinde Fischenthal, zu der das Gebiet gehört. Fast 3000 Einwohner hatte sie in den 1830er-Jahren. 1970 waren es gerade mal noch 1700 Seelen.

Schuld am Rückgang war die Industrialisierung: «Die gottverdammten Fabriken im Tal haben den Hausverdienst auf dem Berg abgewürgt», schimpft die Figur des Gemeinderats Ritz in Schaufelbergers Buch. Die Leute verliessen die Gehöfte und das von ihnen bestellte Land. Der Kanton kaufte es zusammen, liess die Häuser verfallen und forstete das Gebiet wieder auf.

Das Ergebnis dieser Aufforstung entzieht sich dem wackeren Wanderer nicht, obwohl zwischen den Waldstücken immer wieder ausladende Wiesen in Erscheinung treten, auf denen sich Kühe tummeln, wenn sie nicht gerade den Wanderweg versperren.

Den Gipfel – es handelt sich vielmehr um ein «Gipfeli» – erreicht man nach rund zwei Stunden, 600 Höhenmetern und einem Marsch über einen entzückenden Grat, auf dem man allerdings nicht ausrutschen sollte, weil ein Sturz über den mehrere Meter hohen, von Bäumen durchwachsenen Abhang sowohl ungesund als auch schmerzhaft wäre.

Hat man die Spitze erklommen, könnte man, was man natürlich nicht tut, von Zürcher Boden aus in den Kanton St. Gallen pinkeln. Der Grenzstein steht nämlich auf dem Gipfel. Die gottesfürchtigen St. Galler haben natürlich nur wenige Zentimeter von der Grenze ein Gipfelkreuz in den Boden gerammt.

Da die Thur, hier die Töss

Im Falle von Regen darf man übrigens davon ausgehen, dass das Wasser, das auf St. Galler Boden fällt, weiter unten in einen der Zuflüsse der Thur läuft, während das Wasser auf der Zürcher Seite den Weg hinunter in die Töss findet. Dass letztlich beide in den Rhein münden, lässt sich nicht vermeiden.

Wer nicht picknicken will, nimmt den Abstieg in Richtung Tierhag unter die Füsse. Nach einem kurzen, steilen Stück erscheint die einzige Beiz auf der Rundtour respektive, die einzige die nicht gerade Betriebsferien hat.

Bei einer Bratwurst mit Pommes frites und einem trüben Most stärkt sich der Gipfelstürmer und freut sich über seine grandiose Leistung, während er still und leise über den Hersteller seiner Wanderstiefel flucht. An den Nebentischen sitzen an Wochenenden jeweils die Mountainbiker, denen man auf dem Weg gefühlte 300-mal ausgewichen ist. Nicht so gestern, zu heiss für die Radler.

Etwas irritierend sind jeweils an Wochenenden die wie Zivilisten im Krieg wirkenden Ausflügler, die mit ihren Ford Fiestas und Opel Astras über das Bergsträsschen bis zur Terrasse gefahren sind, während man selber im Schweisse seines Angesichts über die Hügel krabbeln musste.

Auf Espresso wird in den Bergen wohlweislich verzichtet, stattdessen nimmt man den Rückweg in Angriff, und der geht in Richtung Strahlegg, wo Lehrer Schaufelberger damals über seine Berglerfreunde und ihre zahlreichen Marotten sinnierte.

Lektion in Gesteinskunde

«Man hat ja in Zürich bereits davon gesprochen, unsere Bergschule auch noch aufzuheben», ärgert sich besagter Gemeinderat Ritz in Schaufelbergers Tagebüchern. Doch so weit kam es nicht, die Schule Strahl-egg ist nach wie vor in Betrieb.

Kurz vor der Strahlegg geht es weiter «s’Loch ab» Richtung Tössscheide, wo die beiden Bäche sich zum Flüsschen vereinigen. Hier sieht man sie schön, die Nagelfluhwände – jenes Molassegestein, aus verschieden grossen runden Brocken, die von einer zementartigen Masse zusammengehalten werden. Geschliffen ziert es so manchen Schulhausboden.

Zusammen mit Mergel und Sandstein ist die Nagelfluh eines der Gesteine, dem die Gegend ihre Existenz verdankt, wie man mal in der Primarschule gelernt hat. Über das eigene geologische Wissen staunend, geht man weiter und landet zurück bei der Badi, wo man sich mit einer Glace belohnt, die Badehose liegt natürlich zu Hause.