Ausstellung
Auch unser Konsumverhalten trägt zum Insektensterben bei

40 Prozent der rund 17 000 bekannten Insektenarten in der Schweiz sind laut Forschern gefährdet. Das Zoologische Museum Zürich zeigt die Bedeutung von Insekten auf – und wie ihnen zu helfen ist.

Matthias Scharrer
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Stubenfliegen tragen zum Abbau organischer Abfälle bei. In der Ausstellung «Insekten – lebenswichtig» ist eine von ihnen überlebensgross zu sehen.

Stubenfliegen tragen zum Abbau organischer Abfälle bei. In der Ausstellung «Insekten – lebenswichtig» ist eine von ihnen überlebensgross zu sehen.

Keystone

Ein kuscheliges Riesenfaultier-Modell begrüsste jahrelang die Gäste von Zürichs drittmeistbesuchtem Museum, dem Zoologischen Museum der Universität. Nun erinnert nur noch ein Kothaufen aus Kunststoff an den einstigen Publikumsliebling. Das Riesenfaultier war altersschwach und entsprach in seiner Darstellung nicht mehr heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen, erfahren die Besucher. Doch der Kothaufen bringt sie gleich auf die Spur der soeben eröffneten aktuellen Ausstellung: «Insekten – lebenswichtig» lautet deren Titel.

Die Tierchen, die gerne auch mal um einen Kothaufen herumschwirren, mögen zwar nicht die grössten Sympathieträger aus der Tierwelt sein. «Aber sie sind lebenswichtig für unseren Alltag», sagte Museumsleiterin Isabel Klusmann beim Medienrundgang. «Ein Leben ohne Insekten wäre nicht möglich. Das ist vielen nicht bewusst.»

Umso alarmierender sind daher die Anzeichen für ein Insektensterben, die sich in den letzten Jahren häuften. So kam eine Studie zum Schluss, dass in einem Deutschen Naturschutzgebiet der Bestand fliegender Insekten im Zeitraum 1989 bis 2016 um drei Viertel zurückging.

Die Forschung ist zwar noch lückenhaft, wie Insektenforscher Wolf Blanckenhorn von der Uni Zürich am Rande des Medienrundgangs sagte. So gebe es auch Insektenarten, deren Bestände zunehmen. Doch vieles deute darauf hin, dass zahlreiche Insektenarten zunehmend bedroht seien.

Eine schiefe Regalwand in der Ausstellung nennt dazu Zahlen und Fakten: 40 Prozent der rund 17 000 bekannten Insektenarten in der Schweiz seien gefährdet. Was ein Insektensterben für Folgen haben kann, ist auf dem symbolhaft schiefen Regal auch vermerkt: Ganze Ökosysteme können kippen. So ernähren sich 90 Prozent aller Süsswasserfische von Insekten, zudem viele Vögel. Ohne Insekten ginge ihnen die Nahrung aus.

Auch für die Pflanzenwelt sind Insekten lebenswichtig: Sie verteilen den Blütenstaub von einer Pflanze zur nächsten und wirken somit befruchtend. Wo es an Insekten mangelt, nimmt daher auch die Erntemenge von Äpfeln, Tomaten, Kirschen und Erdbeeren ab, ist weiter auf der schiefen Regalwand zu lesen.

Neben anschaulich inszenierten schriftlichen Informationen wartet die Ausstellung auch mit spektakulären Bildern und Modellen auf. So sind grossformatige Insekten-Fotos des englischen Fotografen Levon Biss zu sehen, zudem das Modell einer 50-fach vergrösserten Stubenfliege. Und man kann sich eine Brille aufsetzen, die erahnen lässt, wie die kleinen Viecher mit ihren Facettenaugen die Welt sehen: kaleidoskopartig.

Auch die Geräuschkulisse ist lebensnah gestaltet: Es summt, zirpt und zwitschert im Ausstellungsraum, wo nebst Riesenfliege und -hirschkäfer in Schaukästen über 100 Insekten im Originalformat aufgespiesst sind. Daneben erhalten die Ausstellungsbesucher praktische Tipps zur Frage, was sie selbst gegen das Insektensterben tun können.

Es fängt im eigenen Haushalt an: Statt Ameisen zu vergiften, wenn sie in die Küche einmarschiert sind, lassen sie sich auch mit Gewürznelken vertreiben. Mücken werden ebenfalls von Kräuterduft abgehalten, etwa von Salbei, Lavendel und Katzenminze.

Weiter gehts im eigenen Garten: Wer das Laub jetzt zumindest teilweise liegen lässt, erhält Lebensräume für Insekten – und gratis Humus. Hilfreich ist es zudem, den Rasen nicht öfter als zweimal pro Jahr zu mähen und auch mal Wiesenblumen zur Blüte kommen zu lassen.

Auch das eigene Konsumverhalten beeinflusst das (Über-)Leben der Insekten: Wer biologisches Essen kauft, vermeidet den Einsatz von Pestiziden, die die Artenvielfalt verringern. Und wer wenig oder kein Fleisch ist, verhindert, dass Böden zu Monokulturen für die Futterproduktion werden.

Auf politische Zusammenhänge weist die Ausstellung ebenfalls hin: zum Beispiel auf Bestrebungen des Bundes, die Grenzwerte für den Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel heraufzusetzen. Für viele Insekten käme dies einem Todesurteil gleich. Zudem stellt sich die Frage, welche Art von Landwirtschaft zu subventionieren sei. Im Hinblick auf die Artenvielfalt ist klar: Bevorzugt müsste es Bio-Landwirtschaft sein.

«Das alles weiss man eigentlich seit Jahrzehnten», sagte Insektenforscher Blanckenhorn am Ende des Museumsrundgangs. Die Ausstellung möge dazu beitragen, das Wissen umzusetzen.

Die Ausstellung «Insekten – lebenswichtig» findet bis 30. Juni 2019 im Zoologischen Museum der Universität Zürich (Karl-Schmid-Strasse 4) statt. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 - 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.