US-Wahlen

Auch in Zürich werben Demokraten und Republikaner um Stimmen

Gretchen DuPeza wählt normalerweise republikanisch, René Rousseau demokratisch – im American Women’s Club sind sie vereint.

Gretchen DuPeza wählt normalerweise republikanisch, René Rousseau demokratisch – im American Women’s Club sind sie vereint.

Rund 45000 US-Bürger sollen in der Schweiz leben. Und auch in Zürich gehen Anhänger der Demokraten und Republikaner auf Stimmenfang.

Der Empfang ist herzlich. Auf dem improvisierten Buffet stehen Mini-Cheesecakes und Cookies. Das Bier ist aus dem Appenzell, die Gäste aus Amerika. Im «American Women’s Club» hat René Rousseau zum «Debate Watch» geladen, zur Vorführung der zweiten US-Präsidentschaftsdebatte auf der Leinwand.

Rousseau ist hauptberuflich Soulsängerin, wohnt in Winterthur und präsidiert die Zürcher Sektion von Barack Obamas Partei, den Demokraten. Sie stammt aus Oregon an der Westküste und spricht Englisch und Schweizerdeutsch, mit Hochdeutsch hat sie es weniger. Ihr ist es grösstenteils zu verdanken, dass die Demokraten in Zürich so etwas wie Wahlkampf betreiben. Allerdings in stark reduzierter, um nicht zu sagen zwinglianischer Form: Keine Ballone, die von der Decke fallen, wie an den Parteitagen «drüben». Niemand trägt hier T-Shirts und lustige Hüte oder hält Obama- oder Romney-Tassen hoch. Und nicht Hunderte jubelnder Zuschauer versammeln sich im Raum, sondern ein gutes Dutzend, zu dem im Verlauf des Abends noch eine Handvoll stossen.

Die eigentliche Debatte zwischen Amtsinhaber Barack Obama und Herausforderer Mitt Romney fand bereits zwei Tage zuvor statt. Aber im American Women’s Club im Zürcher Kreis 4 sei halt einiges los, der Saal häufig besetzt. Und Liveübertragungen mitten in der Nacht mag hier niemand sehen, sagt Gretchen Du Peza, die Präsidentin. Seit 81 Jahren kümmert sich der Club um die Belange von Amerikanerinnen und ihrer Familien im Raum Zürich. «Jahrelang war es ruhig», sagt Du Peza, «in letzter Zeit haben sich aber einige Medien für uns interessiert.» Grund dafür sind auch die Spannungen zwischen der Schweiz und den USA in Steuerfragen.

Rund 20000 Wählende

Rund 45000 US-Bürger sollen in der Schweiz leben. Etwa die Hälfte davon, so schätzen Rousseau und Du Peza, würden wählen gehen. Ein paar haben lediglich einen amerikanischen Pass, weil sie drüben geboren sind, wie «the Mayor», Stadtpräsidentin Corine Mauch, wie Du Peza sagt. Die rund 20000 aktiven Wähler verteilen sich auf die fünfzig US-Bundesstaaten, je nachdem, wo man vor seinem Wegzug ins Ausland wahlberechtigt war. Das amerikanische Wahlrecht kennt nur schwarz und weiss, respektive blau oder rot. Gewinnt ein Kandidat in einem Staat die Mehrheit, erhält er alle Elektorenstimmen dieses Staates. So macht eine demokratische Stimme in einem traditionell demokratischen Staat kaum einen Unterschied. Anders in den «Swing States», in denen mal die eine, mal die andere Partei siegt. Gretchen Du Peza und ihr Mann Tracy sind aus Texas und wählen traditionell republikanisch. «Allerdings», lässt Gretchen verlauten, «sage ich immer erst nach der Wahl, an wen meine Stimme ging.»

In der Debatte am TV ist von Showbiz und Staatsmännischem nichts zu spüren. Die beiden Kandidaten stehen wie dressierte Pferde in einer kleinen Arena, rundherum bestückt mit Ausgaben von Durchschnittsbürgern, die auf Geheiss der Moderatorin ihre Fragen vorlesen dürfen. «Town Hall Meeting», nennt sich das Konzept, und tatsächlich fühlt es sich an, als ob Romney und Obama um einen Sitz in der Chicagoer Schulpflege streiten würden. Zumindest, bis sie den Mund aufmachen. Denn in ihren Antworten widerspiegeln sich nicht nur politisches Talent, sondern das beste Wahlkampftraining, das dieser Planet zu bieten hat.

Neunzig Minuten lang versuchen Romney und Obama zu punkten. Bei Energiethemen, zur Arbeitslosigkeit, Steuerfragen, Sicherheit und Frauen in Führungspositionen. Die meisten ihrer Aussagen klingen schlüssig, die Kandidaten selber wirken ausgesprochen sympathisch – mitfühlend, sogar. Nur vereinzelt dringt der amerikanische Pathos durch, über den Europäer so oft die Nase rümpfen.

Von Waffen und Blockaden

Als mit der Debatte auf der Leinwand nach anderthalb Stunden Schluss ist, geht sie ohne Unterbruch im Saal in Zürich weiter. «Ich bin enttäuscht über Präsident Obamas Antwort zum Waffentragen», gibt eine Zuschauerin zu bedenken. Und die Diskussion beginnt. Man dürfe nicht vergessen, meint Rousseau, dass auch viele Demokraten von der Waffenlobby unterstützt würden. «Aber der Präsident ist gegen schwere Angriffswaffen», sagt sie. «Was will man mit einem automatischen Sturmgewehr im Kofferraum, etwa ein Reh in Stücke schiessen?»

Welche Fragen hätten sie denn selber an der Debatte gestellt? Ana Wymann ist seit zehn Jahren in der Schweiz, wohnt in Rapperswil und ist in Obamas Heimatstaat Illinois wahlberechtigt. «Die Frauenthemen waren diesmal dabei», summiert sie, aber Obama habe «the gridlock» nicht thematisiert. Damit meint sie die andauernde Blockade des republikanischen Kongresses gegen die Gesetze des demokratischen Präsidenten.

Rick Fernandez, der seit drei Jahren hier lebt und dessen Stimme im Bundesstaat Delaware zählt, vermisst ein anderes Thema: «The gay and lesbian issues», also die Rechte von Schwulen und Lesben. «Die kommen im ganzen Wahlkampf nicht vor», kritisiert er, «auch nicht bei Obama.»

www.awczurich.org

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