Landwirtschafts-Forschung
Auch ein Gentech-Gegner kämpft für den Agroscope-Standort Zürich

Eine breite Allianz lehnt die Zentralisierungspläne des Bundes ab. Doch zu den Erstunterzeichnern des Postulats für den Erhalt der Zürcher Agroscope-Standorte zählt auch ein bekannter Gentech-Kritiker.

Matthias Scharrer
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Getreide-Ernte auf dem Gentech-Versuchsfeld der Forschungsanstalt Agroscope in Zürich Affoltern. (Archivbild)

Getreide-Ernte auf dem Gentech-Versuchsfeld der Forschungsanstalt Agroscope in Zürich Affoltern. (Archivbild)

KEYSTONE

Im Zürcher Kantonsrat regt sich massiver Widerstand gegen die Pläne des Bundesrats, die bislang auf zwölf Standorte verteilte landwirtschaftliche Forschungsanstalt Agroscope in Posieux (FR) zu konzentrieren: 70 Kantonsräte aus fast allen Parteien haben ein dringliches Postulat für den Erhalt der Agroscope-Standorte Zürich-Reckenholz und Wädenswil unterschrieben. Sie fordern den Regierungsrat auf, sich beim Bund dafür einzusetzen.

Es geht ihnen nicht nur um die 400 Arbeitsplätze, die am Stadtrand in Zürich Affoltern und am linken Zürichseeufer wegen der Sparpläne von Landwirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann (FDP) auf dem Spiel stehen. Der Kahlschlag habe «gravierende Folgen für den Forschungsplatz Zürich», heisst es in einer gemeinsamen Fraktionserklärung von CVP, Grünen und SVP.

Heute würden die Agroscope-Forscher Tür an Tür mit der ETH, mit der Uni Zürich, mit der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften sowie dem kantonalen Kompetenzzentrum Strickhof arbeiten. Dies schaffe Synergien im Wissenstransfer, sowohl in der Forschung als auch in der landwirtschaftlichen Praxis und Beratung.

Von Müller-Thurgau zu Gentech

Die Agroscope-Standorte Zürich-Reckenholz und Wädenswil haben eine lange Tradition. Ihre institutionellen Vorläufer reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Erster Direktor der 1890 auf Schloss Wädenswil gegründeten «Deutschschweizerischen Versuchsstation für Obst-, Wein- und Gartenbau» war Hermann Müller-Thurgau.

Mit der Züchtung der Rebsorte Riesling × Sylvaner hat er sich bei Weinliebhabern einen bis heute klangvollen Namen gemacht. Obst-, Gemüse- und Weinbau zählen noch jetzt zu den Forschungsschwerpunkten in Wädenswil.

Am Reckenholz-Vorläufer wirkte einst ein Direktor, dessen Name ebenfalls weit über Fachkreise hinaus bekannt wurde: Traugott Wahlen. Der spätere Bundespräsident und Organisator der sogenannten Anbauschlacht, mit der die Schweiz im 2. Weltkrieg für Ernährungssicherheit sorgte, war ab 1929 Direktor der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt Zürich-Oerlikon.

Diese habe «in hohem Masse» zum Erfolg der Anbauschlacht beigetragen, schrieb Wahlen. Ihre Nachfolgeorganisation Agroscope-Reckenholz machte in den letzten Jahren vor allem durch Freilandversuche mit genmanipuliertem Weizen von sich reden. Hauptthemenfeld des Standorts Reckenholz ist heute agrarökologische Forschung. Dabei geht es etwa um die Frage, wie Biodiversität gefördert werden kann, wenn gleichzeitig Landwirtschaft betrieben wird.

«Auch Forschung mit gentechnisch veränderten Pflanzen ist weiterhin ein Thema», sagt Michael Winzeler, Leiter des Agroscope-Forschungsbereichs Pflanzenzüchtung. Aktuell seien Projekte mit Weizen, Kartoffeln und Äpfeln auf dem streng abgeschirmten Feld für Gentech-Freilandversuche im Gang. «Es geht dabei um den Nutzen und Risiken der Gentechnologie», erklärt Winzeler.

Diese ist in der Schweizer Landwirtschaft für kommerzielle Nutzung noch immer durch ein Moratorium verboten. Der Bund hat das Agroscope-Versuchsfeld bei Zürich Affoltern bewilligt und finanziert, damit die Schweiz punkto gentechnisch veränderten Pflanzen wissenschaftlich nicht ins Hintertreffen gerät.

Robert Brunner, Kantonsrat der grünen und Funktionär im Schweizer Obstverband.

Robert Brunner, Kantonsrat der grünen und Funktionär im Schweizer Obstverband.

Chris Iseli

Pikant: Zu den Erstunterzeichnern des Postulats für den Erhalt der Zürcher Agroscope-Standorte zählt mit Robert Brunner (Grüne) auch ein Gentech-Kritiker. Seine Motion für ein Verbot des Anbaus von gentechnisch verändertem Saatgut auf Kantonsgebiet scheiterte vor zwei Jahren im Kantonsrat nur knapp. Sie hätte auch Feldversuche zu Forschungszwecken verunmöglicht.

Darauf angesprochen, sagt Brunner: «Agroscope-Reckenholz ist nicht gleich Gentechnologie, sondern auch sehr interessiert an Bio-Landwirtschaft.» Sein Engagement gegen die Agroscope-Zentralisierung erklärt der Mostproduzent auch aus seiner Funktion als Präsident des Ausschusses Wissenschaft und Technologie im Schweizer Obstverband: «Wenn alles im Welschen konzentriert ist, wird die Weiterbildung und Verbreitung von Forschung schwierig.»