Auch der Kulturchef der Stadt Zürich, Peter Haerle, stimmt zu: «Es gehört zum kulturellen Reichtum Zürichs, dass die Stadt auch eine Filmstadt ist.» Nicht nur, dass mehrere Dutzend Kinosäle laufend eine grosse Zahl an Neuproduktionen und Reprisen anbieten, auch als Produktionsstandort hat Zürich für den Schweizer Film eine hohe Bedeutung.

Auch das Publikum macht mit: Das letzte Filmfestival zählte 50000 Besucherinnen und Besucher. Eine hervorragende Bedeutung für den Zürcher Film hat die 2004 von der Stadt Zürich, dem Kanton und den Gemeinden ins Leben gerufene Zürcher Filmstiftung. Peter Reichen-bach bestätigt die fördernde Wirkung der Filmstiftung. Auch er mit seiner C-Films AG, die er mit zwei Partnern führt, hat schon von Beiträgen profitiert. Die Produktionskosten für einen Film seien so hoch, dass ohne Hilfe des Bunds, der Filmstiftung und von Sponsorengeldern nur wenig möglich wäre. Die Zusammenarbeit mit den Fernsehanstalten in der Schweiz und in Deutschland sei ebenfalls sehr wichtig.

1929 der erste Film

Für den Film ist Zürich schon lange ein gutes Pflaster. So wurde die nur noch als Verleih- und Vertriebsfirma aktive Praesens 1924 von dem aus Galizien stammenden Diplomingenieur Lazar Wechsler und dem Schweizer Flugpionier Walter Mittelholzer gegründet. Nach Werbe- und Städtedokumentarfilmen sowie Flugreportagen entstand 1929 der erste Spielfilm.

1947 wurde von Heinrich Fueter die Condor Films AG gegründet. C-Films ist 1999 aus einem Management-Buy-out der Condor entstanden. Sehr erfolgreich war «Mein Name ist Eugen», aber auch «Grounding» mit dem Thema des Scheiterns der Swissair hat für Aufsehen gesorgt. Für das Fernsehen hat man unter anderem «Die Manns – ein Jahrhundertroman» verfilmt und die Serie «Lüthi und Blanc» verantwortet.

Gegen das Vergessen

Und jetzt ganz neu ist «Der Verdingbub» in die Kinos gekommen. «Das ist mein wichtigster Film», erklärt Reichenbach. Das Thema habe ihn schon lange beschäftigt, erwähnt er im Gespräch. Und als das Schweizer Fernsehen vor Jahren einen Dokumentarfilm zeigte mit dem Schicksal von drei Verdingkindern, da fragte er sich: Warum gibt es zu diesem Thema eigentlich keinen Spielfilm? Er beschloss, selber einen solchen Film zu machen, gegen das Vergessen dieses unschönen Kapitels in der Schweizer Geschichte. «Viele dieser Verdingkinder leben noch mitten unter uns», erläutert der Filmemacher, «ihnen ist der Film gewidmet.» Man soll später nicht sagen können: «Das war ja alles nicht so schlimm.»

Reichenbach ging auf die Suche und fand enorm viel Material. «Was da zusammengekommen ist, übersteigt die Vorstellungskraft», gibt er zu verstehen. Die schlimmsten Geschichten, von denen er erfahren habe, habe er für den Film nicht verwendet. «Mein Ziel war es, einen ehrlichen, glaubwürdigen Film zu machen», betont er. Und das hiess: was geschehen ist, weder aufbauschen noch verharmlosen. Weder einen Film gestalten, der die Zuschauer ratlos und deprimiert entlässt, noch einen mit einem Happy End. Der Verdingbub Max schafft es zwar, nach Übersee auszuwandern, wo er eine Existenz aufbauen will, aber Berteli kommt ums Leben, nachdem die Behörden lieber weggeschaut statt eingegriffen hatten.

38 Tage Dreharbeiten

Vor sieben Jahren hat er angefangen, die nötigen Mittel zur Finanzierung zusammenzusuchen, nachdem ihm zunächst von verschiedener Seite beschieden worden war, das Projekt mit diesem sensiblen Thema komme wohl nie zustande. Vier Jahre schrieb er zusammen mit Plinio Bachmann und der Dramaturgin Jasmine Hoch am Drehbuch, für die Dreharbeit selber reichten 38 Tage. Als Regisseur konnte er Markus Imboden gewinnen, und ihm sei es hervorragend gelungen, nicht einfach schwarz-weiss zu malen, hier die Bösen und dort die Guten, sondern er habe aufgezeigt, dass die Bauern, die von den Verdingkindern profitierten, selber schwer zu kämpfen hatten.

Er hofft nun, dass möglichst auch viele Schulklassen den Film ansehen, damit auch die Jungen erfahren, was noch Mitte des letzten Jahrhunderts in der Schweiz gegenüber Waisenkindern und Kindern von unverheirateten Müttern gang und gäbe war.

Weiteres in der Pipeline

Bereits sind weitere Filme in der Pipeline, so «Nachtzug nach Lissabon» nach dem Roman von Pascal Mercier oder «De Goali bin ig» nach dem Mundartroman von Pedro Lenz. Fürs Fernsehen ist der Film «Der Teufel von Mailand» nach einem Bestseller von Martin Suter am Entstehen, ein Film über Paul Grüninger soll im Frühjahr 2012 realisiert werden. Xavier Koller übernimmt die Regie der Verfilmung von «Schellen-Ursli».