Flüchtlinge
Asyl-Gammelhäuser: «Was wir sehen, ist nur die Spitze des Eisberges»

Die Asylhäuser an der Bucheggstrasse in Zürich sind nicht die einzigen Unterkünfte in einem miserablen Zustand: An der Dörflistrasse in Oerlikon befindet sich ein weiteres Gammelhaus, in dem die Asylorganisation Zürich (AOZ) Flüchtlinge unterbringt.

Rafaela Roth
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Die Mietpreise setzt der Mieter auf die Maximalgrenze an, die von der Sozialhilfe übernommen wird.
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Schamlose Vermieter nutzen in der Stadt Zürich die Not von Flüchtlingen aus, um Kleinstwohnungen zu Wucherpreisen an den Mann zu bringen. Die Stadt ist dagegen machtlos.
Ein 12 Quadratmeter grosses Zimmer für vier Kinder.
Der letzte Anstrich ist Jahrzehnte her.
Dieses heruntergekommene Haus an der Bucheggstrasse vermietet Besitzer Urs Tschenett an Flüchtlinge, Asylanten und vorläufig Aufgenommene.
Zwischen die alten Häuser hat der Besitzer einen Neubau gequetscht. Die Fenster in den alten wurden kurzum zugemauert.
Aus Platznot lagern die Menschen vor dem Haus ihr Hab und Gut.
Der Ausbauzustand im Neubau ist minimal.
Ein Zimmer für zwei Personen in einer 5-Zimmer-Wohnung. Küche und Toilette werden geteilt. Kostenpunkt dieses Zimmers: 1400 Franken.
Auch um den Garten kümmert sich niemand.
Um die Instandhaltung kümmert sich der Vermieter kaum.
1400 Franken ist der Maximalmietzins, den die Sozialhilfe für zwei Personen übernimmt.
Toiletten und Küchen werden von mehreren Familien geteilt.
Die Wände sind verschmiert, in den Ecken schimmelt es.
Um die Elektrizität kümmern sich die Bewohner weitgehend selbst.
Diese Küche teilen sich acht Personen.
Keller hat hier niemand. Sie wurden zu Wohnungen umfunktioniert.

Die Mietpreise setzt der Mieter auf die Maximalgrenze an, die von der Sozialhilfe übernommen wird.

watson/Rafaela Roth

Die Verzweiflung von Neyla* zeigt sich in der Art, wie sie heftig gestikulierend durch ihre Wohnung führt und entrüstet jede ihrer Zimmertüren aufreisst: «Wo sollen meine Kinder ihre Hausaufgaben machen? Wo? Zeigen Sie es mir», sagt sie.

Neyla aus Somalia lebt an der Dörflistrasse 74 in Zürich Oerlikon mit ihren acht Kindern in einer heruntergekommenen 5-Zimmer-Wohnung, die ihr die Asylorganisation Zürich (AOZ) zur Verfügung gestellt hat. Ihr eigenes Zimmer teilt sie mit ihren zwei Töchtern, vier Jungs finden in einem fensterlosen, 12 Quadratmeter grossen Zimmer Unterschlupf. Die Küche ist noch kleiner. Platz gibt es kaum irgendwo.

Die Familie hat nicht nur eine Flucht, sondern auch einen Umzugs-Marathon in der Schweiz hinter sich. Die Kinder wechselten ständig die Schule. Seit zwei Jahren sind sie nun an der Dörflistrasse 74, ende Jahr steht wahrscheinlich schon wieder ein Umzug an. Der Mietvertrag der AOZ, die das ganze Haus mietet, läuft aus. Neyla schätzt, dass die AOZ für diese Wohnung rund 3500 Franken Miete pro Monat bezahlt. Sie wird direkt von der Asylorganisation bezahlt.

Die AOZ selber kann aber ebenfalls keine nähere Auskunft über die Höhe der Miete des baufälligen Hauses geben. Der Besitzer des Hauses weiss es auch nicht genau. Jürg Baumann, der das Haus vor ein paar Jahren zusammen mit seinen zwei Brüdern gekauft und die AOZ als Mieterin übernommen hat, sieht sich indessen keiner Schuld bewusst: «Die Stadt hat ja sowieso Mühe, Unterkünfte für die Flüchtlinge zu finden», sagt er gegenüber watson. Wenn der aktuelle Mietvertrag mit der AOZ Ende Jahr auslaufe, würden sie diesen nicht mehr verlängern. Die Baueingabe für einen Neubau sei deponiert. Die AOZ hofft immer noch, dass sie ihn verlängern kann.

«Besser als ein Flüchtlingslager in Libyen»

Tatsächlich ist die Unterbringung der momentan im Kanton Zürich 1876 Asylsuchenden oder vorläufig Aufgenommenen ohne Flüchtlingsstatus eine besondere Herausforderung. Hausbesitzer mit guten Wohnungen vermieten sie lieber zu stolzen Preisen an zahlungskräftigere Mieter, jene mit heruntergekommenen Liegenschaften wittern einen guten Deal, indem sie sie an Flüchtlinge vermieten, auf den sicheren Mietzins, bezahlt von der Sozialhilfe, zählen können und kaum Investitionen in die Infrastruktur tätigen müssen.

Walter Angst vom Zürcher Mieterinnen- und Mieterverband sagt: «Und dann hört man zuweilen, die Wohnungen seien doch immerhin noch besser, als ein Flüchtlingslager in Libyen.»

Von dem Problem von schamlosen Vermietern und gammligen Wohnungen seien aber nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Sozialhilfeempfänger betroffen. Und auch nicht nur Zürich, sondern die ganze Schweiz, meint Angst. «Was wir sehen, ist nur die Spitze des Eisberges», sagt der Zürcher AL-Gemeinderat.

«Wir haben es hier mit Mieterinnen und Mietern zu tun, die ihre Rechte nicht wahrnehmen können. Sollten sie sich wehren, müssen sie befürchten, keine Ersatzwohnung zu finden. Deswegen ändert sich nichts», sagt er. Damit sich was ändere, müssten die verschiedenen Akteure wie Stadt, AOZ, Sozialamt und Mieterverbände zusammen arbeiten, meint Angst.

Stadtrat erstattet Anzeige gegen Mietwucherer

Weder Ghettos noch die Vertreibung in die Agglomerationen seien das Ziel: «Wenn die Flüchtlingsfamilien prekarisiert werden, ist niemandem geholfen», sagt Angst. Die Familien würden unter permanentem Stress stehen und die Kinder können sich nicht stabilisieren.

Als erstes müsste sich die AOZ darum kümmern, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis ihrer Wohnungen stimme und die Qualität der Unterbringung sich auch im Hinblick auf die Belegung verbessere.

AOZ-Sprecherin Corinne Widmer sagt nur: «Wir sind in enger Absprache mit dem Sozialdepartement an entsprechenden Abklärungen», und verweist auf die Aussagen von Sozialvorstand Raphael Golta im Tages-Anzeiger.

Gemäss eigenen Aussagen will Golta jetzt alles tun, um Mietwuchern und schamlosen Vermietern, die die Notlage der Menschen bewusst ausnutzen, das Handwerk zu legen. Als Sofortmassnahme will er die krassesten Fälle anzeigen. «Ich rechne mit einer Handvoll bis einem Dutzend Anzeigen», sagt er. Die Staatsanwaltschaft soll untersuchen, ob der Straftatbestand des Wuchers erfüllt ist.

Golta erklärt die jahrzehntelange Passivität der Behörden mit der «vermuteten Erfolglosigkeit» von Anzeigen. Er werde nun genau abklären, wie man die Situation verbessern könnte, und dazu auch das Gespräch mit dem Mieterverband suchen.