Asphaltkino
Asphaltkino: So schön kann die Langsamkeit sein

Ab sofort hat die Stadt Zürich ihr eigenes Asphaltkino: Auf dem Zeughaushof im Kreis 4 wurde das Projekt des Berner Künstlers Menel Rachdi mit einem grossen Fest eingeweiht. Das Asphaltkino kehrt das Funktionsprinzip des Films komplett um.

Sophie Rüesch
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Asphaltkino: So schön kann die Langsamkeit sein
9 Bilder
Eine Schülerin des Hohlschulhauses eröffnet das Asphaltkino im Hintergrund Stadträtin Ruth Genner
Assistent Ruedi Manser chauffiert einen Besucher durchs Asphaltkino
Das Asphaltkino ist eröffnet
Die Kinder beim ersten offiziellen Durchgang
Während seiner Ansprache stülpte sich Menel Rachdi einen ausgeweideten Fernseher über den Kopf
Im sogenannten Königinnenmobil wurden die Ehrengäste bei musikalischer Begleitung von Kristine Lauterburg durch den Hof geführt
Die Schülerinnen und Schüler des Hohlschulhauses
Ab heute kann man das fertige Kunstwerk im Zeughaushof betrachten

Asphaltkino: So schön kann die Langsamkeit sein

Sophie Rüesch

Hier bewegen sich nicht die Bilder vor dem Zuschauer; vielmehr muss sich das Auge bewegen, um die Motive am Boden zum Leben zu erwecken. Wenn man den Malereien entlang läuft oder fährt, verwandeln sich die Muster zum bewegten Bild. So entsteht „eine Art kultivierte Bildstörung", wie Rachdi das Resultat lachend umschreibt. Der Künstler aus dem Bernischen Auswil hat das Asphaltkino in den Achtzigerjahren erfunden und seither mehrere Projekte in der Schweiz und im Ausland verwirklicht.

Am Abend vor der Eröffnung ziehen Rachdi und seine Assistenten noch die letzten Pinselstriche - den Abspann. Hier werden die Leute verewigt, die das Projekt „mit Kopf, Herz und Hand" unterstützt haben. Rund ein Meter ist noch frei; Rachdi hofft, auch diesen bald noch auszufüllen. „Wo sonst hat man die Gelegenheit, ein Stück Zürcher Strasse zu erwerben?", fragt er lachend.
Zeughaushof muss belebt werden

Unterstützt wird das Projekt von Grün Stadt Zürich. Obwohl Rachdi im Vorfeld mit „viel Papier" zu kämpfen hatte, lobt er heute das Engagement der Stadt. Dass er das Projektauf dem Zeughaushof realisieren durfte, freut ihn besonders. „Die Lage ist ideal: zentral und doch verkehrsfrei." Das Asphaltkino biete aber auch einen Mehrwert für den Platz mitten im Zürcher Kreis 4. Umgeben von Drogen-, Prostitutions- und Ausgangsszene laufe dieser stets Gefahr, „etwas unheimlich zu werden", meint Rachdi. „Man muss den Hof beleben, sonst entsteht ein Vakuum, das alles Mögliche hineinschwappen lässt." So habe das Projekt auch eine präventive Funktion, von der das Quartier profitieren könne.

Auch Stadträtin Ruth Genner, die das Asphaltkino gestern mit einer Ansprache offiziell eröffnete, hob den Mehrwert, den es für das Quartier berge, hervor. Es sei ein Ort der Begegnung, und ein Projekt, das keine „Couch-Potatoes hervorbringt". Denn wer den Film erleben möchte, bewege nicht nur seinen Körper. „Das Asphaltkino regt die Fantasie an; so bleibt auch der Geist jung", meinte Genner.

Rachdi hat die Stadtzürcher Ausgabe des Asphaltkinos zusammen mit vier Mittelstufenklassen des benachbarten Schulhauses Hohlstrasse entwickelt und ausgeführt. Über 365 Meter haben sie während sieben Wochen ein Endlosband um die Gartenanlage im Hof gemalt - „einen Meter für jeden Tag des Jahres", wie der Künstler erklärt. Die Arbeit mit den Kindern aus dem Kreis 4 sei eine spezielle Bereicherung gewesen. „In diesem Streifen sind mindestens zehn Nationen vertreten", sagt Rachdi. Der integrative Charakter stehe bei seinen Kulturprojekten stets im Vordergrund; das Asphaltkino solle Leute ungeachtet von Nationalität, sozialer Herkunft und Alter zusammenbringen.

Das fertige Produkt nennt Rachdi denn auch „ein Generationenspielzeug". Er erhofft sich, dass rund ums Asphaltkino auch Erwachsene das Kind in sich wiederentdecken können. „Den Kindern muss man das Spielen nicht mehr beibringen, den Erwachsenen hingegen umso mehr."

Und noch etwas will der Berner Künstler dem Zürcher Publikum beibringen. Es sei kein Zufall, dass er und seine Assistenten, eine Gruppe, die vorwiegend aus Emmentalern bestehe, eine Kunstform nach Zürich bringen, die am besten bei einer Geschwindigkeit zwischen Wandern und Joggen funktioniere. Lachend erklärt Rachdi: „Mit dem Asphaltkino wollen wir den Zürchern einmal zeigen, wie schön Langsamkeit sein kann."