Umwelt
Arzneimittel werden aus der Limmat gefischt

Die Stadt Zürich rüstet für 50 Millionen Franken rasch ihr Klärwerk auf - und spart damit eine Gebühr.

Oliver Graf
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Rückstände von Medikamenten sollen rausgefiltert werden, bevor sie in die Limmat gelangen.

Rückstände von Medikamenten sollen rausgefiltert werden, bevor sie in die Limmat gelangen.

Anja Mosbeck

Auf den ersten Blick erscheint das Bauprojekt nicht sonderlich attraktiv; die Stadt Zürich plant im Klärwerk Werdhölzli eine neue Reinigungsstufe. Tiefbauvorstand Filippo Leutenegger (FDP) zeigte sich gestern Nachmittag, als er das 50-Millionen-Vorhaben der Presse vorstellte, aber begeistert: «Das ist eine grosse Nummer.» Und damit nahm er nicht primär auf die Kostenhöhe Bezug, sondern auf die Technik und die Grösse der zusätzlichen Anlage. Zürich sei zwar nicht Pionierin, gleichwohl aber federführend: «Das Wasser der Limmat wird nach der Aufrüstung in unvergleichlich besserer Qualität als heute sein.»

Die geplante Anlage, deren Bau der Stadtrat an seiner gestrigen Sitzung als gebundene Ausgabe bewilligt hat, soll mindestens 80 Prozent der Mikroverunreinigungen aus dem Wasser eliminieren. Bei diesen Verunreinigungen, auch organische Spurenstoffe genannt, handelt es sich um Substanzen wie Medikamente, Hormone oder Biozide.

Diese sind zwar nur in geringer Konzentration vorhanden; laut Peter Wiederkehr, dem Leiter Geschäftsbereich Klärwerk Werdhölzli, entspricht sie in etwa 43 Stück Würfelzucker, die im Greifensee aufgelöst sind. Aber bereits in diesen tiefen Konzentrationen können die vorhandenen Spuren von Kopfschmerzmitteln, Sonnencremes, Kosmetika, Herbiziden und weiteren Produkten «nachteilig auf Wasserlebewesen einwirken oder die Trinkwasserressource beeinträchtigen», sagte Wiederkehr. Bei männlichen Fischen bestünde etwa die Gefahr der Verweiblichung», der Fortbestand der Fische wäre gefährdet.

Eine Abgabe als Druckmittel

Der Bau der neuen Klärstufe ist die Folge eines neuen Bundesgesetzes. Rund 100 der landesweit 700 bestehenden Abwasserreinigungsanlagen müssen zwingend aufgerüstet werden, um die Mikrovereinigungen aus dem Abwasser zu eliminieren. Dabei handelt es sich insbesondere um jene Anlagen, die ein grösseres Einzugsgebiet haben (über 80 000 Personen) oder an einem See liegen. Der Bund rechnet mit Investitionskosten von insgesamt 1,2 Milliarden Franken.

Zu drei Vierteln beteiligt sich der Bund an diesen Kosten. Er hat dafür eine Spezialfinanzierung geschaffen; jeder Betreiber einer Abwasserreinigungsanlage muss ab nächstem Jahr pro Einwohner eine (zusätzliche) Gebühr von bis zu neun Franken in diesen Fonds entrichten. Jene, die die neue Technik installiert haben, müssen nicht mehr in diesen Topf einbezahlen.

Deshalb will die Stadt Zürich nun auch rasch vorwärtsmachen. Der Betrieb der neuen Klärstufe wird, wenn sie in zwei Jahren wie geplant steht, zwar jährliche Zusatzkosten von 2,75 Millionen Franken verursachen. Diese Kosten liegen aber tiefer, als der Aufwand für die Neun-Franken-Gebühr bis dahin sein wird; das Klärwerk Werdhölzli muss bis zur abgeschlossenen Erweiterung vorerst jährlich 3,7 Millionen Franken in den neu geschaffenen Investitions-Topf nach Bern liefern. «Damit spart die Stadt ab 2018 jährlich rund eine Million Franken ein», sagte Leutenegger. Und, als weiterer, unbezahlbarer Vorteil des Projekts: «Die Limmat profitiert ökologisch.»

Vorgesehen ist der Bau einer sogenannten Ozonungsanlage. Dort agiert Ozon als starkes Oxidationsmittel, das die komplexen Moleküle der Mikroverunreinigungen aufspaltet. Das gefährliche Ozon wird am Ende des Verfahrens natürlich auch wieder herausgefiltert. In der Fachsprache heisst das: «Das ozonhaltige Offgas aus den Reaktoren wird auf Restozonvernichter geführt, die das Restozon wird in molekularen Sauerstoff umwandeln.»

Die erste Anlage läuft bereits

Grundsätzlich ist das Zürcher See-, Fluss- und Grundwasser heute dank den kommunalen Abwasserreinigungsanlagen von guter Qualität, wie der Regierungsrat bereits vor einem Jahr in einem Bericht festhielt. Er wies damals aber auch darauf hin, dass diese Anlagen eben noch nicht für die Entfernung von Mikroverunreinigungen ausgerüstet sind, deren negativen Auswirkungen inzwischen bekannt wurden und die sich dank neuen Messmethoden auch in ihren geringen Konzentrationen nachweisen lassen.

Der Regierungsrat geht davon aus, dass von den 69 bestehenden kommunalen Abwasserreinigungsanlagen im Kanton deren 33 so gross oder derart exponiert an einem Gewässer gelegen sind, dass sie gemäss Bundesgesetz aufgerüstet werden müssen. In Dübendorf ist seit vergangenem Jahr als landesweite Pionierleistung bereits eine entsprechende Ozonungsanlage in Betrieb gegangen. Die Stadt Zürich wird nun als eine der nächsten folgen. Sie wird damit nicht die erste sein, aber immerhin die grösste; das Werdhölzli, wo pro Sekunde bis zu 6500 Liter Wasser zufliessen, ist die grösste Anlage der Schweiz.