Zürcher Hardturmstadion
Architekt des neuen Hardturmstadions: «Jetzt fängt das Leben richtig an»

Trotz schwieriger Kindheit und schlechter Schulnoten hat es Adrian Meyer zu etwas gebracht. Nun baut der Architekt das neue Hardturmstadion. «Wir bauen keine Häuser, die auf kurzfristige Mode ausgelegt sind», betont der 70-jährige Aargauer.

Erna Lang-Jonsdottir
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Der Architekt Adrian Meyer will Häuser bauen, die in zehn Jahren noch anschaulich sind.

Der Architekt Adrian Meyer will Häuser bauen, die in zehn Jahren noch anschaulich sind.

André Albrecht

Wie wird ein schlechter Schüler – wie er sich selber nennt – zu einem ETH-Professor? Adrian Meyer, der am Montag seinen 70. Geburtstag feierte, blickt durch seine Brille an die Decke und denkt nach. «Ich habe den richtigen Beruf gewählt und diesen mit intellektueller Neugierde verbunden», antwortet der Architekt nach einer Weile. Einen Beruf, der eine künstlerische Komponente, Leidenschaft und Kraft erfordere. «Wir müssen unser Metier immer mehr verteidigen. Viele ertragen den immer stärkeren Kommerzdruck nicht und verlassen den Weg», weiss er.

Doch für Meyer gibt es nur ein Erfolgsrezept: «Ganz oder gar nicht.» Diese Einstellung geprägt hat seine Mutter, die als Journalistin bei der «Annabelle», dann bei der «Weltwoche» und später beim «Badener Tagblatt» alleine für ihre drei Kinder sorgen musste. Die Trennung seiner Eltern sei in vielerlei Hinsicht schwierig gewesen. «Doch was mich nicht umbringt, macht mich stark», kann er getrost sagen. Meyer, der 1969 mit seinem Partner Urs Burkard mit dem Umbau der Galerie Trudelhaus in Baden sein erstes Projekt umsetzte, hat seither viele Architekturpreise und Wettbewerbe gewonnen.

Das neue Hardturm-Stadion in der Visualisierung
6 Bilder
Die Visualisierungsbilder der neuen Hardturm-Arena
Die Aussenansicht des Stadions
Beim Areal Hardturm werden auch neue Wohnungen gebaut

Das neue Hardturm-Stadion in der Visualisierung

Hochbaudepartement Zürich

Ein Aargauer für ein Zürcher Stadion

Letzte Woche hagelte es Blitzlichter, als Meyer und seine Partner des Badener Architekturbüros Burkard Meyer die Details des geplanten Fussballstadions beim Hardturm namens Hypodrom der Öffentlichkeit präsentierten. «Es war ein schöner Anlass. Die Stadträte in Zürich wissen, was sie vertreten. Wir hatten nicht das Gefühl, einen Tanz auf schwankendem Eis zu machen», sagt Meyer. Er und seine Kollegen seien stolz darauf, den Zürchern das Stadion bauen zu dürfen. Musste also erst ein Aargauer kommen, um den Zürchern ihr Stadion zu bauen? «Ich heisse Adrian Meyer und baue in der ganzen Schweiz.» Er könne nicht nachvollziehen, weshalb es eine Besonderheit sein soll, dass Aargauer Zürchern ein Stadion bauen.

Mit den Architekten der Fussballstadien in München und Peking – Herzog und de Meuron – will sich Meyer nicht vergleichen. «Wir sind gute Freunde; aber Herzog und de Meuron haben sehr viele grössere und bedeutendere Stadien gebaut. Unsere zwei Projekte in Aarau und Zürich sind aber keine Stadien im eigentlichen Sinne, sondern Häuser», betont Meyer. Die beiden Projekte sind jeweils direkt mit dem Stadtkörper verbunden. Konkret? «Das Hypodrom ist ein urbanes Haus. Die Quartiere beim Hardturm wachsen stark. Es wird einen öffentlichen Platz dazwischen geben, und das ist der Stadion- und Quartierplatz.»

Grösse entspricht Anforderungen der Fussballklubs

Genau diese Tatsache hat die Kreativität der Architekten Burkard Meyer geweckt: Mit der geplanten Säulenhalle, die sich um die innere Schüssel dreht, können sich Menschen über das Fussballspiel hinaus verbinden. «Hypodrom bedeutet überdachter Platz zum Spazierengehen», erklärt Meyer. Das Gebäude sei hybrid, für den Sport und das Quartier und deshalb seien nebst den Stadträten auch die Anwohner des Hypodroms begeistert. «Wir bauen nicht nur ein Stadion, sondern einen Marktplatz, der auch ausserhalb der Fussballzeiten genutzt werden kann.» Ob es das von den Grünen kritisierte Parkhaus brauche oder ob die Kosten zu hoch seien – «das ist eine politische Angelegenheit. Wir haben unseren Auftrag erfüllt». Kritik an der Grösse und an der Optik des Gebäudes kann Meyer nicht verstehen. «Wir bauen doch keinen Betonklotz. Und die Grösse des Stadions entspricht den Anforderungen der Fussballklubs.» Welches Material die filigrane Hülle des Stadions erhalten soll, ist noch unsicher. Der Favorit ist Backstein, wie Meyer verrät.

«Wir bauen keine Häuser, die auf kurzfristige Mode ausgelegt sind, sondern solche, die auch nach zehn Jahren noch anschaulich sind», betont er. Unmodisch bezeichnet er seine Gebäude. Häuser mit einer langen Lebensdauer. «Mich interessiert die Geschichte sowie die Wirkungsgeschichte von Architektur. Architekten können nichts Neues erfinden. Sie verwandeln bloss die Wirklichkeit.» Das sei auch in Zürich der Fall, versucht er zu erklären: «Wir verwandeln das abgebrochene Hardturmstadion in eine neue Heimat zweier Fussballklubs. Wenn es uns gelingt, dass sich Spieler und Fans dort wohl fühlen, dann haben wir Wirklichkeit verwandelt.»

«Häuser sind wie Kinder»

Seine eigenen Gebäude abändern würde Meyer nicht. «Nichts ist vollkommen. Und genau diese Tatsache ermutigt, immer so nahe wie möglich an das Nächstbessere hinzuarbeiten.» Lieblingsgebäude zu ernennen, fällt ihm schwer. Das AZ Medienhaus in Aarau, den Falken oder das Berufsbildungszentrum in Baden sehe er nach wie vor sehr gerne. «Häuser sind wie Kinder. Entlässt man sie ins Leben, ist man froh, wenn sie nicht geplagt und gequält werden.»

Gequält war Meyer als Kind, als sein Vater – ein Augenarzt in Baden – die Familie für immer verliess. «Kinder sollte man niemals verlassen, auch wenn eine Ehe nicht funktioniert.» Eine Scheidung sei in den 60er-Jahren ein gesellschaftliches Ereignis gewesen. «Meine Eltern waren in Baden verankert. Mit Fingern wurde auf uns gezeigt.» Eine Lebensprägung erfuhr Meyer, als er 1967 mit seiner Lebenspartnerin und heutigen Frau für ein halbes Jahr nach New York und Philadelphia reiste, um für Louis Kahn, einen der renommiertesten Architekten dieser Welt, zu arbeiten.

Darüber hinaus suchte er nach Bob Dylan. «Dylan fanden wir nicht – er hatte damals einen Töffunfall.» Die Meyers waren an Konzerten von The Doors, Simon & Garfunkel und Velvet Underground in der Factory von Andy Warhol. Sie erlebten die Protestbewegungen gegen den Vietnamkrieg und die aufkeimenden Studentenunruhen mitsamt der begleitenden Rolle von LSD hautnah mit. «Ich erinnere mich gerne an diese aufgewühlte Zeit. Doch auch das Heute und Jetzt ist toll. Dass ich mit 70 Jahren meinen Beruf noch ausüben darf und hoffentlich das Stadion in Zürich verwirklichen kann, ist mehr als ein Traum, der in Erfüllung geht. Jetzt fängt das Leben erst richtig an.»