Einer der ältesten Plätze Zürichs wird derzeit im Vorfeld seiner geplanten Neugestaltung archäologisch untersucht: der Münsterhof. Die Archäologen dringen an diesem zentralen Platz in der Altstadt immer tiefer in Zürichs Vergangenheit vor. Sie dokumentieren, was aus vergangenen Jahrhunderten noch zu finden ist, ehe es abgetragen wird.

Reste des Schienenunterbaus für das erste elektrische Tram, das hier im frühen 20. Jahrhundert verkehrte, waren das erste, das die Archäologen fanden. Dann stiessen sie auf mittelalterliche Friedhofsmauern, Gräber und Skelette. Dabei kamen auch Grabbeigaben zum Vorschein; unter anderem ein Spinnwirtel, also ein Stäbchen mit Rundgewicht, das vor der Erfindung des Spinnrads zum Herstellen von Fäden verwendet wurde. «Eine typische Grabbeigabe für Frauen», sagt Projektleiter Jonathan Frey, Archäologe im Stadtzürcher Amt für Städtebau.

Diese Woche stehen nun Grabungsarbeiten an den Überresten der runden Grabkapelle mit 12,8 Metern Durchmesser an, die einst vor dem Fraumünster-Kloster stand. Um 1300 beschlossen die Klosterfrauen, die Kapelle abzureissen. Zur gleichen Zeit wurde laut Frey auch der Friedhof vor dem Fraumünster verkleinert. Die neu gebaute Kirche erhielt so einen repräsentativen Vorplatz. Der Vorläufer des heutigen Münsterhofs war entstanden.

Er war nach heutigem Forschungsstand Ausdruck von Macht und Gestaltungswillen des damaligen Stadtoberhaupts, der Äbtissin des Fraumünster-Klosters. In den Jahren vor 1300 war das Fraumünster als gotischer Neubau erstellt worden. Um 1'300 wurde dann der Vorplatz freigeräumt, damit der mächtige Neubau seine Wirkung entfalten konnte. Schriftliche Quellen belegen, dass die Äbtissin hier in jener Zeit einen Königsempfang abhielt.

Königliche Schenkung

Die Anfänge des Fraumünsterklosters und seiner Vorherrschaft in Zürich reichen indes knapp ein halbes Jahrtausend weiter zurück: Als Gründungsakt gilt eine Schenkung von König Ludwig dem Deutschen, einem Enkel Karls des Grossen, an seine älteste Tochter Hildegard. Zwar gab es gleichenorts schon ein älteres, kleineres Kloster. Doch durch die Schenkung wurde aus dem kleinen ein grosses Kloster, dem neu auch beträchtlicher Landbesitz ausserhalb von Zürich gehörte. Und vom Schenkungsjahr 853 an entstand ein erster Steinbau, «topmodern für diese Zeit, mit internationaler Architektur nach römischem Vorbild», so Frey.

Der Grundstein für die jahrhundertelange Phase, in der die jeweilige Fraumünster-Äbtissin als Stadtoberhaupt galt, war gelegt. Es sollte bis ins Spätmittelalter dauern, ehe diese Machtposition ins Wanken geriet. Definitiv endete sie mit der Reformation: 1524 übergab die letzte Äbtissin, Katharina von Zimmern, alle Rechte und Besitzungen des Klosters dem Rat von Zürich.

«Der Münsterhof ist sehr bedeutend für das Verständnis der Stadtentwicklung Zürichs», sagt Frey. Die laufenden Grabungen sollen dazu beitragen, Erkenntnisse aus archäologischen Grabungen der Jahre 1977/78 zu überprüfen und zu ergänzen. «So können wir allmählich das Puzzle zusammensetzen.»

Ausstellung zeigt Fundstücke

Für die Öffentlichkeit dokumentiert bereits eine kleine Ausstellung die Grabungsarbeiten. Sie befindet sich im überdachten Eingangsbereich des Fraumünster-Klosters. Gezeigt werden Plakate und archäologische Fundstücke, darunter Ofenkeramik eines mittelalterlichen Kachelofens, ein frühmittelalterlicher Spielwürfel, eine Murmel und Herstellungsabfälle von mittelalterlichen Paternoster-Gebetsperlen.

Für die Zeit nach den Grabungsarbeiten ist laut Frey in der Fraumünsterkrypta ein «archäologisches Fenster» geplant, das Erkenntnisse und Funde der aktuellen Grabungsarbeiten längerfristig dokumentieren soll.

Mit der Neugestaltung des Münsterhofs und dem damit verbundenen Werkleitungsbau wird laut Frey der Grossteil der dortigen archäologischen Überreste abgetragen. Anders seien die geplanten Arbeiten nicht zu bewerkstelligen.

Die Neugestaltung des Münsterhofs ist Bestandteil des «historischen Kompromisses» der Zürcher Verkehrspolitiker. Er besagt, dass für neue unterirdische Parkplätze bestehende oberirdische aufgehoben werden. Wie in einer Volksabstimmung 2003 beschlossen, wird nun infolge des Neubaus des Opernhaus-Parkhauses der Münsterhof autofrei. Er diente während Jahrzehnten als Parkplatz. 2016 soll die Neugestaltung, zu der auch ein neuer Brunnen gehört, abgeschlossen sein.