Der am Mittwoch bekannt gegebene Abbau von 1300 Stellen in der Schweiz durch den US-Konzern General Electrics, der Alstom übernommen hat, ist nur die Spitze des Eisbergs. Industriearbeitsplätze verschwinden auch im Kanton Zürich rasant: Im Dezember 2015 gab es aus dem Industriesektor 3290 Arbeitslose, ein Jahr zuvor waren es noch 2671, wie das kantonale Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) kürzlich mitteilte.

Prozentual nimmt die Arbeitslosigkeit in der Industrie damit von allen Branchen am stärksten zu. Dies sei eine Folge der Frankenaufwertung, schreibt das AWA, und fügt an: «Weil es im Vergleich zum Dienstleistungssektor in der Industrie weniger Beschäftigte und damit auch Arbeitslose gibt, ist dieser Einfluss auf die gesamte Arbeitslosigkeit im Kanton Zürich zwar spürbar, aber nicht alarmierend.»

Alarmstimmung herrscht auch bei Stéphane Wettstein nicht, dem Präsidenten des Industrie-Verbands Zürich (IVZ), der gleichzeitig Geschäftsführer von Bombardier Schweiz ist: «Man muss die Lage differenziert sehen», sagt Wettstein.

Einige Unternehmen hätten die Produktion zum Teil ausgelagert, seit die Nationalbank vor exakt einem Jahr den Franken aufwertete. Andere erhöhten die Arbeitszeit. «Man kann nicht generell sagen, dass Unternehmen die Flucht ergriffen.»

Doch der Wettbewerb habe zugenommen. «Wichtig ist jetzt, dass die Politik bürokratische Auflagen reduziert und die Flexibilität im Schweizer Arbeitsmarkt erhält», so Wettstein.

Investitionen im grossen Stil

Der IVZ-Präsident nennt auch Beispiele von Industrieunternehmen, die Stellen in der Schweiz aufbauen und investieren. So habe Bombardier in der Schweiz zuletzt 200 neue Stellen geschaffen. Auch in Zürich investieren Industriebetriebe im grossen Stil: So hat Swissmill gerade ein Getreidesilo erbaut, das alle anderen Gebäude der Stadt überragt.

Und MAN Diesel & Turbo habe auf dem Escher-Wyss-Areal mitten im alten Zürcher Industriequartier zuletzt über 30 Millionen Franken investiert. Für innovative Industriebetriebe, die hochqualifiziertes Personal brauchen, sei Zürich nach wie vor ein guter Standort – vor allem dank der Nähe zu den Hochschulen. Wettstein ist überzeugt: «Repetitive Arbeiten verschwinden, hochqualifizierte Entwicklungsarbeit bleibt.»

Ähnlich klingts bei jenem Betrieb, der eine der längsten industriellen Traditionen in Zürich hat: MAN Diesel & Turbo, hervorgegangen aus der 1805 gegründeten Firma Escher-Wyss. «Der Frankenschock hat uns getroffen. Doch ich sehe keine dramatische Situation für den Industriestandort Zürich», sagt Geschäftsführer Hans Gut.

Die MAN Diesel & Turbo habe sich zwar im letzten Jahr zurückhaltend bei der Neubesetzung frei werdender Stellen gezeigt, zähle aber immer noch rund 900 Mitarbeitende, darunter 600 Ingenieure.

Der Grund dafür, dass sich die Firma, die vor allem Maschinen für die Öl- und Gasförderung herstellt, auf dem teuren Pflaster Zürich halten kann, ist laut Gut einfach: «Wir haben technologisch führende Produkte.» Als Beispiel nennt er einen neu entwickelten Tiefseekompressor. «Man kann nicht alles in Zürich herstellen, sondern vor allem Hightech-Produkte», so Gut. Die Nähe zur ETH sei ein entscheidender Standortfaktor.

Nach den Perspektiven für die Zukunft gefragt, sagt Gut: «Wenn wir innovativ bleiben, haben wir eine sichere Zukunft in Zürich. Zürich ist nach wie vor eine industriefreundliche Stadt.»

«Ein Stichwort ist der Erhalt der bilateralen Verträge mit der EU»

Carmen Walker Späh (FDP) ist seit 2015 Volkswirtschaftsdirektorin des Kantons Zürich.

Carmen Walker Späh (FDP) ist seit 2015 Volkswirtschaftsdirektorin des Kantons Zürich.

Interview mit Matthias Scharrer

Frau Walker Späh, Alstom baut in der Schweiz 1300 Stellen ab. Auch in der Zürcher Industrie nahm die Arbeitslosigkeit zuletzt stark zu, prozentual gar am stärksten von allen Branchen. Welche Perspektiven sehen Sie für die Industrie im Kanton Zürich? Droht auch hier der Abbau von Stellen im grossen Stil?

Carmen Walker Späh: Zuerst möchte ich mein Bedauern über den am Mittwoch angekündigten Stellenabbau bei Alstom im Aargau ausdrücken. Das ist nicht nur für den Aargau, sondern für den gesamten Werkplatz Schweiz eine sehr unerfreuliche Nachricht und beschäftigt mich auch als Zürcher Volkswirtschaftsdirektorin.

Der starke Franken belastet auch die Zürcher Wirtschaft weiterhin, insbesondere die Industrie, den Handel und das Gastgewerbe. In diesem Umfeld ist es natürlich nicht ausgeschlossen, dass es auch im Kanton Zürich zu solchen Entlassungen kommen könnte.

Was unternimmt der Kanton, um der serbelnden Industrie zu helfen?
Die Hauptursache für die herausfordernde Situation der Industrie ist der starke Franken. Diesen kann die Politik aber nicht beeinflussen, dafür ist die Nationalbank alleine zuständig.

Wir setzen uns für gute Rahmenbedingungen ein, sei es auf dem Gebiet der administrativen Entlastung für Unternehmen, der Förderung der Innovationstätigkeit im Rahmen der Clusterpolitik - dies betrifft auch die Industrie - oder der Vertretung der wirtschaftlichen Interessen des Kantons Zürich auf Bundesebene.

Ein Stichwort ist hier der Erhalt der bilateralen Verträge mit der EU, für den sich die Zürcher Regierung in Bundesbern starkmacht.

Wie wichtig ist die Industrie für den Zürcher Arbeitsmarkt?
Die Zahl der Beschäftigten in der Industrie ist im Vergleich zum sehr dominanten Dienstleistungssektor, der rund 80 Prozent der Beschäftigten umfasst, verhältnismässig gering. Dennoch ist die Industrie ein äusserst wichtiger Zweig der Zürcher Wirtschaft.

Es ist wichtig, den Werkplatz zu erhalten und ihm Sorge zu tragen, denn wenn im Zuge des Struktur-
Nellen Wandels industrielle Tätigkeiten wegfallen, kann dies eine ganze Wertschöpfungskette und somit auch Arbeitsplätze in anderen Branchen betreffen.

Der Industriesektor leistet auch einen willkommenen Beitrag zur Diversifizierung der Zürcher Wirtschaft und bietet wertvolle Ausbildungsplätze für unseren Berufsnachwuchs.