Zürich
Arbeiter auf der Zara-Baustelle wurden zu Lohnlügen gedrängt

Die Gewerkschaft Unia wirft Zara auf der Baustelle an der Zürcher Bahnhofstrasse "systematischen Beschiss" vor und lässt einen spanischer Arbeiter auspacken, der schwere Vorwürfe erhebt.

Marius Huber
Merken
Drucken
Teilen
Zara-Streik: Unia und spanischer Arbeiter erheben massive Vorwürfe
5 Bilder
Die Arbeiter verbrachten den Tag im Hotel. Einige wurden offenbar aber auch schon wieder auf andere Baustellen oder zurück nach Spanien geschickt.
Juan Carlos Carabal Santiago wurde angehalten, diese falsche Arbeitszeitabrechnung zu unterschreiben.
Ein Aushang auf Baustelle offenbart, dass die tatsächlichen Arbeitszeiten 60 Stunden pro Woche umfassen.
Vor dem Umbau betrieb das Schuhaus Bally eine Filiale im Gebäude.

Zara-Streik: Unia und spanischer Arbeiter erheben massive Vorwürfe

Keystone

Der Mann, der alles ins Rollen brachte, ist längst nicht mehr in Zürich. Der Arbeiter Juan Carlos Garabal Santiago wurde von seinen Vorgesetzten kurzerhand zurück nach Spanien verfrachtet, als sie Wind davon bekamen, dass er seinen Kollegen auf der Baustelle an der Bahnhofstrasse 66 unbequeme Fragen über ihre Arbeitsbedingungen stellte. So erzählten das Vertreter der Gewerkschaft Unia Medien, um zu erklären, weshalb ihr Kronzeuge nicht vor Ort war.

Doch Garabal liess sich nicht mundtot machen. Per Videotelefon aus Barcelona machte er Aussagen, die den spanischen Textilriesen Zara, ein Unternehmen mit Milliardenumsatz, in ein ungünstiges Licht rücken. Zara hatte in den letzten Tagen stets beteuert, beim Umbau des früheren Bally-Hauses gehe entgegen den Anschuldigungen der Unia alles mit rechten Dingen zu. Von Dumpinglöhnen könne keine Rede sein.

Gefälschte Dokumente

Als er seinen Vertrag in Spanien unterschrieb, habe man ihm geraten, die Arbeitskontrolleure in der Schweiz anzulügen, sagt der Mann, der für ein Subunternehmen im Dienst des Zara-Mutterkonzerns Inditex in Zürich im Einsatz war. «Ich sollte sagen, dass ich gleich viel verdiene wie ein Schweizer.» Er habe Dokumente unterzeichnen müssen, auf denen ein deutlich höherer Lohn und kürzere Arbeitszeiten ausgewiesen waren als in Realität.

Garabal hätte in Zürich den hier üblichen Mindestlohn von etwa 5000 Franken erhalten sollen, bei Arbeitstagen von acht Stunden Dauer. Tatsächlich erhielt er nach eigenen Angaben nur umgerechnete 1100 Franken, und seine Arbeitstage dauerten zehn Stunden und mehr.

Zara hatte angekündigt, gegenüber der Unia das Gegenteil zu belegen. Bei einem ersten Treffen ist dies laut den Gewerkschaftern aber nicht gelungen. Das Unternehmen habe zwar vier Anwälte aufgeboten, diese hätten aber nicht für einen einzigen der rund 50 betroffenen spanischen Arbeiter belegen können, dass er den korrekten Lohn erhalten habe. Fehlende Bankbelege hätten sie damit erklärt, dass das Geld in bar ausbezahlt worden sei. Es sei keine Bereitschaft erkennbar gewesen, eine schriftlich fixierte Lösung zu finden, um die Arbeiter richtig zu entlöhnen.

Der Zara-Mutterkonzern Inditex sagte auf Anfrage das Gegenteil. Den Vertretern der verpflichteten Subunternehmen sei es während des Treffens gelungen, alle Dokumente vorzulegen, die nötig seien, um zu beweisen, dass sie die Schweizer Arbeitsgesetzte strikte befolgt hätten. Die Unia könne dies nachprüfen.

Spiel auf Zeit

Die Gewerkschaft glaubt, dass Zara auf Zeit spielt, um Sanktionen zu entgehen. Es habe sich leider gezeigt, dass die Kontrollmechanismen der flankierenden Massnahmen viel zu langsam seien, um gegen Lohndumping etwas auszurichten. Eine unter Verdacht geratene Firma könne das Verfahren verschleppen, in dieser Zeit den Bau fertigstellen und dann die Arbeiter abziehen. «Bis die Kontrollen durch sind, sind wir alle schon bei Zara am Einkaufen», sagt Unia-Expertin Christa Suter.

Um dies zu verhindern, hat die Gewerkschaft die spanischen Arbeiter Anfang Woche dazu bewegt, die Arbeit niederzulegen. Dabei bleibt es vorerst. Wo die Arbeiter jetzt sind, ist laut Unia zum Teil unklar. Einige seien wieder zurück in Spanien - was es erschwere, sicherzustellen, dass sie einen fairen Lohn erhielten. Zara liess die Frage nach dem Verbleib der Arbeiter gestern unbeantwortet.

Dennoch ist ein Baustopp laut Unia das einzig griffige Mittel, um in solchen Fällen etwas zu bewegen. Die Gewerkschaft will aber künftig nicht mehr selbst zuständig sein. Daher fordert sie eine Gesetzesänderung, wonach die Behörden bei dringendem Verdacht eine Baustelle stilllegen können. Denn betrogen und gelogen werde systematisch und überall, sagt Unia-Sprecher Lorenz Keller, nicht nur auf den Grossbaustellen internationaler Firmen. Ähnliche Zustände wie jetzt bei Zara habe man jüngst auch beim Bau eines Einfamilienhauses im Zollikerberg aufgedeckt. «Und wenn wir zehn Mal mehr Personal hätten, würden wir zehn Mal mehr solche Fälle finden.»

Das Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA), im Kanton Zürich für Kontrollen und Sanktionen zuständig, reagiert skeptisch auf die Forderungen der Unia. Heute kann das Amt bei Lohndumping nur ein Bussenverfahren einleiten - und auch dies nur dann, wenn ein Verdacht erhärtet ist. Diesen Nachweis erbringen muss die paritätische Kommission, in der Gewerkschafter mit Arbeitgebern zusammenarbeiten. «Für uns gilt im Zweifelsfall die Unschuldsvermutung», sagt AWA-Sprecher Can Arikan. Was die Zara-Baustelle angeht, habe die Arbeitskontrollstelle Verdachtsmomente gemeldet. Diese würden geprüft.