Fassadenschutz
«Aravel» - So bekämpft die Stadt Zürich ihre Graffitiplage

Eigenentwicklung kostete 250 000 Franken – Städte wie Berlin oder Wien meldeten Interesse an.

Florian Niedermann
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Weil die Stadt Zürich ihre Gebäude besser gegen Graffiti schützen will, entwickelte sie in Eigenregie ein neues Schutzmittel. Das transparente, flüssige Produkt mit dem Namen «Aravel» wird bereits seit einiger Zeit an den rund 1600 städtischen Liegenschaften eingesetzt.

Wenn sich Sprayer dort ans Werk machen, verhindert ein unsichtbarer Film das Eindringen der Farbe in die Fassade. Und nicht nur das: Das Schutzmittel verbindet sich mit ihr, sodass das Graffito mit einer alkoholhaltigen Lösung und einem Hochdruckreiniger problemlos abgewaschen werden kann.

Die Wirksamkeit von «Aravel» stellte Hochbauvorstand André Odermatt (SP) gestern bei der Medien-Präsentation unter Beweis: Er sprühte vor dem Amtshaus IV kurzerhand eine Blume auf eine vorbehandelte Wand, um diese von einem Angestellten der Graffiti-Entfernung «Schöns Züri» im Handumdrehen wieder entfernen zu lassen.

Ein Angestellter von schöns Züri entfernt mit einem Hochdruckreiniger André Odermatts Graffito.
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Sie waren der Anlass für die Entwicklung von Aravel - ein illegales Graffito am EWZ.
Hier sind Graffitis toleriert - der Limmatuferweg beim unteren Letten.
Es bildet die Grenze für den Toleranzbereich für Graffiti an der Limmat - das Wipkinger Bahnviadukt.
Unerwünscht sind in der Stadt illegale Tags. Im Hintergrund eine Auftragsarbeit am Kehrichtheizkraftwerk Josefstrasse.
Während am Kandelaber noch illegale Tags zu sehen sind, ist die Ostfassade des EWZ sauber.

Ein Angestellter von schöns Züri entfernt mit einem Hochdruckreiniger André Odermatts Graffito.

Florian Niedermann

Zwar ist «Aravel» nicht das erste Graffiti-Schutzmittel auf dem Markt, aber das erste, das der kantonale Denkmalschutz auch bei historischen Gebäuden akzeptiert. Für eine Stadt wie Zürich, in deren Verwaltungsvermögen jedes dritte Gebäude im Denkmalschutz-Inventar aufgeführt ist, war dies ein Problem.

Priska Rast, Graffitibeauftragte der Stadt Zürich, erklärte bei der Präsentation: «Andere Produkte verhindern meist den nötigen Feuchtigkeitsaustausch. Bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt platzten daher oft Teile von behandeltem Gestein ab.» Im Gegensatz dazu, so Rast, beeinflusse «Aravel» die physikalischen Eigenschaften der Bausubstanz nicht. Zudem soll das Schutzmittel auf Wasserbasis bis zu acht Jahre lang wirksam, vollständig entfernbar und umweltverträglich sein.

Von legal bis illegal – was wo in Zürich gilt

Mit ihrem neuen Schutzmittel hat die Stadt Zürich eine effektive Waffe gegen illegale Graffiti entwickelt. Der Stadtrat will Street-Art aber nicht ganz aus der Stadt verbannen. Er verfolgt eine Strategie, nach der die Werke der Sprayer an einzelnen Orten toleriert, an anderen sogar gezielt eingesetzt werden.

- Zwischen rechtem Limmatufer und Wasserwerkstrasse vom «Dynamo» bis zum Wipkinger Bahnviadukt sind Graffiti toleriert. Dort können Sprayer ihre Skizzen umsetzen, ohne von der Polizei verfolgt zu werden. Auch tagsüber können Passanten den Street-Artists dort manchmal bei ihrer Arbeit zusehen. Allerdings nur dort: «Ausserhalb dieses Bereichs ist das Sprayen streng verboten», sagt Priska Rast, Graffitibeauftragte der Stadt Zürich.

- An öffentlichkeitswirksamen Flächen wie etwa rund um das Kehrichtheizkraftwerk an der Josefstrasse oder an der Fussgängerpassage über die Quaibrücke liess die Stadt verschiedentlich renommierte Sprayer-Teams in ihrem Auftrag zu Werke gehen. Weitere solche Grossprojekte sind in nächster Zeit jedoch nicht geplant.

- Kleinere Auftragsarbeiten vergibt die Stadtverwaltung, wenn Fassaden von städtischen Liegenschaften – etwa bei Schulhäusern – regelmässig illegal besprüht werden. «Wir machten die Erfahrung, dass sich andere Sprayer nicht mehr an einem Ort betätigen, der so gestaltet wurde», so Rast. Die nächste solche Auftragsarbeit vergebe die Stadt für eine 40 Quadratmeter grosse Wand beim Schulhaus Hirzenbach in Schwamendingen. (fni)

Private sprangen nicht darauf an

Die Idee, ein solches Allheilmittel gegen unerwünschte Fassadenkunst zu entwickeln, wurde aus der Not geboren: «Wir versuchten mehrmals, Entwicklungen privater Unternehmen anzustossen – jedoch ohne Erfolg», sagte Rast. 2011 machte sich die Stadt zusammen mit dem bauphysikalischen Labor in Winterthur schliesslich an erste Labortests.

In den letzten Jahren kam «Aravel» nun bereits an städtischen Liegenschaften zum Einsatz. Mit Erfolg: Gab die Verwaltung 2006 jährlich noch rund 800 000 Franken für die Reinigung ihrer Gebäude aus, waren es 2014 rund eine halbe Million.

Die Stadt setzt in ihrem Kampf gegen illegale Graffiti offenbar auf Zermürbung. Hochbauvorstand Odermatt erklärte: «Wir reinigen unsere Liegenschaften konsequent. Das verdirbt den Sprayern die Lust, sich daran zu schaffen zu machen.» Die tieferen Reinigungskosten erklärten sich aber auch dadurch, dass sich Graffiti mit dem neuen Schutzmittel leichter entfernen liessen und so der Arbeitsaufwand sinke.

Für die Entwicklung von «Aravel» gab Zürich insgesamt rund 250 000 Franken aus. Diese Investition soll spätestens in vier Jahren amortisiert sein, weil das Schutzmittel in den städtischen Werkstätten selbst hergestellt werden kann. Ausserdem besitzt die Stadt die Rechte an den Formeln. Wenn also die im Ausschreibeverfahren gewählte Firma Keimfarben AG den Graffitischutz ab Sommer 2016 industriell herstellt und vertreibt, wird Zürich dabei mitkassieren.

Den Zeitpunkt für die Präsentation des Produkts dürfte der Stadtrat daher wohl nicht zufällig gewählt haben. Odermatt versicherte jedoch, «Werbung im eigentlichen Sinn» werde man nicht machen. In Beratungsgesprächen, welche die Graffitifachstelle privaten Liegenschaftsbesitzern anbiete, werde aber auf die Vorteile des neuen Schutzmittels hingewiesen.

Wie Graffitibeauftragte Rast durchblicken liess, muss das Interesse auf dem Markt wohl nicht erst geweckt werden: Bereits in der Entwicklungsphase seien mehrere europäische Städte mit ihr in Kontakt getreten – darunter Stuttgart, Berlin und Wien. Auch Firmen wie die SBB und die Schweizerische Post wurden hellhörig.

Könnte «Aravel» Zürich also gar zum Goldesel erwachsen? Rast winkt ab: Darüber, wie gross die Nachfrage tatsächlich sei, könne man nur spekulieren. «Der Markt war bisher gut gesättigt, weil auch andere Produkte Fassaden effektiv schützten.» Preislich bewegt sich das Schutzmittel laut der Graffitibeauftragten mit Vollkosten von rund 20 Franken pro Quadratmeter im Mittelfeld der Konkurrenz. Es wird sich nun zeigen, ob sich die Zürcher Erfindung aufgrund ihrer denkmalschützerischen und ökologischen Vorteile durchsetzen kann.