Antoinette Hunziker, in der Öffentlichkeit wird zurzeit oft moralisiert, gerade in wirtschaftlichen Fragen. Ist Moral wieder in Mode?

Antoinette Hunziker-Ebneter: Das bezweifle ich. Was Sie ansprechen, würde ich eher als inszenierte Empörungskommunikation bezeichnen. Das ist nicht die beste Seite der Moral, sie lässt sich aber medial gut vermarkten.

Verstehen Sie die Empörung nicht?

Doch. Der Bogen ist verschiedentlich überspannt worden. Ich denke da an die Boni in den Investmentbanken oder an die Schere zwischen Arm und Reich, die viel zu weit auseinanderklafft.

Was stört Sie denn an der Empörung?

Wir sind alle verantwortlich für das System, das wir haben. Wir sind mündige Menschen. Jeder muss sich genau überlegen, wo er einkauft, wie er sein Geld anlegt und wie er abstimmt. Wenn man stattdessen einfach vor dem Fernseher sitzt und sich empören lässt, ohne etwas zu ändern, habe ich Mühe damit.

Was ist Moral, positiv formuliert?

Moral basiert auf gelebten Wertvorstellungen. Auf dem, wofür ein Mensch mit seinem Handeln steht. Natürlich hatten wir nicht alle die gleiche Erziehung, Ausbildung und Sozialisation. Deshalb müssen wir miteinander über solche Werte diskutieren, damit wir eine andere Richtung einschlagen können.

Glauben Sie, in unserer pluralistischen Gesellschaft lasse sich ein gemeinsames Moralgerüst finden, das tragfähig ist?

Ich glaube, wir müssen mit einer Vielfalt an Wertvorstellungen leben lernen. Aber einen universellen Kern gibt es sicher. Dass man nicht stehlen soll zum Beispiel, nicht töten und betrügen.

Ist die Moral nicht bloss ein Kampfbegriff für jene, die keine Macht haben?

Nein, das glaube ich nicht. Alle Menschen haben eine Moral. Auch ein Marcel Ospel oder ein Sergio Ermotti. Entscheidend ist: welche?

Kennen Sie die Antwort?

Nein, aber man müsste diese Herren einmal danach fragen, das wäre wichtig.

Warum?

Dann würde man sie besser verstehen. Erst wenn man sie versteht, kann man bewusst entscheiden, ob man als Kunde oder als Arbeitnehmer Teil von ihrem System sein will oder nicht. Das muss jeder mit sich selbst ausmachen.

Wie lautet Ihre persönliche Moral?

Für mich ist ganz wichtig, die Lebensqualität nachhaltig zu steigern, und zwar für alle Menschen. Wir begehen einen Riesenfehler, wenn wir weiter auf Kosten der nächsten Generation leben. Die wird uns dereinst verwünschen. Ich darf andere nur so behandeln, wie ich selbst behandelt werden will.

Verstossen Sie nie gegen diese Regel?

Sicher, aber nur unbewusst. Ich hatte nach schwierigen Entscheiden schon Zweifel, vor allem nach Entlassungen.

Für strenge Moralisten muss das Leben eine ziemlich freudlose Sache sein.

Ich sehe das gar nicht so. Es erfüllt mich mit Freude und Zufriedenheit, mir meiner Werte bewusst zu sein und sie zu leben. Als ich 45-jährig war, habe ich lange darüber nachgedacht, was für mich zählt, und ich habe festgestellt, dass ich in der Welt der Banken und der Börsen dauernd Kompromisse eingehen musste.

Deshalb habe ich mit Partnern und Mitarbeitenden eine Anlagefirma gegründet, die sich an gemeinsam vereinbarten Werten orientiert. Man verdient damit weniger, leistet aber eine für die Kundinnen und Kunden sinnvolle Arbeit und ist glücklicher.

Das ist leicht gesagt, wenn man Geld hat. Moral wird so zur Luxushaltung für all jene, die sie sich leisten können. Für alle anderen kommt erst das Fressen.

Das glaube ich nicht. Es gibt Menschen, die nur wenig Geld brauchen, aber innerlich reich sind und ihre Werte konsequent leben. Wer in die Gesellschaft integriert sein will, kann es sich gar nicht leisten, unmoralisch zu sein.

Auch die oberen Zehntausend nicht?

Nein, man sah das bei jenen Bankern, die durch ihr Handeln weit verbreitete Moralvorstellungen missachtet haben und sich so aus der Gesellschaft katapultierten. Die sind sehr einsam.

Im Ernst?

Ja. Sie können das Land nicht verlassen, weil sie sonst verhaftet werden, und hier werden sie gemieden. Mit so jemandem will auch niemand mehr golfen gehen.

Verpflichtet Geld dazu, Gutes zu tun?

Sicher. Geld bewegt die Welt – Geld und Gedanken. Menschen, die Geld haben, haben eine grössere Verantwortung als jene, die keins haben. Deshalb ist es mir wichtig, dass sie es bewusst und verantwortungsvoll anlegen. Genau das ist die Aufgabe unserer Firma.

Und das funktioniert?

Als wir damit anfingen, wussten wir das auch nicht. Aber inzwischen haben wir gezeigt: Es ist möglich. Allerdings wird das meiste Geld in der Schweiz immer noch konventionell angelegt.

Das gilt insbesondere für die Pensionskassen, die rund 700 Milliarden Franken verwalten. Es wäre enorm wichtig, dieses Geld verantwortungsbewusst anzulegen, wie das in skandinavischen Ländern der Fall ist, und nicht einfach irgendwie. Sonst wird damit zum Beispiel Kindersklaverei gefördert, Abzockerei und Umweltzerstörung.

Wie soll ein Anleger in der globalisierten Wirtschaft mit ihren unpersönlichen Geschäftsbeziehungen wissen, für welche Werte eine Firma wirklich steht?

Früher investierte ein Banker nur in Firmen, deren Chef er kannte. Die Globalisierung hat uns zwar eine Flut an Daten gebracht, aber diese Art der direkten Beziehung fehlt heute. Die müssen wir wieder aufbauen.

Es reicht nicht, bloss Berichte zu lesen. Wir müssen mit den Führungskräften reden, um zu merken, ob sie wirklich so nachhaltig handeln, wie sie sagen.

Sie befragen Firmenchefs nach Werten?

Ja.

Was kommt dabei heraus?

Einige sind gut vorbereitet und beten Werte wie jene auf unserer Website herunter: Respekt, Transparenz, Nachhaltigkeit, Verantwortung.

Wenn man dann aber nach Beispielen fragt, wie sie diese Werte konkret umsetzen, merkt man schnell, wie ehrlich sie es damit meinen. Andere verstummen ganz, weil sie nicht verstehen, wovon ich rede.

Also hat doch nicht jeder eine Moral.

Doch, sie haben bloss nie darüber nachgedacht, wofür sie eigentlich stehen. Das heisst aber nicht, dass sie keine Wertvorstellungen hätten, mit denen sie ihre Firma prägen, bis hinunter zum letzten Angestellten.

Ich dachte einst, die UBS sei ein wertefreier Raum, wo alles erlaubt ist. Aber nein: Diese Leute stehen für etwas.

Ich weiss von einem UBS-Anlageberater, der eine Kundin gebeten hat, flüssige Mittel von ihrem Konto abzuziehen, weil sonst der Anteil strukturierter Produkte mit hoher Marge in ihrem Portfolio zu gering sei – und davon hänge sein Bonus ab.

Aus dieser Aussage kann man genau ableiten, was die Werthaltung von Herrn Ermotti ist. Die Vergütung ist ihm vermutlich ziemlich wichtig.