Der Freispruch erfolgte nicht bloss "aus Mangel an Beweisen" - das Gericht zeigte sich überzeugt, dass die Vorwürfe des Privatklägers haltlos seien. Wie der Gerichtsvorsitzende in der mündlichen Begründung sagte, könne man nicht wissen, weshalb er die Anschuldigungen erhoben habe.

Es sei "irgendwie unbegreiflich", welche Wut und Rache sich über den Sozialarbeiter entladen habe. Die Genugtuung von 1000 Franken für den Beschuldigten sei symbolisch als Zeichen des Bedauerns über die ganze Unbill zu sehen.

Aussage gegen Aussage

Wie häufig bei Sexualdelikten gab es auch im vorliegenden Fall keine Zeugen. Es stand Aussage gegen Aussage. Dabei kommt der Glaubwürdigkeit der jeweiligen Personen ein hoher Stellenwert zu. Nicht nur der Verteidiger des Beschuldigten, auch der Ankläger konstatierten die eingeschränkte Glaubwürdigkeit des Privatklägers.

Die Aussagen des Beschuldigten waren laut Gericht schlüssig und hätten gezeigt, welche Mühe er sich gegeben habe, den jungen Sozialhilfebezüger in den Arbeitsprozess zu integrieren. In den Aussagen des Privatklägers dagegen habe es noch und noch Lügensignale gegeben.

Alle Beratungsgespräche und Auszahlungen seien dokumentiert. Wenn es zu Auszahlungsverspätungen gekommen sei, dann, weil der Privatkläger seinen Check nicht pünktlich abgeholt habe. Im übrigen seien die Wände in den Büros des Sozialhilfezentrums so dünn, dass man heftige Gegenwehr gegen die angeblichen Übergriffe und lautes Schimpfen, wie der Privatkläger geltend machte, gehört hätte.

Anklage fordert 18 Monate bedingt

Mit seinem Freispruch folgte das Gericht der Argumentation des Verteidigers. Dieser hatte für einen vollumfänglichen Freispruch plädiert. Dem Beschuldigten sei eine Genugtuung von 1500 Franken zuzusprechen.

Die Staatsanwaltschaft hatte Schuldsprüche für versuchte sexuelle Nötigung, mehrfachen Amtsmissbrauch, mehrfache Ausnützung einer Notlage und versuchte Nötigung beantragt. Sie verlangte eine bedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten. Der Anwalt des Privatklägers unterstützte diese Anträge und forderte eine Genugtuung von 5000 Franken für seinen Mandanten.

Vorwürfe erfunden

Der Beschuldigte hatte im gesamten Verfahren die Vorwürfe kategorisch zurückgewiesen. Sie seien schlicht erfunden. Ab Frühling 2011 war er als Mitarbeiter des Stadtzürcher Sozialzentrums für den damals 27-jährigen Sozialhilfebezüger zuständig. Der Klient sei "mühsam" gewesen sagte er: Er habe Termine nicht eingehalten, sei unpünktlich gewesen, Programme zur Arbeitsintegration habe er als Schikane empfunden.

Die Vorwürfe beziehen sich auf die Zeit zwischen Sommer 2012 und Sommer 2013. Die Anzeige gegen den Sozialarbeiter reichte der Privatkläger allerdings erst 2015 ein. Da es sich um ein Offizialdelikt handelte, leitete die Staatsanwaltschaft ein Verfahren ein.

Gemäss Anklage bedrängte der Sozialarbeiter den Sozialhilfebezüger wiederholt und in zunehmender Intensität mit sexuellen Avancen. Dabei sei ihm die Notlage des Klienten und dessen finanzielle Abhängigkeit bekannt gewesen.

Viel Selbstmitleid

Der Privatkläger, ein französischsprachiger Schweizer, machte bei seiner Befragung einen fahrigen Eindruck. Seine Ausführungen waren oft vage und geprägt von Selbstmitleid. Für Probleme macht er stets andere verantwortlich.

In Italien machte er nach eigenen Angaben eine Internationale Matur, ein Jus-Studium brach er ab. Zurück in der Schweiz jobbte er mal hier, mal da und bezog Sozialhilfe. 2017 sass er - nach einer früheren Vorstrafe - eine mehrmonatige Freiheitsstrafe wegen Gewalt und Drohung gegen Beamte und andere Delikte ab. Heute bezieht er eine IV-Rente wegen psychischer Probleme.