Nach monatelangen Diskussionen und ausufernden Belästigungen der Anwohner soll der Strassenstrich am Sihlquai mittelfristig geschlossen werden. Alternativen sind jedoch noch nicht gefunden. Mit einer Prostitutionsgewerbeverordnung sollen aber die Abläufe in den Zürcher Strichzonen klarer organisiert werden. Analog anderer Gewerbe werden die Dirnen mehr Bewilligungen benötigen, um ihr Angebot an den Mann zu bringen. Die Stadtpolizei erhält damit bessere Möglichkeiten zur Kontrolle und zum Durchgriff.

Zurzeit hat eine knapp gehaltene Vorschrift aus dem Jahr 1991 Gültigkeit, die bei Zuwiderhandlung lediglich Bussen bis zu 500Franken vorsieht. Juristen aus verschiedenen Departementen erarbeiten einen Entwurf, der auch mit Interessenvertretungen wie der Zürcher Aids-Hilfe, dem Fraueninformationszentrum FIZ und der Beratungsstelle Isla Victoria der Stadtmission abgestimmt werden soll.

Massnahmen kommen spät

Regula Rother, Leiterin der Zürcher Stadtmission, engagiert sich stark für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Prostituierten, die sich häufig mit dreimonatigen Aufenthaltsbewilligungen im Rahmen der bilateralen Verträge in der Stadt aufhalten. Sie beobachtet, dass die Arbeit der Streetworker, zum Beispiel das Verteilen von Kondomen, schwieriger geworden sei, seit die Strichzone räumlich eingeschränkt wurde. Auch die endlich aufgestellten Toiletten hätten zwei Jahre früher kommen sollen. Der Zulauf an Freiern hat für sie aber auch mit der reisserischen Medienberichterstattung zu tun, die das Interesse erst auf diesen Brennpunkt gelenkt habe.

Von der steigenden Nachfrage nach billigem Sex ist unter anderem die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) tangiert, deren Gebäude entlang des Sihlquais liegen. Auch die Gleichstellungsbeauftragte Christine Weidmann wurde schon von interessierten Freiern aus dem Auto angesprochen – als sie mit Ordnern unter dem Arm auf dem Weg ins Büro war.

Ausländische Studierende, die nach Zürich kommen, seien irritiert und müssten von Studiengangsleitern über die Situation aufgeklärt werden. Sie kennen die offene Prostitution aus ihren Heimatländern nicht. Da die ZHdK künstlerische Werkstätten an der Limmatstrasse unterhält, sind junge Studierende beiderlei Geschlechts angehalten, abends im Dunkeln möglichst zu zweit nach Hause zu gehen. Aber auch Dozenten berichten, bereits von Prostituierten auf dem Weg zum Unterricht angemacht worden zu sein.

Sozialarbeit im Fokus

Die Stadt nimmt das Problem ernst und betont die gesundheitlichen und sozialen Präventionsaspekte, die die neue Regelung für die gesamte Bevölkerung bringen soll. Schliesslich müssten nicht nur Prostituierte und ihre Kunden, sondern auch deren Partnerinnen und Partner vor sexuell übertragbaren Krankheiten geschützt werden. Den Sexarbeiterinnen sollen vermehrt Beratungsangebote zur Verfügung gestellt werden, die sie auf Wunsch auch über Ausstiegsmöglichkeiten aus dem Gewerbe informieren. Ausserdem sollen sie ermutigt werden, gewalttätige Freier anzuzeigen oder im Falle von Menschenhandel mit den Behörden zusammenzuarbeiten.

Das Massnahmenpaket hat Polizeivorstand Daniel Leupi nach einem Erfahrungsaustausch mit verschiedenen europäischen Städten beschlossen, in denen er sich ein Bild von den dortigen Verhältnissen gemacht hatte. Bis Ende November soll die Prostitutionsgewerbeverordnung in die Vernehmlassung geschickt werden. Bereits diskutierte Massnahmen wie «Verrichtungsboxen» seien weiterhin eine Option, allerdings erst an den neuen, noch zu ermittelnden Standorten.