Musikbusiness
Anna Kaenzig: «Manchmal frage ich mich, wieso ich mir das antue»

Anna Kaenzig hat sich nach zwei Alben in der Schweizer Musikszene etabliert. Zurzeit arbeitet sie in Zürich an ihrem dritten Album.

Daniel Stehula
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Anna Kaenzig im Café Lang: Die Musikerin wohnt «extrem gerne in Zürich», in ihren Songs findet sich die Stadt aber nicht. MDH

Anna Kaenzig im Café Lang: Die Musikerin wohnt «extrem gerne in Zürich», in ihren Songs findet sich die Stadt aber nicht. MDH

Landbote

Anna Kaenzig, Sie haben einmal gesagt, nach dem ersten Album hätten Sie nicht gewusst, wie es ist, in der Schweiz Musikerin zu sein. Nun arbeiten Sie bereits an Ihrem dritten Album – was haben Sie über das Musiker-Leben in der Schweiz gelernt?

Anna Kaenzig: Ich habe eine Menge gelernt. Das erste Album war ein Projekt an der Jazzschule. Deshalb ist es jazzig, brav, hat ausufernde Arrangements. Ich habe darauf Lieder, die im Siebenvierteltakt geschrieben sind und bei denen ich mich heute frage, wie ich darauf gekommen bin. Aber es war damals das Umfeld. Beim ersten Album kann man ja eigentlich nichts falsch machen, weil man die Musik nicht mit anderen Werken des Künstlers vergleichen kann. Mit den Aufnahmen bin ich dann zur Plattenfirma gegangen und sie hat mir eine Chance gegeben.

Das Album wurde ein grosser Erfolg.

Ich hätte damals nicht gedacht, dass es so gross herauskommt. Es war ja einfach produziert. Wir gingen als Band ins Studio und haben die Platte auf Achtung, fertig, los eingespielt. Es waren lauter Jazzmusiker, die sich diese Arbeitsweise gewohnt sind.

Was haben Sie nun in der Zwischenzeit über das Musikerdasein gelernt?

Das Musikbusiness ist tough, man muss sich behaupten. Ich befinde mich mit meiner Musik in einer Nische des Markts. Als ich 2008 als Singer-Songwriterin wahrgenommen wurde, hatte man für diese Musik gerade offenere Ohren als früher. Sophie Hunger hat vor allem uns Frauen den Weg geebnet. Sie hat da eine wichtige Rolle gespielt und sie ist eine tolle Künstlerin – da spricht der Fan. Ich habe gelernt, dass man authentisch sein muss in dem, was man tut. Ich muss hinter meinen Sachen zu 150 Prozent stehen können. Das ist manchmal einfach, manchmal nicht. Aber ich weiss, wo ich hin will.

Apropos: Sie wollten eigentlich gar nicht Sängerin sein und heute noch haben Sie mit dem Lampenfieber zu kämpfen.

Ja, das ist manchmal ganz schlimm. Einmal, bei einem Auftritt auf dem Blue Balls Festival, habe ich vor lauter Nervosität meine Gitarre hinter der Bühne vergessen. Es ist mir erst aufgefallen, als ich am Mikrofon stand.

Was haben Sie getan?

Ich habe es dem Publikum erklärt und die Gitarre geholt. Es hat auf alle Fälle das Eis gebrochen. In der Regel legt sich die Nervosität und ab dem vierten Lied kann ich den Auftritt geniessen.

Aber weshalb tun Sie sich das an?

(lacht) Das frage ich mich manchmal auch, besonders wenn ich wieder ein Konzert mit einigen Solostücken eröffne. Es ist gut für die Dramaturgie des Auftritts, aber schlecht für meine Nervosität. Nein, das Auftreten, das Singen, das ist für mich eine Notwendigkeit. Ich liebe es.

Können Sie von Ihrer Musik leben?

Ich bin Musikerin und Musiklehrerin. Ich unterrichte Gesang und Gitarre. Ich kenne Musiker, für die ist das Unterrichten ein notwendiges Übel, um sich die Musik zu finanzieren. Ich hingegen mache es gerne. Zu 40 Prozent unterrichte ich an einem Stadtzürcher Schulhaus. Meine Schüler sind lässige Kids, die holen mich auf den Boden zurück. Ich empfehle es jedem Musiker.

Die Musik, auf die Sie sich mit Ihrem Sound beziehen, haben Sie durch die Plattensammlung Ihrer Eltern kennen gelernt. Geben Sie Ihren Schülerinnen und Schülern auch weiter, was Sie für gute Musik halten?

Teilweise tue ich das, sie werden ja den ganzen Tag von den Mainstreamsachen berieselt. Aber die Kids dürfen sich auch manchmal Stücke wünschen, an denen wir arbeiten. Die kommen dann meistens aus der Hitparade. Manche sind empfänglicher für meine Empfehlungen, und die stammen oft aus einem musikalischen Umfeld. Ich muss dazu aber sagen ...

... Ja? ...

... dass ich auch meine Hitparadenphase gehabt habe. Zwar hat mich zum Beispiel Bonnie Raitt sehr beeinflusst, aber zwischendurch war ich ein Fan von den Backstreet Boys und DJ Bobo. Mein Vater ist Fotograf und er hatte einmal den Auftrag, DJ Bobo zu fotografieren. Ich wollte unbedingt, dass mir mein Vater ein Autogramm von ihm mitbringt. Ich habe also Verständnis dafür, wenn sich meine Schüler einen Hitparadensong wünschen. Aber ich sage ihnen auch ehrlich, ob er mir gefällt oder nicht.

Werden Sie bei Country und Folk bleiben?

Bei der Arbeit am zweiten Album habe ich mir das nicht überlegt. Aber ich habe mir dafür einen Produzenten gesucht. Und weil ich einen Aussenstehenden an meine Musik liess, löste es in mir schon einen Prozess aus, in dem es darum ging, herauszufinden, was ich musikalisch machen will. Momentan wandle ich auf Pfaden, die man von mir nicht erwarten würde. Ich entdecke meine Stimme neu und bewege mich in einem neuen Umfeld. Die neue Platte erscheint im Herbst, mehr kann ich im Moment nicht dazu sagen.

Wie schreiben Sie Ihre Songs?

Zuerst entsteht immer die Musik, dann schreibe ich den Text dazu. Aber es ist etwas Flüchtiges: Manchmal wache ich auf mit einer Melodie im Kopf und bis ich mir Kaffee gemacht habe, ist sie schon wieder weg.

Sie sind eine Zürcher Künstlerin – wo findet sich Zürich in Ihren Liedern?

Ich wohne extrem gerne in der Stadt, aber nein, Zürich findet sich nicht in meinen Songs. Natürlich beeinflusst mich dieser Ort stimmungsmässig. Doch ich glaube, ich könnte auch woanders wohnen und die Songs würden gleich klingen. Manchmal frage ich mich selbst, woher die Bilder in meinen Texten kommen. Die USA sind zwar faszinierend und ein Bezugsort für meinen Musikstil, aber es ist mein Inneres, das die Stimmungen weitergeben will.

Noch nie gab es so viele Möglichkeiten, Musik zu konsumieren. Wie hören Sie Musik?

Früher kaufte ich mir CDs. Einen Plattenspieler hatte ich nie. Heute höre ich praktisch nur noch MP3, obwohl die Klangqualität nicht so gut ist. Dafür lege ich Wert auf gute Kopfhörer. Am liebsten höre ich unterwegs Musik und die Kopfhörer müssen alle anderen Geräusche ausblenden.

MP3 hat das Ende des Albums als künstlerische Form eingeleitet. Was meinen Sie dazu?

Es gibt immer noch viele CD-Releases. Für einen Musiker ist es schön, ein Album in den Händen zu halten. Aber das Album hat an Stellenwert verloren. Ich kaufe auch viele Songs einzeln. In meinem Umfeld diskutieren wir häufig darüber.

Ist ein gutes Video heute wichtiger als das Album?

Ich kann es nicht sagen. Aber kürzlich habe ich fünf grosse Einkaufstaschen mit CDs weggegeben, weil ich alles auf meinem Computer habe. 20 CDs habe ich behalten, weil sie schöne Covers haben oder mir viel bedeuten. Die habe ich nun in meinem Wohnzimmer aufgestellt.

Als Ihr zweites Album herauskam, sprachen manche Kritiker von einem «grossen Karrieresprung» und einem «Versprechen für eine internationale Karriere». Hat sich das bewahrheitet?

Im vergangenen Jahr ist viel passiert, aber so weit ist es noch nicht. Für Schweizer Künstler ist die Frage ein Dauerthema: Wie komme ich über die Grenze? Dafür muss man viel Biss haben – und Glück.

Ist für Schweizer Künstler die Musik ein Job oder kann es nur ein aufwendiges Hobby sein?

Als ich meinen Produzenten Luk Zimmermann in Berlin besuchte, traf ich viele Leute, die voll auf Musik setzen.

In der Schweiz arbeiten wir neben der Musik. Nimmt uns das den Biss?

Ich bin sehr froh, dass ich den Job habe. Das gibt mir die Freiheit, einen Songwriting-Tag einzuschalten ohne schlechtes Gewissen, dass ich an diesem Tag keinen Gig habe und kein Geld verdiene.

Dann ist es doch eher ein Hobby?

Ich kenne keinen meiner Musikerkollegen, der nicht alles gibt. Aber was am Ende rausschaut, ist oft wenig. Ich liebe die Musik und das Auftreten, es ist für mich eine Herzensangelegenheit. Aber manchmal erschrecke ich, wenn ich darüber nachdenke. Wir hatten ein gutes Jahr. Wenn mich jemand engagiert, dann bezahlt er für Kunst. Und man bekommt manchmal viel vom Publikum. Kürzlich hing uns das Publikum vom ersten Ton weg an den Lippen. Wegen solcher intensiver Abende spiele ich die Songs. Es ist mein Lebenselixier. Ohne würde ich verkümmern.