Der Grossraum Zürich war für internationale Unternehmen schon attraktiver: «Die Schweiz wird von grossen Beratungsfirmen im Ausland nicht mehr als Standort empfohlen», sagte Sonja Wollkopf gestern an der Jahresmedienkonferenz der Standortmarketingorganisation Greater Zurich Area (GZA).

«Die Bedingungen sind komplizierter geworden.» Für Komplikationen sorgten gemäss Wollkopf die Masseneinwanderungsinitiative, das ungeklärte künftige Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union (EU), die Beschränkung der Kontingente für Arbeitskräfte aus Drittstaaten durch den Bund, aber auch der starke Franken und die geplante Unternehmenssteuerreform III.

Die Skepsis in ausländischen Firmenzentralen schlägt sich laut Wollkopf auch in Zahlen nieder: So planen die letztes Jahr im Grossraum Zürich neu angesiedelten 83 Firmen aus dem Ausland für die nächsten fünf Jahre 898 Arbeitsplätze. Zum Vergleich: 2014 gelangen der GZA 71 Firmenansiedlungen, wobei deren Firmenchefs in fünf Jahren mit 1472 Arbeitsplätzen rechneten.

Angesichts dieser durchzogenen Jahresbilanz 2015 hob die GZA-Chefin eine Firmenansiedlung besonders hervor: Die China Construction Bank (CCB) lancierte 2015 ihren Schweizer Ableger in Zürich. Sie zählt mit weltweit 372 000 Mitarbeitenden zu den Giganten der Bankenbranche. Die Zürcher Grossbanken sind demgegenüber vergleichsweise klein: Die UBS hat derzeit global rund 60 000 Angestellte, bei der Credit Suisse sind es 48 000.

Regierende hofierten Chinesen

Was die Zahl der Arbeitsplätze in der Schweiz betrifft, ist die CCB zwar noch bescheiden: Sie beschäftigt aktuell gut 30 Angestellte in Zürich. Doch sie könnte den Handel mit China ankurbeln und dem Finanzplatz Zürich neuen Auftrieb geben. Denn als erste chinesische Bank verfügt die CCB seit Ende 2015 über eine Schweizer Banklizenz, die sie berechtigt, hierzulande Geschäfte in der chinesischen Währung Renminbi abzuwickeln.

Das macht sie für die Zürcher Regierenden zum Hoffnungsträger – zumal seit Juni 2014 ein Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und China in Kraft ist. Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) würdigte bei der CCB-Eröffnung in Zürich Mitte Januar die Bedeutung des neuen Handelszentrums für den Finanzplatz Zürich.

Die Stiftung Greater Zurich Area (GZA) existiert seit 1999. Ihr Jahresbudget von vier Millionen Franken wird zu zwei Dritteln von der öffentlichen Hand und zu einem Drittel von Privaten finanziert. Zur öffentlichen Trägerschaft zählen die Kantone Zürich, Zug, Schaffhausen, Schwyz, Glarus, Graubünden, Uri und Solothurn, die Stadt Zürich und die Region Winterthur. Private Stiftungsmitglieder sind unter anderem UBS und Credit Suisse sowie die Kantonalbanken von Zürich, Graubünden, Glarus, Schaffhausen, Zug und Schwyz. (mts)

Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) übergab den chinesischen Bankern symbolträchtig den Schlüssel für ihre Zürcher Filiale. Und Regierungsrat Ernst Stocker (SVP) traf vor gut einem Jahr am Weltwirtschaftsforum in Davos CCB-Vertreter, um sie vom Standort Zürich zu überzeugen.

Was offenbar gelang: «Die Schweiz ist ein wichtiger Handelspartner für China. Nun können wir in Zürich den wirtschaftlichen Austausch zwischen Unternehmen aus China und der Schweiz vereinfachen und vertiefen», liess sich CCB-Manager Yunchuan Yu in einer gestern veröffentlichten GZA-Medienmitteilung zitieren.

Etwas knapper brachte es Holger Demuth, CCB-Finanzchef in der Schweiz, an der GZA-Medienkonferenz auf den Punkt: «Ziel der CCB ist es, den Handel zwischen der Schweiz und China zu vergrössern.» Demuth ist auf dem Finanzplatz Zürich kein Unbekannter: Er arbeitete zuvor in führenden Funktionen bei der Credit Suisse und bei der später von der CS übernommenen Bank Clariden Leu.

Auf die neue Konkurrenz aus China angesprochen, geben sich die grossen Zürcher Banken wortkarg: Die CS liess eine entsprechende Anfrage gestern unbeantwortet. Eine UBS-Sprecherin teilte mit: «Wir äussern uns grundsätzlich nicht zu anderen Banken.» Ähnlich klang es bei der Zürcher Kantonalbank.

Neben der CCB siedelten sich 2015 noch sieben weitere chinesische Unternehmen im Grossraum Zürich an, darunter auch Fosun, eines der grössten Firmenkonglomerate Chinas. Damit gelang es laut GZA-Chefin Wollkopf erstmals, das selbstgesetzte Ziel von acht Firmenansiedlungen aus China in einem Jahr zu erreichen.

Den Grossteil der Neuansiedlungen im GZA-Gebiet machen indes nach wie vor Firmen aus Europa aus. Letztes Jahr waren es deren 46. Zweitwichtigstes Herkunftsgebiet sind die USA, von wo 22 Firmen kamen. Insgesamt schufen die 83 neuangesiedelten ausländischen Firmen im Grossraum Zürich letztes Jahr 388 Stellen. Den grössten Anteil daran hatten Biotechnologie und Pharmaindustrie mit 136 Stellen, gefolgt von Finanzdienstleistungen (54) und Informations- sowie Kommunikationstechnologien (34).