Universität Zürich
Andreas Fischer: «Die Kritik machte mir sehr zu schaffen»

Andreas Fischer im ersten Interview nach dem überstürzten Abgang als Rektor über Empörung und Selbstkritik.

Anna Wepfer
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Andreas Fischer war bis zum 6.November 2013 Rektor der Uni Zürich: «Ich stehe nach wie vor zu den gefällten Entscheiden.»Moritz Hager

Andreas Fischer war bis zum 6.November 2013 Rektor der Uni Zürich: «Ich stehe nach wie vor zu den gefällten Entscheiden.»Moritz Hager

Herr Fischer, seit Ihrem Rücktritt vor zwei Monaten haben Sie sich aus der Öffentlichkeit ganz zurückgezogen. Warum?

Andreas Fischer: Ich wollte einen Punkt setzen und der interimistischen Unileitung freie Bahn geben. Ich habe keinen Sinn darin gesehen, mich zu den jüngsten Geschehnissen zu äussern.

Die Affäre Mörgeli und die damit verbundene Kritik an der Universität und an Ihrer Person zogen sich über mehr als ein Jahr hin. Welcher Tropfen brachte für Sie das Fass zum Überlaufen?

Die Entlassung der Medizinhistorikerin Iris Ritzmann hat bei Professorinnen und Professoren wie auch bei Studierenden Reaktionen ausgelöst, die dann in den Medien zu einer eigentlichen Skandalisierung dieses Falles geführt haben. Diese Skandalisierung hat ein Ausmass angenommen, das mich zum Handeln gezwungen hat. Und in meinen Augen war der richtige Schritt im Interesse der Universität mein Rücktritt. Er sollte die Situation beruhigen und der neuen Unileitung ermöglichen, den Konflikt unter einem neuen Blickwinkel anzuschauen.

Die neue Unileitung hat tatsächlich mehrere Massnahmen gegen Frau Ritzmann zurückgenommen. Diese muss nun weder Lohn zurückzahlen noch mit dem Entzug ihres Titels rechnen. Ist Ihr Rücktritt auch ein Fehlereingeständnis?

Ich stehe nach wie vor zu den gefällten Entscheiden. Das nachträgliche Gutachten hat gezeigt, dass die Kündigung von Frau Ritzmann rechtens war. Einzelheiten wurden kritisiert, das gebe ich zu, und dort hat die Universität auch Änderungen vorgenommen.

Angefangen hat die Affäre mit einer schlechten Mitarbeiterbeurteilung. War es für Sie vor der Eskalation ein Thema, dass der Beurteilte – Christoph Mörgeli – ein bekannter Politiker ist?

Herr Mörgeli war einer von mehreren Angehörigen der Uni Zürich, die auch politisch tätig sind, und ich finde es gut, dass wir solche Leute haben.

In der Beurteilung als Angestellter ging es aber nur um seine Leistung als Kurator des Medizinhistorischen Museums und der nicht öffentlichen Objektsammlung. Haben Sie von Anfang an damit gerechnet, dass eine negative Beurteilung viel Lärm auslöst?

Nein, das war kein Thema. Die Beurteilung war auch völlig ergebnisoffen.

Das Ergebnis wurde via Medien publik, worauf die Affäre innerhalb eines Jahres Herrn Mörgeli, Frau Ritzmann und Sie den Job kostete. Wie konnte die Sache so aus dem Ruder laufen?

Ich mache weder Schuldzuweisungen noch gebe ich Erklärungen ab. Und ich werde auch nicht sagen, man hätte dieses oder jenes anders machen sollen. Ob andere Massnahmen zu besseren Resultaten geführt hätten, lässt sich nachträglich nicht beurteilen. Nur so viel: Die nationale Prominenz von Herrn Mörgeli hat entscheidend zum gewaltigen Echo dieser Affäre beigetragen.

Iris Ritzmann wurde entlassen, weil sie rund um den Fall Mörgeli Journalisten Zugang zu sensiblen Informationen verschafft haben soll. Diese Begründung wurde von Arbeitsrechtlern kritisiert ...

... der von der Universitätsleitung beauftragte externe Gutachter kam jedoch zum Schluss, die Kündigung sei rechtens. Er hatte als einziger Aussenstehender Einsicht in die Akten.

Dennoch scheint es, als hätten Sie Frau Ritzmann gegenüber Härte gezeigt, um zu beweisen, dass Sie nicht nur Herrn Mörgeli hart anfassen.

Das war nie eine Überlegung. Zu den personalrechtlichen Massnahmen äussere ich mich im übrigen nicht weiter, weil dagegen Rekurse laufen.

Was für eine Note würden Sie sich als Krisenmanager in dieser Affäre geben?

Das überlasse ich anderen. Auf jeden Fall hat die Sache durch das mediale Echo viel mehr Gewicht bekommen hat, als sie im Normalfall gehabt hätte. Für mich als Rektor war die Affäre angesichts ihres Ausmasses einmalig.

Kritik gab es aber auch für die UBS-Spende von 100 Millionen Franken und dem dazugehörigen – ursprünglich geheimen – Vertrag. War Ihnen die Sprengkraft des Deals im voraus nicht klar?

Die UBS-Donation steht unter einem speziellen Stern. Erstens erscheint die Summe von 100 Millionen aussergewöhnlich gross – auch wenn sie sich über Jahre verteilt. Zweitens hat die UBS durch die Finanzkrise ein Reputationsproblem, was einen Schatten auf diese Spende geworfen hat.

Das Problem ist also die Spenderin?

Es ist bemerkenswert, dass die Öffentlichkeit der UBS viel kritischer gegenübersteht als anderen Geldgebern. Zwei Beispiele: Jede Schweizer Uni verleiht den Credit Suisse Award für die beste Lehre. Und das Bibliotheksgebäude der ETH Lausanne heisst ganz offiziell Rolex Learning Center. Das ist offenbar akzeptabel, während die UBS stark kritisiert wird.

Unter dem öffentlichen Druck verzichtet die Uni nun darauf, einen Hörsaal nach der UBS zu benennen. Offenbar haben Sie der Bank zu viele Zugeständnisse gemacht.

Hauptsächlich wurde in der Öffentlichkeit befürchtet, dass die Bank auf die Universität Einfluss nimmt. Dem widerspreche ich in aller Form. Die Lehr- und Forschungsfreiheit ist gewährleistet. Aber: Heutzutage haben Geldgeber, die viel Geld zur Verfügung stellen, meist das Bedürfnis nach Sichtbarkeit. Dies gilt nicht nur für Firmen, sondern auch für Stiftungen oder Privatpersonen. Mäzene, die ganz anonym bleiben wollen, gibt es nur noch selten.

Das heisst, dass sich die Uni zunehmend als Werbefläche verkaufen muss?

Die Verantwortlichen müssen nun diskutieren, inwiefern sie dem Wunsch nach Sichtbarkeit stattgeben.

Die Universität stand in den letzten Monaten stark im öffentlichen Fokus. Ist das gut oder schlecht?

Die Uni ist eine öffentliche Einrichtung, und es ist deshalb absolut richtig, dass eine Diskussion stattfindet. Ich würde mir aber wünschen, dass der Fokus nicht ausschliesslich auf sogenannte Skandale und Krisen gerichtet würde, sondern auf die grosse Leistung der Uni insgesamt.

Nach Ihrem Rücktritt wurde die Forderung nach einer professionelleren Unileitung laut. Statt Professoren gehörten Manager ins Rektorat, hiess es.

Ich bin absolut nicht dieser Meinung. Alle Schweizer Universitäten und auch viele ausländische zeigen, dass eine Uni von jemandem geleitet werden muss, der Forschung und Lehre von innen kennt und von den Angehörigen der Universität getragen wird. Natürlich muss diese Person auch Managementfähigkeiten haben und bereit sein, sich mit Themen, wie beispielsweise Recht, Finanzen, Bauten und IT auseinanderzusetzen.

Und sie braucht eine dicke Haut. Hatten Sie das?

(Überlegt lange) Ich denke schon, ja. Die Kritik in den Fällen UBS und Mörgeli war aber heftiger, als ich erwartet hatte. Sie machte mir sehr zu schaffen.

In welchem Zustand übergeben Sie die Universität Ihrem Nachfolger?

Trotz negativer Presse ist die Uni Zürich sehr gut aufgestellt. Sie findet sich in fast allen Rankings unter den 100 besten der Welt. Das ist eine grosse Leistung. Die Uni Zürich ist in den vergangenen Jahren substanziell gewachsen, sie steht auch finanziell gut da, und wir konnten unbefriedigende Betreuungsverhältnisse verbessern. Ausserdem konnte ich wichtige Akzente setzen, etwa mit der Einführung des neuen Doktoratsstudiums und in der Nachwuchsförderung generell, oder mit der Gründung der UZH-Foundation, die künftig Spenden akquirieren soll. Unter meiner Leitung sind auch das Leitbild überarbeitet und die Strategischen Ziele 2020 entwickelt worden. Ich war bis zum Schluss sehr gerne Rektor.

Wie war es für Sie, nach dieser Zeit die Universität in einer Nacht- und Nebel-Aktion zu verlassen?

Das war keine Nacht- und Nebel-Aktion, sondern ein von mir bestimmter Rücktritt. Da mein Abschied ohnehin für den kommenden Sommer geplant war, ist der Schritt an sich nicht schlimm. Persönlich war es aber doch eine schwierige Zeit. Das Negative wurde jedoch aufgewogen durch sehr viele positive Mails und Briefe, die ich erhalten habe.

Sie haben nicht den Abschied bekommen, den ein Rektor erwarten darf. Finden Sie das ungerecht?

Es geht nicht um Gerechtigkeit. Aber ja: Ich bedaure das sehr.

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