Zürich
Andreas Brütsch: Ein Filmer mit Flair für ältere Damen

Der Kopp-Porträtist verkauft sein Geschäft und konzentriert sich auf Dok- und Spielfilme. Denn sein Geld verdiente Andres Brütsch grösstenteils mit Werbefilmen aus dem Hause seiner Produktionsfirma.

Matthias Scharrer
Drucken
Teilen

Limmattaler Zeitung

Er ist ein einflussreicher Macher, Ermöglicher und Lobbyist des Schweizer Films: Andres Brütsch. Sein Porträt über alt Bundesrätin Elisabeth Kopp («Winterreise», 2007) sorgte landesweit für Aufsehen. Doch sein Geld verdiente Brütsch grösstenteils mit Werbefilmen aus dem Hause seiner Produktionsfirma Topic Film AG.

Nun übergibt er die Firma in Zürich per Anfang April an Monika Schärer und Christian Rösch. Ein erster Schritt in den Ruhestand? «Schon auch», sagt der 60-Jährige. «Die Leute in der Werbebranche könnten inzwischen fast alle meine Kinder sein. Sie müssen sich fühlen wie im falschen Film, wenn sie mir gegenübersitzen.» Doch der scheidende Firmenchef sagt auch: «Ich kann mir nicht vorstellen, nicht mehr zu arbeiten.»

Filmprojekt mit Beat Schlatter

Brütsch, den die «NZZ am Sonntag» als Kandidaten für die kürzlich an Ivo Kummer vergebene Stelle des Filmchefs im Bundesamt für Kultur nannte, bleibt Vizepräsident der Zürcher Filmstiftung. Die von ihm 2004 mitlancierte Stiftung hat inzwischen gegen 400Filmprojekte finanziell unterstützt. Neben dem Bund und dem Schweizer Fernsehen gilt sie als wichtigste Stütze des Schweizer Filmschaffens. Zudem arbeitet Brütsch als filmpolitischer Lobbyist in Bern für den Dachverband Cinésuisse, ausserdem als Jury-Mitglied in Diensten des Basler Vereins Balimage.

Mit seinem Rückzug aus dem Produzentenjob wolle er sich vor allem eines ermöglichen: vermehrt eigene Dokumentar- und Spielfilme zu realisieren. Allzu viel will er über seine laufenden Projekte noch nicht verraten. Nur so viel: Eines davon ist eine Dokumentation über drei musikalische, äusserst aktive, ältere Damen. «Ich habe wohl zurzeit ein Flair für ältere Damen», meint er selbstironisch.

Ausserdem arbeitet Brütsch an einem Spielfilm-Projekt, das er nächstes Jahr zusammen mit Beat Schlatter realisieren will. «Es geht um zwei Brüder, die unter Zwang ein Hotel retten müssen», verrät der Filmer.

«Ich war ein Enfant terrible»

Die Leidenschaft für den Film hatte ihn früh gepackt. Mit 13 Jahren verdiente er während der Sommerferien als Handlanger bei der Gottfried-Keller-Verfilmung «Der Schmied seines Glücks» sein erstes Geld: 47 Franken für sechs Wochen Arbeit.

Zum Schmied seines eigenen Glücks wurde Brütsch, indem er nur tat, was er wollte. «Ich war ein Enfant terrible», meint er rückblickend. Dass er dafür in seiner Heimat Zug von der Schule flog und diese dann in Luzern abschloss, nahm er in Kauf.

Nach der Matur war für ihn klar: «Ich wollte zum Film. Geschichten interessierten mich.» An der Münchener Filmakademie hielt es ihn allerdings nicht lange: Er brach das Studium ab, um sich als Volontär zu versuchen. Im fiktionalen Bereich, den Brütsch anvisierte, gab es damals in der Schweiz fast nur die Firma Condor. Nach mehreren geplatzten Vorstellungsterminen kam schliesslich das ersehnte Telegramm: Er solle sofort nach Zürich kommen.

Der schlimmste Dreh

Dort engagierte man ihn zunächst, um Fotoaufnahmen bei einem Werbefilm zu machen. «Es war der schlimmste Dreh meines Lebens», erinnert sich Brütsch. «Die Crew war zerrissen, alle schimpften übereinander.» Doch der Volontär bewährte sich. Am Schluss wurde ihm die Aufnahmeleitung übertragen. Und er lernte das Filmhandwerk vom Schneiden über den Ton bis zur Kameraassistenz durch alle Sparten: «Es war eine super Ausbildung» – trotz bescheidenem Anfangslohn von 400 Franken pro Monat. Nach fünf Jahren durfte er erstmals Regie führen.

Anschliessend arbeitete Brütsch einige Jahre als freischaffender Filmer, ehe ihm der damalige Besitzer der Topic Film AG anbot, als Juniorpartner einzusteigen. «Ich wollte aber die Mehrheit der Firma.» Der Deal kam zustande – zu Brütschs Bedingungen.

Von 1984 an führte er die Firma und wurde ihr Alleininhaber. Hunderte von Werbefilmen und Firmenporträts entstanden unter seiner Führung. «Anders kann man als Filmer in der Schweiz kaum Geld verdienen.» Doch auch die bis in die 1960er-Jahre zurückreichenden Werbefilme, die im Firmenarchiv lagern, seien wichtige Zeitdokumente. «Es ist wichtig, dass ein Land seine eigene Filmkultur hat», betont Brütsch.

Druck der Geldgeber steigt

Die Selbstständigkeit der Filmemacher werde aber angesichts des zunehmenden Drucks der Geldgeber immer kleiner. Nun zieht sich Brütsch aus dem Geschäft zurück, um einmal mehr zu machen, was er will: Dokumentar- und Spielfilme – wie zuletzt über eine ältere Dame namens Kopp.