Am Schalter oder auf der Website vom Fundbüro 2 am Werdmühleplatz in Zürich konnten während einem Jahr vermisste oder entdeckte Träume, Gefühle, Werte oder Eigenschaften gemeldet werden. Neben den Initianten Andrea Keller und Patrick Bolle nahmen unterschiedliche Gastbeamte aus den Bereichen Kultur, Politik und Medien Geschichten über immaterielle Funde oder Verluste entgegen. Diese werden nun in einem Buch publiziert. 

Andrea Keller und Patrick Bolle, warum heisst das letzte Buchkapitel «Happy End»?

Andrea Keller: Damit endet ein erfolgreiches Kunstprojekt und wir schliessen den Bogen zur Frage auf dem Cover. Ich muss zugeben, dass ich zuerst etwas Mühe damit hatte, «Glück» derart prominent zu verwenden. Einfach, weil mit dem Wort unverschämt vieles verkauft wird. Aber seien wir ehrlich: Es passt. In der Zeit, in der wir leben, dreht sich nun mal sehr vieles um die Suche nach dem persönlichen Glück.

Patrick Bolle: Diese Suche kann sehr anstrengend sein und unglücklich machen.

Keller: Zumal das Glück oft im Tun, in der Anerkennung von anderen und im Schulterklopfen gesucht wird und natürlich im Besitzen von Dingen. Unser «Happy End» beginnt mit einem alten, tibetischen Zitat. Es rät, das Glück in sich selbst zu suchen, alles andere gleiche dem Warten auf Sonnenschein in einer nach Norden gelegenen Höhle.

Bolle: Manchmal sitzt man tatsächlich im Dunkeln. Das ist auch okay. Es gibt kein Leben, das permanent happy ist. Wir wollten aber weder das Projekt noch das Buch mit einer Ausweglosigkeit enden lassen. Das wäre der Sache nicht gerecht geworden. Denn jede Meldung, egal, wie schwierig und schwer sie daherkam, hat immer auch etwas Neues keimen lassen.

Welches Erlebnis am Schalter hat Sie am meisten geprägt?

Bolle: Ich kann kein einzelnes Erlebnis herauspicken. Es ist diese Diskrepanz zwischen der Hoffnung und dem Erzählen und noch mal Durchleben einer schweren Geschichte, das so aber zum eigenen Wachstum führen könnte. Die Essenz des Projektes ist diese endlose Aufforderung zur Reflexion. Die ist bei mir hängen geblieben. Dieses Jahr hat mich eine Spur differenzierter gemacht, mir selber und anderen gegenüber.

Keller: Am Schalter war es faszinierend, zu erleben, welche Intimität innerhalb weniger Sekunden zwischen zwei Personen entstehen kann, die sich nicht kennen. Auch die Vielfalt der Menschen und Meldungen hat mich berührt. Draussen vor dem Fundbüro machte ich es mir zum Sport, ganz offen auf die Leute zuzugehen und auch jene Passanten anzusprechen, bei denen ich dachte: «Die machen sowieso nicht mit.»

Bolle: Es war spannend, zu erleben, was passiert, wenn man einfach mal nachfragt.

Keller: Ich gehöre nicht zu denen, die die Menschen in Zürich als verschlossen und abweisend erleben. Es passiert immer mal wieder, dass ich mit jemandem ins Gespräch komme. Sei das im Bus oder im Café. Aber mit so persönlichen Fragen auf Fremde zuzustürzen, war dann doch neu. Es ist die Antithese zum Smalltalk. Ich kann das Experiment nur weiterempfehlen.

Bolle: Es ist ein ungeübter Akt. Man muss zuerst die richtige Sprache dafür finden. Die Frage nach Verlorenem ist schwierig. Da haftet Schmerz, Trauer, Überlebenswille dran.

Wie haben die Leute reagiert?

Keller: Viele hatten am Anfang natürlich Schiss, ich wolle ihnen etwas verkaufen. Wenn ich dann erklärt habe, worum es geht, waren manche begeistert und stürzten sich ins Fundbüro-Abenteuer. Andere zogen die Augenbrauen hoch oder verwarfen die Hände, reagierten reflexartig mit: «Ich habe nichts zu erzählen, mir geht es gut.» Da hatte ich manchmal schon das Gefühl, dass der Satz gar schnell daherkommt. Aber es war nicht an mir, zu hinterfragen. Ich habe dann einfach darauf hingewiesen, dass auch schöne Geschichten willkommen sind.

Wurde mehr gesucht oder gefunden?

Bolle: Zwei Drittel waren Suchmeldungen.

Keller: Ich vermute, das hat mit dem Wort und den Assoziationen zu einem «Fundbüro» zu tun. Meistens geht man doch dort hin, weil man etwas verloren hat. Im Grunde kann jede Geschichte als Fund- oder Verlustgeschichte erzählt werden. Wann immer wir etwas verlieren, finden wir auch etwas. Und umgekehrt.

Was wurde besonders oft verloren?

Keller: Es ging oft um das Herz oder die Liebe.

Bolle: Manchmal begann eine Geschichte bei der verlorenen Liebe und endete mit dem Verlust von Zeit. Einzelne Themen scharf voneinander zu trennen, war schwierig. Eigentlich geht das auch gar nicht.

Keller: Im Buch arbeiten wir mit thematischen Kapiteln, um eine Struktur und eine Lesehilfe zu geben. Patrick hat recht: Verschiedenste Erlebnisse und Themen im Leben sind miteinander verbunden, auch wenn der Zusammenhang nicht auf den ersten Blick ersichtlich wird. Aber zurück zum Menschen...

Bolle: ...und zur Liebe, genau. Vielleicht gab es auch viele Meldungen zu ihr, weil sie ein gesellschaftsfähiges Thema ist, das medial oft aufgegriffen wird. Menschen sind es gewohnt, darüber zu reden. Deshalb war es wohl einfacher, solche Meldungen bei uns abzugeben. Über das eigene Selbstwertgefühl etwas zu sagen, ist deutlich schwieriger. Interessant war auch, dass bei jüngeren Menschen der Verlust der Liebe häufiger ein Thema war als bei älteren Personen. Beziehungsweise waren ihre Meldungen zum Thema Liebe differenzierter. Meist ging es um den Verlauf einer Lebensgeschichte.

Wie sind Sie mit all diesen persönlichen Geschichten umgegangen?

Bolle: Die Begegnungen bewegten. Noch intensiver aber war das Sichten dieser 500 bis 600 Meldungen und für das Buch eine Auswahl zu treffen. Ich habe mich mit jeder einzelnen noch einmal auseinandergesetzt. Weil die meisten Meldungen online eingegangen sind, hatte ich kein Gesicht zur Geschichte. Das hat zu einer gewissen persönlichen Distanz geführt. Es kann aber auch einfacher sein, wenn man ein Gesicht mit einer Suchmeldung verbinden kann.

Es klingt nach einer Gratwanderung.

Bolle: Wir haben im Vorfeld des Projektes versucht, uns auf die unterschiedlichsten Situationen vorzubereiten. Wir sind mit einer emotionalen Professionalität an das Projekt herangegangen. Die Beamten und Beamtinnen bekamen ein Briefing von uns. Schalterbeamter oder Schalterbeamtin zu sein, war eine Rolle. Wir haben zugehört, die Leute durch einen standardisierten Fragebogen geführt und fleissig mitnotiert. Ein Gespräch dauerte im Schnitt 15 Minuten. Manchmal mussten wir die Leute abklemmen. Wenn man einfach zuhört, kommen sie ins Reden.

Kam es zu heiklen Situationen?

Keller: Wir rechneten damit, dass es sehr traurig werden könnte. Eine Liste mit Notfallnummern lag in der Schublade. Aber sie wurde nie gebraucht. Die traurigsten Meldungen sind online eingegangen. Es ist wohl einfacher, eine schwierige Geschichte in Ruhe und in der stillen Kammer ins Formular zu tippen, als sie am Schalter zu erzählen.

Bolle: Beim Aufschreiben lässt man eine gewisse Hilflosigkeit bereits hinter sich.

Keller: Genau. Interessant war auch, dass die meisten Fundbüro-Besucher uns die Erlaubnis gaben, ihre Meldung öffentlich zu machen. Es gibt allem Anschein nach ein Bedürfnis, die Erlebnisse und Erkenntnisse nach aussen zu tragen.

Hand aufs Herz: Gab es nie Momente, in denen Sie helfen wollten?

Bolle: Zumindest nicht am Schalter, nein. Aber ich hatte oft das Bedürfnis, im Anschluss an den «Dienst» oder nach dem Lesen von Online-Meldungen allein zu sein, um nachdenken zu können.

Keller: Nur schon das Zuhören kann eine Hilfe sein. Denn das passiert gar nicht so oft, dass jemand zuhört, ohne sogleich Bedauern auszudrücken oder Ratschläge zu geben. Am Schalter habe ich mich gezügelt und versucht, den Menschen Raum zu geben. Manchmal hat es Kraft gebraucht, deren Gedanken nicht mit der eigenen Erlebniswelt zu durchbrechen.

Bolle: Bei Meldungen, die sehr nahe gingen, hat es geholfen, dass wir uns beide über die Meldungen austauschen oder gemeinsam dazu schweigen konnten.

Ist Ihnen geglückt, das Bewusstsein für Werte zu sensibilisieren?

Bolle: Die Idee vom Lost & Found für Nicht-Dinge ist grösser geworden, als wir gedacht haben. Das Projekt wurde medial diskutiert, besonders in Deutschland. Da wurde die Idee auch adaptiert und weitergespielt, beispielsweise in Waiblingen bei Stuttgart.

Warum gerade in Deutschland?

Bolle: Zum einen wegen der Sprache. Ich glaube aber auch, dass Werte in Deutschland aktuell eine grössere politische Brisanz und Relevanz haben als in der Schweiz.

Keller: Ob der Diskurs über Werte dort eine andere Dringlichkeit hat als hier, kann ich nicht beurteilen. Es gibt in Deutschland einfach mehr Medien und Menschen. Und es war eine gute Geschichte: «In Zürich in der reichen Schweiz haben zwei Künstler ein Fundbüro für Immaterielles eröffnet.» Das fand sogar das ZDF und hat in «heute – in Europa» einen Beitrag gebracht.

Welche Such- oder Fundmeldung würden Sie nun schalten?

Keller: Meine Meldung hat mit der Arbeit am Buch zu tun. Während des Schreibprozesses habe ich einen grossen Widerspruch gefunden, zwischen dem, was ich weiss und vertrete, und dem, was ich lebe. Ich weiss, dass es wichtig und richtig ist, sich immer wieder Zeit für sich selbst zu nehmen. Das ganze Fundbüro-Projekt basiert auf dieser Überzeugung. Als es darum ging, das Buch zu realisieren, hatte ich noch derart viel andere Arbeit auf dem Tisch, dass ich oft bis spät in die Nacht am Computer sass. Die Yogamatte und der Wald waren so weit weg, wie schon lange nicht mehr. Jetzt ist es wieder besser.

Bolle: Ich habe einen ganzen Koffer mit Meldungen gefunden. Thematisch drehen sie sich um das Finden der Akzeptanz, dass das Leben kein Ponyhof ist. Es gibt Dinge im Leben, die nicht gut sind, die man aber auch nicht ändern kann. Das kann ich mittlerweile besser akzeptieren.

Wie passen ein Fundbüro für Nicht-Dinge und die Publikation eines käuflichen Buches zusammen?

Bolle: Wie das Leben so ist, es verhält sich nicht konsequent. Der Mensch kann sich nicht ausschliesslich im immateriellen Raum bewegen. Er braucht etwas Haptisches.
Keller: Die Idee vom Fundbüro 2 hat zuerst mit dem Schalter und jetzt mit dem Buch einen Körper und eine gewisse Tatsächlichkeit erhalten.